Sind Kinder noch bereit, sich anzustrengen?

Blog22. April 2016, 07:00
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Oft wird der Nachwuchs schon für Kleinigkeiten gelobt, manchmal sind die Erwartungshaltungen der Erwachsenen zu hoch. Für Kinder ist es wichtig, eigene Erfahrungen zu machen

"Sascha, nimm bitte den Mist mit hinaus!" Als Karin, die Mutter, einige Zeit später weggeht, steht der Mistsack immer noch bei der Türe. Sie ärgert sich über ihren Sohn, entschließt sich aber den Müll doch selbst zu entsorgen. Während Manuel sich schon sehr auf das Schwimmen gehen mit seinem Papa freut, ist Patrick, sein Zwillingsbruder nicht dazu zu bewegen, seine Sachen für den Ausflug zu packen. Am liebsten möchte er zu Hause bleiben, es erscheint ihm viel zu anstrengend, ins Freie hinaus zu gehen und sich körperlich zu bewegen.

"Wer hilft mir Kekse zu backen?" Sofort kommen Jenny und Pascal angerannt. Das Ausrollen des Teiges überlassen sie dann doch lieber der Mama. Die Kekse werden hastig und fast lieblos ausgestochen und schon nach fünf Minuten empfinden die Kinder das Zusammenkneten des Teiges als anstrengend und wollen wieder zurück in ihr Zimmer gehen. Fertigarbeiten und Wegräumen bleiben der Mama. Simon hat Hunger und fragt, ob er etwas zu essen haben kann. Er geht in die Küche, holt sich eine Semmel, streicht Butter und Marmelade darauf und isst genüsslich. Sein älterer Bruder möchte ebenfalls essen, allerdings bittet er die Mama, ob sie ihm nicht vielleicht eine Semmel machen könnte und wartet darauf, ob beziehungsweise dass sie ihn bedient.

War das schon immer so?

Vier Situationen, die einem bekannt vorkommen. Gibt es doch kaum jemand, der das nicht in seiner Familie erlebt. Die Kinder sollen dies oder jenes tun, es wird ewig hinausgeschoben und gehofft, dass es dann doch die Eltern übernehmen oder es vergessen wird.

Oft fragt man sich: War das früher anders? Haben sich die Kinder früher mehr anstrengen müssen? Wollten sie dies genauso wenig wie heute? Oder hat sich in unserer Gesellschaft gar ein Wandel vollzogen, hin zu Kindern und Jugendlichen, die jegliche Anstrengungen tunlichst vermeiden möchten? Und wenn ja, ist dies ein Faktor der Erziehung und Vorbildwirkung, oder liegt es in manchen grundlegenden Charaktereigenschaften, wie sehr Kinder und Jugendliche sich anstrengen wollen?

Aufmerksamkeiten und Lob oft für Kleinigkeiten

Einerseits gibt es die Ansicht, dass Kinder für alles viel zu schnell gelobt werden. Sie erhalten Zuspruch auch für jene Dinge, die keine Anstrengung erfordern. Für eine lieblos gefertigte Zeichnung etwa oder Lob, wenn das Kind die Schuhe mit Klettverschluss selbst anziehen kann. Viele Hindernisse werden dem Kind aus dem Weg geräumt und trotzdem jede noch so kleine Handlung des Kindes mit großer Aufmerksamkeit belohnt und gelobt. Daraus resultiert dann, dass sich die kleinen Kinder für Stars halten und sich danach verhalten. Sie fordern bei jeglichen Kleinigkeiten Aufmerksamkeiten und Lob ein, auch in jenen Situationen, wo für die Kinder und Jugendlichen kein Anstrengen und Bemühen von Nöten war.

Eine andere Ansicht ist, dass viele Erwachsene und Bezugspersonen den Kindern und Jugendlichen jegliche Anstrengung abnehmen. Einerseits aus der Erfahrung heraus, dass Kleinkinder am Beginn ihres Lebens viel Unterstützung benötigen und dies einfach weitergeführt wird, obwohl die Kinder wachsen, reifen und selbstständiger werden könnten. Andererseits auch daher, dass in unserer schnelllebigen Gesellschaft alles eben schnell zu geschehen hat.

