Zäher Kampf um die Spätentschlossenen

21. April 2016, 22:42
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Machtfantasien, Kampfeinsätze und Opernball-Besuche: Bei der Elefantenrunde am Donnerstagabend im ORF versuchten die sechs Präsidentschaftskandidaten unentschlossene Wähler auf ihre Seite zu ziehen

Andreas Khol will sich nicht kampflos geschlagen geben. Also nützte der ÖVP-Kandidat die Aufwärmrunde, die Moderatorin Ingrid Thurnher bei der ORF-Elefantenrunde mit der an sich harmlosen Frage nach den Eindrücken aus dem Wahlkampf eröffnet hatte, gleich zum ersten Angriff. Seit Irmgard Griss, seine Hauptkonkurrentin um die Gunst des bürgerlichen Lagers, im STANDARD gesagt hat, dass weitere 90.000 Asylwerber im heurigen Jahr noch keinen Notstand auslösen würden, will Khol eine Wende im Wahlkampf ausgemacht haben. Viele Menschen sagten: "Das schaffen wir nicht mehr."

Es war vielleicht der Abend der letzten Chancen, zu dem die sechs Kandidaten am Donnerstag im ORF-Studio antraten. Die sogenannte Elefantenrunde kann durchaus Einfluss auf die Entscheidung haben, ob jemand knapp Erster oder Zweiter wird oder eben knapp die Stichwahl verpasst. Denn in den letzten drei Tagen vor einer Wahl sei durchaus noch einiges zu holen, sagt der Politologe Peter Filzmaier im STANDARD-Gespräch.

Im Schnitt legen sich rund zehn Prozent der Wähler erst in den letzten drei Tagen vor einer Wahl fest, erklärt Filzmaier. Sogar bei der letzten Bundespräsidentenwahl 2010, als Amtsinhaber Heinz Fischer de facto lange vor dem Urnengang als Sieger feststand (seine Herausforderer waren Barbara Rosenkranz und Rudolf Gehring), haben sechs Prozent der Wähler zu den Spätentschlossenen gezählt. Da das Rennen dieses Mal wesentlich offener ist als 2010, kommt dem Wahlkampffinale also eine große Bedeutung zu.

Das Flüchtlingsthema war rasch abgehakt. Griss wies Khols Eröffnungsangriff als "böswillig" zurück. Schließlich habe der neue Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) ihre Einschätzung zum Notstand geteilt. Quasi von rechts sprang FPÖ-Kandidat Norbert Hofer bei: Khol habe sich eine Maske aufgesetzt und spiele "den Jörg Haider".

Laut und leise reden

Ob die Kandidaten im Wahlkampf nicht Kompetenzen vorgegaukelt hätten, die der Präsident nicht habe, wollte Thurnher wissen – Stichwort "Allmachtsfantasien", wie sie das amtierende Staatsoberhaupt Heinz Fischer kritisiert hatte. Khol, der den Präsidenten in der Rolle eines Fußballtrainers sieht, fühlte sich ebenso wenig angesprochen wie SPÖ-Kandidat Hundstorfer, der auffällig oft seine Erfahrung aus siebenjähriger Ministerzeit verwies: Er wolle "laut reden und leise reden", um die Regierung zu gewissen Vorhaben – etwa der geplanten Ausbildungsgarantie für Jugendliche – zu drängen.

Die Antipode zu Fischer spielt in dieser Frage Richard Lugner. Er sagte klipp und klar: Wenn eine Regierung nichts weiterbringe, gehöre sie einfach auch einmal rausgeschmissen.

Offensiv gerierte sich auch Hofer. Er wolle einen "viel, viel aktiveren" Bundespräsidenten spielen als bisher üblich – und nannte ein Beispiel: Das Freihandelsabkommen TTIP werde er nicht unterschreiben. Der Grünen-nahe Alexander Van der Bellen will in erster Linie darauf setzen, Verhandlungsdruck auf die Regierung aufzubauen, sich aber nicht im Vorhinein die Möglichkeit nehmen lassen, einer FPÖ-geführten, ergo: europafeindlichen Regierung die Angelobung zu verweigern – worüber sich Hofer prompt beschwerte.

