Mit Wahrheit und Kultur gegen die Diktatur

Kommentar der anderen21. April 2016, 22:25
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Trotz aller Versuche, Tunesien von seinem Kurs abzubringen, schaffte das Land bisher den friedlichen Übergang zu einer Demokratie. Entscheidend dafür sind eine Wahrheitskommission und die Fähigkeit der Tunesier, den Extremismen zu widerstehen. – Barbarei betrifft nicht nur andere. Sich zu erinnern, das kann die bösen Geister der Vergangenheit bannen

Hannah Arendt hat in ihrem Werk Die Banalität des Bösen betont, dass jenen, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen, nicht immer bewusst ist, dass sie Schaden anrichten. Ihr Empfinden, in Verteidigung eines Systems zu agieren, das der Gemeinschaft ja nur "Gutes" will, verschaffe ihnen eine Art politische "Legitimität". Sie scheinen eine Art Absolution zu haben, die das Gegenüber entmenschlicht und die jedes Empfinden für "Böses" betäubt.

In den 18 Monaten ihres Bestehens wurden bei der tunesischen Wahrheitskommission mehr als 30.000 Klagen eingereicht, bei denen es um Verletzungen der Menschenrechte geht, die während der 60 Jahre währenden Diktatur im Land geschehen sind. Die Wahrheitskommission hat über 4000 Gespräche unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt; und ich kann Ihnen versichern, dass Opfer und Zuhörende gleichermaßen erschüttert sind von diesen Berichten über Vergewaltigungen von Frauen und Kindern. Es sind Berichte über ungeheuerliche Folter, etwa mit einer Bohrmaschine, mit einer Badewanne, sogar mit einem Brathähnchen. Es geht um zerbrochene Leben, erzwungene Scheidungen, Kinder ohne Eltern, die zur Kriminalität gezwungen werden.

Die Übergangsjustiz strebt durch die Aufdeckung der Wahrheit und die damit verbundene Geschichtsbewältigung eine Konfrontation mit dieser dantischen Hölle an. Überraschend ist, dass Opfer immer wieder erklären, dass sie bereit sind, zu verzeihen, wenn die Täter ihre Verbrechen eingestehen und reumütig sind.

Noch überraschender aber ist, dass die Folterknechte sich weiterhin als "Kämpfer für den Staat" geben, den sie gegen "Gegner" verteidigt hätten, und es deshalb ablehnen, um Verzeihung zu bitten. Denn sie haben ja im Namen des Staates und unter seinem Schutz gehandelt. Tatsächlich geht es um Verbrechen eines despotischen Systems, das alles, das im Weg steht, zerdrückt. Ein Staat, der in den Dienst der Interessen einer einzigen Gruppe gestellt wird und nicht in den Dienst der Gemeinschaft.

Die Opfer, die scharfsichtig begriffen haben, dass sie zu einer verlorenen Generation gehören, bestehen darauf, dass man alles macht, um wenigstens ihre Kinder zu retten. Sie sind "Kollateralschäden", genährt von einem Hass, der über Jahrzehnte gegen einen Staat kumuliert wurde. Ein Staat, der Rechte und Freiheiten garantieren sollte, aber der in Wirklichkeit die Ursache für die Verletzungen ist, die die Eltern erleiden mussten.

Heilende Alternative

Terroristischen Organisationen fällt es leicht, unter diesen Kindern Anhänger zu rekrutieren. Es ist die große Herausforderung, die Kinder davon abzuhalten, sie aus den Fängen dieses Ungeheuers zu befreien und ihnen eine heilende Alternative anzubieten: Am Anfang sollte im Namen des Staates die Bitte um Verzeihung stehen. Dann ein Bemühen um Beruhigung, die Wiedereingliederung in das Berufsleben. Die Würde, die unter die Räder gekommen ist, wird den Opfern damit zurückgegeben. Es braucht eine Versöhnung des Staates mit den Bürgern.

Die Herausforderung ist, dass eines Tages diese Jugendlichen empfinden, dass dieser Staat ihr Staat ist, und nicht der der Gegner. Das Veröffentlichen der Akten ist unumgänglich, um die Wahrheit herauszufinden. Es ist das einzige Heilmittel gegen das Böse, das geschehen ist. Die Diktatur hinterlässt ein Schlachtfeld aus Schmerzen, Tränen, Demütigungen, schweren Verletzungen und Hass, die im Laufe der Zeit zusammengekommen sind. In diesem Schlachtfeld, zerfurcht von Hass, keimt die Gewalt, die die Gesellschaft weiter vermint und ihre Entwicklung behindert. Es ist eine "Entminungsarbeit", welche die Wahrheitskommission leistet.

Tunesien war das Land, das die Bewegung des Arabischen Frühlings in Gang gesetzt hat. Der Revolution ist es gelungen, am 14. Januar 2011 eine 23 Jahre alte Diktatur zu stürzen. Die größte Herausforderung nach dem Fall der Diktatur ist nun der Aufbau eines neuen Staates, der die Inhalte eines neuen "Gesellschaftsvertrags" bestimmen muss.

