Präsidentschaftswahl: Die Außenseiter in der Favoritenrolle

23. April 2016, 15:00
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Der Wahlkampf war und ist spannend, ein eindeutiges Ergebnis ist trotz eines Grünen in der Favoritenrolle noch nicht absehbar

Mit sechs Kandidaten und einem durchaus ungewöhnlichen Verlauf ist dieser Wahlkampf so spannend und interessant wie schon lange keine Wahlauseinandersetzung um den Einzug in die Hofburg zuvor. Meinungsforscher schätzen, dass die Wahlbeteiligung wieder auf 70 Prozent und darüber ansteigen könnte – nach zuletzt mageren 50 Prozent, als sich Heinz Fischer 2010 der Wiederwahl stellte und mit Barbara Rosenkranz (FPÖ) und Rudolf Gehring von der Christen-Partei konfrontiert war.

Auch Richard Lugner als reicher Underdog leistete mit zum Teil recht skurrilen Auftritten seinen Beitrag zu einem streckenweise unterhaltsamen Wahlkampf. Neue Fernsehformate im ORF und bei den Privatsendern stießen mit teils trivialen Inhaltsvorgaben zwar auch auf Kritik, sollten aber ein breiteres Publikum abseits der Polit-Junkies ansprechen.

Warnung der Meinungsforscher

Eine große Rolle spielten die Meinungsumfragen, die von Beginn an dem vermeintlichen Außenseiter Alexander Van der Bellen, der sein Antreten als überparteilich zu verkaufen versuchte, die Favoritenrolle zusprachen. Nahezu alle Umfragen zu jedem Zeitpunkt – mit einer einzigen Ausnahme in der Kronen Zeitung – sehen den Grünen in Führung. Gefolgt von FPÖ-Kandidat Norbert Hofer und der parteiunabhängigen Irmgard Griss. Die Meinungsforscher weisen allerdings vorsorglich auch darauf hin, dass sie falschliegen könnten: Die Abstände sind nicht so signifikant und die Zahl der Unentschlossenen bis zuletzt ist so hoch, dass es am Wahltag noch eine Überraschung geben könnte.

Prägend für den Wahlkampf ist jedenfalls, dass die Vertreter der Regierungsparteien, Rudolf Hundstorfer für die SPÖ und Andreas Khol für die ÖVP, mit derart schlechten Umfragewerten zu kämpfen haben, dass ihnen kaum jemand den Einzug in die Stichwahl zutraut. Daran kiefeln nicht nur die Kandidaten selbst, das lässt auch in den Parteizentralen die Alarmglocken schrillen.

Angeschlagene Parteichefs

Kanzler Werner Faymann und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner sind durch die allgemeine Lage und innerparteiliche Auseinandersetzungen ohnedies angeschlagen. Faymann hat alle Mühe, seinen Schwenk in der Asylfrage dem linken Flügel in der Partei zu erklären, Mitterlehner sieht sich durch das Hineinpfuschen des niederösterreichischen Landeshauptmanns Erwin Pröll entmachtet. Das zu erwartende schlechte Abschneiden ihrer Kandidaten könnte beiden Parteichefs zusetzen und eine Debatte über ihre Durchschlagskraft befördern.

Während es der FPÖ mit Norbert Hofer gelingt, ihre Sympathisanten anzusprechen und das Protestpotenzial im Land auch mit Verweis auf die Flüchtlingskrise zu mobilisieren, sind die ausgewiesenen Werte für Van der Bellen und Griss ein Phänomen. Offenbar kann der Grüne Wähler weit über das Potenzial seiner Partei hinaus ansprechen. Ihm kommt auch die Polarisierung gelegen, die mit der Debatte über den Umgang mit Flüchtlingen einhergegangen ist. Seine strikte Ablehnung von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache als Kanzler hält zwar nicht allen verfassungsrechtlichen Nachfragen stand, ist aber ein Alleinstellungsmerkmal, das in bestimmten Wählerkreisen offenbar dankbar als Wahlempfehlung aufgenommen wird.

Parteienverdrossenheit

Irmgard Griss wiederum, die ehemalige Richterin, kann von der Politik- und Parteienverdrossenheit, die in weiten Teilen des bürgerlichen Lagers vorherrscht, profitieren. Während Van der Bellen gelegentlich etwas müde wirkte, punktet sie mit ihrer frischen Art, die sie dem beachtlichen Werbeaufwand der anderen Kandidaten entgegensetzen konnte.

Wer auch immer am Sonntag -oder vielleicht sogar erst am Montag nach der Auszählung der Wahlkarten – vorne liegen wird: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Am 22. Mai findet die Stichwahl statt, bis dahin werden die Karten neu gemischt. Dann wird sich zeigen, wie sich die Anhänger der nicht erfolgreichen Bewerber auf die zwei in der Stichwahl befindlichen Kandidaten verteilen werden. (Michael Völker, 22.4.2016)

  • Meinungsforscher warnen vor der Aussagekraft ihrer Umfragen. Noch sei offen, wer in die Hofburg einziehen könnte.
    foto: reuters/bader

    Meinungsforscher warnen vor der Aussagekraft ihrer Umfragen. Noch sei offen, wer in die Hofburg einziehen könnte.

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