"Fluch der ersten Nacht" ist einem halbwachen Gehirn zu verdanken

22. April 2016, 11:50
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Neuroforscher entdecken, warum wir in fremder Umgebung meist schlecht schlafen: Schuld ist die linke Hirnhälfte, die nicht zur Ruhe kommt

Providence – Schlafforscher und Handelsreisende kennen das Phänomen: Die erste Nacht in einem fremden Bett ist alles andere als erholsam. Diese Erfahrung ist durchaus universell. Ein japanisches Sprichwort etwa weiß: "Wenn du das Kopfkissen wechselst, schläfst Du nicht." Aber warum ist das so? Darauf haben nun Neurowissenschafter von der Brown University in Providence (US-Bundesstaat Rode Island) erstmals eine Antwort gefunden.

Wie die Forscher um Yuka Sasaki im Fachjournal "Current Biology" schreiben, bleibt während der Tiefschlafphase ein bestimmtes Netzwerk der linken Gehirnhemisphäre in einer Art Alarmmodus, während sich die rechte wie gewohnt ausruht.

"Wir wissen, dass Meerestiere und manche Vögel einen solchen Ein-Hemisphären-Schlaf haben, bei dem eine Hirnhälfte wach bleibt und die andere schläft", erläutert die Professorin für Kognitive Linguistik und Psychologie. Zwar würden menschliche Gehirne nicht ebenso asymmetrisch arbeiten wie die von Meerestieren. "Aber womöglich haben unsere Gehirne ein Miniatur-System dessen, was Wale und Delphine haben", sagt Sasaki.

Default-Mode-Netzwerk bleibt wach

Das Team nahm mit Hirnstrommessungen und bildgebenden Verfahren den Schlaf von 35 Freiwilligen in der ersten und der achten Nacht im Schlaflabor unter die Lupe. Ergebnis: In der ersten Nacht waren die linken Hirnhälften in der sonst erholsamen, langwelligen Tiefschlafphase leicht anzusprechen. Wie die Gehirnscans zeigten, war von dieser zerebralen Schlaflosigkeit das sogenannte Default-Mode-Netzwerk besonders betroffen. Es wird im wachen Zustand beim Nichtstun aktiviert, sorgt für ein gewisses Hintergrundrauschen und generiert Tagträumereien und Gedankenketten.

Der Schlafforscher Dieter Riemann vom Universitätsklinikum Freiburg findet die Studienergebnisse vielversprechend und hochinteressant. "Die Ergebnisse passen in eine Forschungsrichtung, die man 'local sleep' nennt – in diesem Fall dann allerdings eher 'local wakefulness'. Diese geht davon aus, dass Schlaf eben kein absolut homogener Zustand des gesamten Gehirns ist."

Seiner Meinung nach lassen sich daraus generell Strategien zur Behandlung von Schlafstörungen entwickeln. "Wir gehen ja davon aus, dass bei chronischen Insomnien ein permanentes Hyperarousal (Übererregtheit) – letztendlich Ausdruck einer Habacht-Stellung – vorliegt." Bei chronischen Schlafstörungen könnten Entspannungstechniken, aber auch gezieltes Später-ins-Bett-Gehen helfen.

Eigener Polster gegen den "Fluch der ersten Nacht"

Um dem Fluch der ersten Nacht zu entgehen oder ihn zumindest zu lindern, empfiehlt Sasaki Reisenden, ihren eigene Kopfpolster mitzunehmen oder stets ähnliche Hotels zu buchen. Möglicherweise seien Vielreisende jedoch auch in der Lage, die nächtliche Habacht-Stellung auszuschalten. "Menschliche Gehirne sind sehr flexibel." An der Brown University versuche man derzeit, den "wachen" Teil des Gehirns mit einer bestimmten Technik auszuschalten und zu testen, ob sich der Schlaf dadurch verbessern lasse. (APA, red, 21.4.2016)

  • Die erste Nacht in fremder Umgebung beschert oft keinen erholsamen Schlaf. US-Wissenschafter haben nun entdeckt, woran das liegen könnte.
    foto: paul chiorean

    Die erste Nacht in fremder Umgebung beschert oft keinen erholsamen Schlaf. US-Wissenschafter haben nun entdeckt, woran das liegen könnte.

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