Der Übergang zu einem demokratischen Staat ist kein Spaziergang, es ist ein Prozess, wo es mal nach vorne und auch wieder zurück geht. Und der Übergang geht immer auch mit Gewalt einher. Ähnliche Erfahrungen weltweit zeigen uns, dass Gewalt leider eher die Regel als die Ausnahme ist. Sie kann in Form eines versuchten Coup d'État oder von politischen Morden auftreten, wie Beispiele in Argentinien, auf dem Balkan oder in Südafrika zeigen, wo die Übergangsphase die blutigste in der Geschichte des jeweiligen Landes war.

Tunesien befindet sich im Übergang, auf einer fragilen Brücke zwischen einem despotischen und mafiosen System, das sich in Auflösung befindet, und einem System, dessen Umrisse vorerst nur von einer neuen, demokratischen Verfassung gezeichnet sind. Sie wurde 2014 angenommen, aber ihre Umsetzung ist schwierig, weil es dem Staat an Autorität fehlt, und auch weil der tiefgreifende Wandel auf Widerstand stößt. Die Schwäche der staatlichen Institutionen machen sich jene zunutze, die ihre eigenen Agenden durchzusetzen und die Politik damit beeinflussen wollen. Aber Tunesien schafft es bisher, trotz dieser Versuche den Kurs eines pazifistischen Übergangs zu wahren.

Am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, hat das Tunesische Dialogquartett den Nobelpreis bekommen für seinen "entscheidenden Beitrag zur Etablierung einer pluralistischen Demokratie in Tunesien. Die Tunesier waren sehr stolz auf diesen Preis. Dessen Licht strahlt auf die gesamte tunesische Bevölkerung.

Wir wissen alle, das einer der zentralen Schäden, die von der Diktatur verursacht wurden, das Zerschlagen einer kollektiven Identität als Gesellschaft war. Der Preis ist genau zur rechten Zeit gekommen, zu einem Zeitpunkt, an dem die Tunesier angefangen haben, erneut das Vertrauen in die Eliten und in sich selbst zu verlieren, ihr Bewusstsein als Gesellschaft zu verlieren, den Glauben an ihre Fähigkeit und den Rechtsstaat, von dem sie geträumt hatten. Der Nobelpreis hat uns gezeigt, dass die "Anderen" uns schätzen und die Bemühungen anerkennen, die wir nach der Revolution unternommen haben.

Das größte Verdienst der Tunesier ist, dass sie immer am Dialog festgehalten und Konsens gesucht haben. Der "Zug des Übergangs" von der Diktatur zur Demokratie konnte wie durch ein Wunder auf Schiene bleiben. Ohne diesen ruhigen, gewissenhaften Umgang mit der Vergangenheit durch die Übergangsjustiz ("justice transitionelle") wäre es unmöglich, der Gewalt ein Ende zu bereiten und die Gesellschaft auch in Zukunft davor zu bewahren.

Gewalt und Barbarei, das betrifft nicht nur andere. Es ist auch kein göttliches Schicksal. Das Vergessen ist das beste Mittel, um die bösen Geister der Vergangenheit zurückzuholen. Sich zu erinnern kann dagegen diese Geister bannen. Es ist die Verantwortung der Künste und der Kultur, das Gedächtnis zu stärken, das Leid und die Demütigungen auf die Bildfläche zu holen und damit das Vergessen zu verhindern.

Rückkehr nach Graz

Ich möchte zum Schluss sagen, wie viel es mir nach diesem langen Weg der vergangenen Jahre bedeutet, nach Graz zurückzukommen. Es fällt mir schwer, die Emotion, die diese Rückkehr in mir auslöst, zurückzuhalten. Es ist eine Rückkehr in einen Hafen menschlicher Wärme, der mir damals gewährt wurde, ohne dass man von mir eine Gegenleistung erwartet hätte – mitten in Zeiten der Not und des Zweifels: Zweifel, ob die menschlichen Werte noch gültig waren. Zweifel wegen des Fortbestands einer Diktatur, die unbesiegbar schien wie ein Koloss. Zweifel an der Widerstandsfähigkeit einer Elite, die zum Kompromiss neigte. Zweifel an der Staatsräson von Demokratien, die bereit waren, ihre Augen vor Menschenrechtsverletzungen zu verschließen. Und dennoch: Der Koloss ist gestürzt worden durch die Hände von Jugendlichen, die nichts mehr zu verlieren hatten.

Danke, Graz, danke an alle, die mich damals so herzlich empfangen haben und die mir geholfen haben, mir in dieser Phase wieder Mut zu geben und den Weg zur Freiheit weiter zu verfolgen! (Sihem Bensedrine, 21.4.2016)

Sihem Bensedrine (Jg. 1950) ist tunesische Journalistin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin. Von 2008 bis 2010 war sie "Writer in Exile" in Graz. 2009 musste sie ganz ins Exil flüchten, 2011 schließlich stürzte Diktator Zine el-Abedine Ben-Ali. Donnerstagabend eröffnete sie mit dieser – hier in Auszügen abgedruckten – Rede das Menschenrechtsfilmfestival "Fragments" in Graz.

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