Chemie-Nobelpreisträger Walter Kohn gestorben

22. April 2016, 10:19
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Walter Kohn wurde als Jugendlicher von den Nazis aus Wien vertrieben, als US-Physiker gewann er den Chemie-Nobelpreis, in seiner alten Heimat fühlte er sich nie mehr wohl

Santa Barbara / Wien – Als Walter Kohn spätnachts im Jahr 1998 vom eben zuerkannten Chemie-Nobelpreis informiert wurde, meinte er angeblich brummig: "Ich bin Physiker, kein Chemiker." Und er hatte damit natürlich recht: Die Dichtefunktionaltheorie, die auf atomarem Niveau beschreibt, was in Festkörpern und Molekülen vor sich geht, ist theoretische Physik.

Aber auch vom Nobelpreiskomitee erzählt man sich eine Anekdote. Kohn stand schon lange auf der Kandidatenliste, aber da in der Physik oft medienwirksame Arbeiten – ob aus der Astro- oder aus der Teilchenphysik – reüssieren, war man bemüht, Kohn für seine theoretische Arbeit endlich den Nobelpreis zu geben, und wich kurzerhand auf die Chemie aus.

Was wahr ist, wird man wohl nie erfahren. Sicher ist dagegen, dass Kohn, 1923 als Sohn einer jüdischen Familie in Wien geboren, mit dieser und anderen Arbeiten und nicht zuletzt als Hochschullehrer das Denken vieler Physiker beeinflusste und bis ins hohe Alter ein gerngesehener Gast in Diskussionsrunden mit jungen Wissenschaftern war – etwa 2012 beim Nobelpreisträgertreffen in Lindau am Bodensee.

Damals erzählte der Mann mit der markanten Baskenmütze und dem traurig-nachdenklichen Blick dem STANDARD einige Jugenderinnerungen aus Wien vor und nach dem "Anschluss". Der Sohn eines Postkartenverlagsleiters ging ins Akademische Gymnasium, musste dann ins jüdische Gymnasium wechseln. 1939 gelang ihm gemeinsam mit seiner Schwester mit dem "Kindertransport" die Flucht vor den Nazis nach Großbritannien. Seine Eltern blieben in Wien zurück und wurden im KZ Auschwitz ermordet. Kohn sagte: "Ich habe viele schmerzhafte Erinnerungen – an Menschen, die Juden auf offener Straße demütigten und die darüber lachten."

Ähnliche Worte fand er wohl auch immer wieder gegenüber seinem langjährigen Freund Peter Weinberger, Quantenchemiker an der TU Wien. "Wir gingen oft ins Kunsthistorische Museum, und in der Babenbergergasse erzählte er immer wieder von den Juden, die hier die Straßen waschen mussten", sagt Weinberger zum STANDARD.

Soldat für die Alliierten

Nach der Flucht nach Großbritannien kam Kohn nach Kanada und kämpfte im Zweiten Weltkrieg für die Alliierten. Hier startete er auch seine Karriere als Wissenschafter. Später ging er an die Harvard University, nach Pittsburgh, Kopenhagen, Paris und San Diego, ehe er nach Santa Barbara kam, wo er von 1979 bis 1984 der erste Direktor des Institute for Theoretical Physics an der dortigen University of California war.

Kohn äußerte sich immer wieder kritisch über die mangelhafte Aufarbeitung des Nationalsozialismus durch die österreichische Gesellschaft. Er warf dem heutigen Österreich nicht die Nazizeit vor, sondern die Tatsache, dass es bis in die 1990er-Jahre dauerte, ehe ein Regierungschef Mitschuld am Holocaust eingestand.

Nach dem Nobelpreis erhielt Kohn, längst US-Staatsbürger, spät aber doch auch hierzulande einige Ehrungen: Das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst (1999), das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2009), die Ehrenmitgliedschaft der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (2011) und das Ehrendoktorat der Uni Wien (2012). Schon vor dem Nobelpreis erhielt er das Ehrendoktorat der TU Wien (1996).

Kohn starb, wie jetzt bekannt wurde, am Dienstag. In ersten Reaktionen zeigten sich Politiker betroffen: Bundespräsident Heinz Fischer meinte, Kohns Leben sei "von wissenschaftlicher Exzellenz und klaren ethischen Prinzipien geprägt gewesen". Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) würdigte Kohn als "herausragenden Wissenschafter, dessen Arbeit Generationen geprägt hat". Der Wiener Wissenschaftsstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) bezeichnete den Verstorbenen als einen "Weltstar der Wissenschaft". (Peter Illetschko, 22.4.2016)

  • Walter Kohn auf einem Archivbild aus dem Jahr 2012.
    foto: apa/georg hochmuth

    Walter Kohn auf einem Archivbild aus dem Jahr 2012.

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