Auch Griss nannte einen konkreten Anlass zum Eingreifen: wenn Posten nicht nach Kompetenz, sondern nach rot-schwarzer Parteipolitik vergeben würden. Hundstorfer ließ das nicht auf sich sitzen, nannte die Parteibuchwirtschaft, was seinen ehemaligen Einflussbereich im Sozialministerium betrifft, eine Unterstellung – und erntete ungläubiges Gelächter im Publikum.

Worum es sonst noch ging: das neutrale Österreich und seine Rolle in internationalen Konflikten. Die Frage, ob sich das Land an einer militärischen Mission gegen den "Islamischen Staat" beteiligen sollte, beantwortete keiner der Diskutanten mit Ja. Hofer antwortete mit einem glatten "kommt nicht infrage", andere Kandidaten halten grundsätzlich Einsätze mit internationalem Mandat für möglich: Van der Bellen und Griss verwiesen auf ein UN-Mandat, Hundstorfer auf die Battlegroups der EU, deren Einsatz allerdings nicht absehbar sei. Khol plädierte für eine gemeinsame Sicherung der Außengrenze, Lugner will keine Österreicher in kämpfenden Truppen sehen.

Tanzprofi und Bergsteiger

Launiger wurde es gegen Ende. Wie es die Kandidaten mit den repräsentativen Aufgaben hielten? Van der Bellen freut sich auf die Eröffnung der Salzburger Festspiele, auf den Opernball hingegen nur begrenzt – worauf Hundstorfer prompt den Tanzprofi herauskehrte, der schon jetzt auf 16 bis 17 Bälle jährlich gehe.

Khol hingegen gab den kernigen Tiroler. "Ich bin ordens- und ehrenzeichenbefriedigt, und am Opernball war ich auch schon sechsmal", sagte er. "Lieber geh ich mit den Genagelten bergwandern." Die gesellschaftlichen Pflichten eines Staatsoberhaupts werde er natürlich dennoch ausüben, denn die Leute hätten ein Bedürfnis nach Symbolen – doch Freude mache ihm etwas anderes.

Gewohnt sachlich-nüchtern gab sich Griss: Sie würde sich am meisten darauf freuen, eine programmatische Rede vor vielen Leuten zu halten. Etwas müde, weil nicht mehr ganz bei der Sache, wirkte hingegen Lugner. Die Frage nach den zeremoniellen Vorlieben beantwortete er mit einem eigenwilligen Exkurs zum Thema soziale Gerechtigkeit: "Wollen wir Kommunismus?"

Ins Frivole glitt die Debatte, zumindest nach Eindruck des lachenden Publikums, zum Ende ab. Die Vorausschau auf die Stichwahl wollte Van der Bellen mit einem Hinweis auf einen erwarteten Dreikampf kommentierten, sagte aber zum allgemeinen Gaudium: "Ich erwarte einen Dreier." Lugner war zu diesem Zeitpunkt kaum noch zu bremsen, rief dazwischen und hielt ein Taferl mit dem aktuellen Gehalt des Bundespräsidenten in die Kamera: "Ich mach es um 500.000 Euro billiger." (go, jo, 21.4.2016)

  • Abend der letzten Chance: Bei der Elefantenrunde im ORF ging es für die Kandidaten darum, genug potenzielle Nichtwähler zu ködern, um es in die Stichwahl zu schaffen. Richard Lugner wird das eher nicht gelungen sein.
    foto: apa/hochmuth

    Abend der letzten Chance: Bei der Elefantenrunde im ORF ging es für die Kandidaten darum, genug potenzielle Nichtwähler zu ködern, um es in die Stichwahl zu schaffen. Richard Lugner wird das eher nicht gelungen sein.

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