Damit nehmen die Eltern und Bezugspersonen, die leider viel zu oft einem gewissen Zeitdruck unterliegen, den Kindern die Möglichkeit, sich selbst auszuprobieren und verschiedene Handlungen öfters zu erproben. Dafür bleibt einfach keine Zeit. Damit es schnell geht, wird das Kind in der Früh von der Mutter angezogen, der Vater fährt es mit dem Auto bis direkt vor die Schule, auch wenn es den Weg zur Schule schon allein gehen könnte und sich selber vermutlich auch anziehen könnte, nur eben langsamer.

Eigene Erfahrungen machen ist wichtig

Kinder lernen damit, dass es sich eigentlich gar nicht mehr lohnt, sich für etwas anzustrengen, denn sie sind nicht schnell oder nicht gut genug und für immerwährendes Üben fehlt oftmals die Zeit.

Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es den Kindern zunehmend schwer fällt, eigene Erfahrungen in einer Gesellschaft zu machen, die auf Leistung und Zeitmanagement getrimmt ist. Da hat es keinen Wert, wenn das Kind, der Jugendliche lange ausprobiert. Kinder werden für Schnelligkeit und ein gutes Ergebnis gelobt, aber meist nicht für Ausdauer und Übung.

Hohe Erwartungshaltungen

Oftmals geben die Eltern den Kindern vor, wie etwas zu sein hat: "Mach das so, dann ist es besser!" Oder: "So muss das aussehen!" Dem Kind wird damit die Möglichkeit genommen, sich selbst auszuprobieren und für sich selbst Lösungen zu suchen. Kinder und Jugendliche sehen sich immer wieder mit Erwartungshaltungen von Erwachsenen konfrontiert, die ihnen zu hoch erscheinen. Dadurch kann es passieren, dass aus dem Gefühl der Frustration oder des nicht erreichen Könnens, der erste Lösungsversuch gar nicht gestartet wird und so die natürliche Motivation von Kindern und Jugendlichen verloren geht.

Ein weiterer Punkt, der in dieser Diskussion auftaucht, ist das Verwöhnen des Kindes. Möglicherweise ist eine der Motivationen der Eltern das schlechte Gewissen gegenüber dem Nachwuchs. Es könnte sein, dass sie versuchen, die mangelnde Zeit für die Kinder durch materielle Dinge wieder gut zu machen. Viele Kinder brauchen somit nur einen Wunsch zu äußern und er wird oft sehr schnell erfüllt. Ganz selten, dass diese Kinder sich für die Erfüllung ihres Wunsches anstrengen müssen, dass sie eventuell kleinere Arbeiten übernehmen, um sich Geld zu verdienen oder sich sogar mit guten Noten etwas dazu verdienen können.

Eltern als Vorbild

Auch bei der Anstrengungsbereitschaft haben die Eltern und Bezugspersonen eine große Vorbildwirkung. Erleben Kinder zu Hause noch Eltern, die sich anstrengen? Denn, was Eltern im Job leisten, sieht der Nachwuchs meist nicht. Möglicherweise sehen Kinder viel eher Mama und Papa, die sich nach der Arbeit und am Wochenende lieber ausruhen wollen und vor dem Fernseher oder dem Computer sitzen. Die zu ausgepowert sind, um mit den Kindern etwas zu unternehmen.

Manchmal wirkt auch das Vorbild der Eltern nicht, weil die Kinder ganz auf ihre Bedürfnisse und Wünsche fokussiert sind. In dieser Unüberlegtheit blenden sie mitunter die kleinen Anstrengungen des Alltags wie die Hilfe im Haushalt oder das Lernen für die Schule einfach aus.

Ihre Erfahrungen?

Wie gehen Sie mit mangelnder Anstrengungsbereitschaft Ihrer Kinder um? Wie und womit motivieren Sie Ihre Kinder? Posten Sie Ihre Erfahrungen, Fragen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 22.4.2016)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

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