Keine Angst vor der Digitalisierung

25. April 2016, 09:09
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In der Liste der Mangelberufe liegt die Zukunft des Landes – Endzeitstimmung ist trotzdem nicht angesagt

"Wir müssen in F&E und in Qualifikationen investieren, dann werden die Roboter, die uns angeblich die Jobs wegnehmen, zumindest bei uns gebaut", antwortet Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarktservice (AMS), auf die Szenarien des Endes der Erwerbsarbeit durch Robotisierung. Ob Österreich die Digitalisierung verschlafe? "Die Chancen sind noch da", antwortet der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer. So kurz und milde kann er an dieser Stelle sein, weil er zuvor massiv Reformstau im Bildungssystem plus – sinngemäß – hinderliches Beharren der Sozialpartner angeprangert hatte.

Neumayer sieht Österreich in Position, zu den Innovation-Leadern aufzuschließen, wenn "wir im Bildungssystem nicht weiter junge Menschen verlieren, die wir brauchen". Vom Auftrag der "Mobilisierung der Talente vom Kindergarten bis zum Doktorat" spricht TU-Professor Hermann Kopetz, als Mitbegründer der TTTech ein Beispiel dafür, dass Österreich sehr wohl global mitspielen könne. Obwohl: Seine Fachleute findet er im Inland nicht.

Für Digitalisierung qualifizieren

Das deckt sich mit der vorliegenden AMS-Liste der 14 Mangelberufe: allesamt rund um Technik, Ingenieurwesen, Datenverarbeitung und IT. Gleichzeitig seien das die "Zukunftsfelder des Landes", wie das Podium im Wiener Haus der Industrie in der Vorwoche unisono konstatierte.

Die Ansatzpunkte zur Zukunftsfähigkeit sind auch recht deckungsgleich: Anreicherung sämtlicher Bildung und Ausbildung mit digitalen Kompetenzen. Dabei sei es, so Kopf, allerdings falsch, allen Jungen, bloß weil sie ganztags Smartphones in der Hand hielten, digitale Kompetenz zuzuschreiben. Dass jemand ohne diese davonkomme, schließt Gerhard Zeiner, Chief Operating Officer der SAP in Österreich und Bundesvorsitzender des Wirtschaftsforums der Führungskräfte (WdF), klar aus: "Wir alle sitzen im Zug und fahren. Digitalisierung sind wir alle." Auch er ist bemüht, die digitale Transformation, das Mega-Buzzword der Gegenwart, mit Chancen zu versehen und diffuse Ängste zu nehmen.

Jede(r) Spitzenmanager(in) habe den klaren Auftrag, Strategien für die Digitalisierung zu entwerfen und die Belegschaften zu qualifizieren. Dass Millionen Jobs der Automatisierung zum Opfer fallen, glaubt auch er nicht. "Wir sollten die Möglichkeiten der Informations- und Datenverarbeitung endlich als Chance begreifen."

Gegen verstaubte Berufsbilder

Überraschen positiv fiel die Bewertung der Forschungsförderungsinitiativen in den vergangenen drei Jahren aus. Kopetz fordert allerdings deutlich mehr Ermöglichung "radikaler Innovation" ein, es gehe nicht in erster Linie um irgendwelche Fördertöpfe, sondern darum, die Universitäten in diese Richtung zu fördern, indem Problemstellungen der Gesellschaft und der Politik in diese hineingetragen werden. Kopetz, soeben aus China zurück und vom dortigen Push Junger in technische Ausbildungen begeistert: "Ich nehme zunehmend weltweit eine Abschottung der Universitäten wahr, das ist die falsche Richtung." Der Gründung von TTTech seien 20 Jahre intensive universitäre Forschung vorangegangen.

An die Rektorin der Technischen Universität Wien, Sabine Seidler richtete sich die Frage, wo denn trotz MINT- und anderer Initiativen der Output bleibe. Sie verliere von 1000 Inskribenten (15 Prozent Frauen) in Maschinenbau mehr als die Hälfte im Laufe des Weges. Einerseits, weil die Betreuung nicht gewährleistet werden könne, andererseits, weil die Vorstellung der Arbeitsinhalte unrichtig sei und "weil wir verstaubte Berufsbilder haben". Die Arbeit daran, stimmt Zeiner zu, sei eine der dringendsten der Gegenwart.

"Entideologisierung"

Dass die klassischen Profile mittlerweile ohnedies nach und nach durch Fähigkeitsbündel ersetzt werden, wirft Johannes Kopf ein. Bezeichnungen dafür gebe es nicht oder kaum. Das AMS arbeite deswegen an einer Matching-Plattform, die nach Kompetenzen funktioniert. Ein Auftrag an alle zur permanenten Qualifizierung und "Entideologisierung". (Karin Bauer, 25.4.2016)

  • Keine Spur von Endzeitstimmung bei der Diskussion "Wirtschaft braucht Technik": Hermann Kopetz (TU und TTTech), Rektorin Sabine Seidler (TU Wien), Christoph Neumayer (Generalsekretär Industriellenvereinigung), AMS-Chef Johannes Kopf, Gerhard Zeiner (SAP und Vorsitzender Wirtschaftsforum der Führungskräfte), Moderatorin Karin Bauer (v. r.).
    foto: regine hendrich

    Keine Spur von Endzeitstimmung bei der Diskussion "Wirtschaft braucht Technik": Hermann Kopetz (TU und TTTech), Rektorin Sabine Seidler (TU Wien), Christoph Neumayer (Generalsekretär Industriellenvereinigung), AMS-Chef Johannes Kopf, Gerhard Zeiner (SAP und Vorsitzender Wirtschaftsforum der Führungskräfte), Moderatorin Karin Bauer (v. r.).

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