Der Arktis droht im Sommer erneut ein Rekordeisverlust

22. April 2016, 07:30
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Experten prognostizieren nach einem besonders warmen Winter ähnliche Bedingungen wie im Negativrekordjahr 2012

Bremerhaven – Der vergangene März war nicht nur der elfte Monat in Folge, der einen Temperaturrekord geknackt hat, es hat auch noch nie eine so geringe Eisbedeckung in der Arktis gegeben wie in diesem Winter. Der bedenkliche Trend dürfte sich nun fortsetzen: Forscher vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven erwarten im kommenden Sommer eine neue Rekordschmelze des arktischen Meereises. Hauptursache sei, dass sich in vielen Gebieten nur sehr langsam neues Eis gebildet hat, das zudem teilweise dünner ist als im Negativrekordjahr 2012.

Zu dieser Prognose kommen die Wissenschafter, nachdem sie aktuelle Satellitendaten zur Dicke der Eisdecke ausgewertet haben. Diese zeigen zum einen, dass das arktische Meereis bereits im Sommer 2015 ausgesprochen dünn war. Zum anderen hat sich im zurückliegenden Winter besonders wenig neues Eis gebildet, wie die Forscher auf der Jahrestagung der European Geosciences Union in Wien berichten.

Ungünstige Voraussetzungen

Die Sommerausdehnung des arktischen Meereises einige Monate im Voraus vorherzusagen, gehört zu den großen Herausforderungen der Polarforschung. Der Grund: Letztendlich entscheiden die Windverhältnisse sowie die Luft- und Wassertemperatur der Sommermonate über das Schicksal des Eises bis zum Ende der Schmelzsaison. Im vorangehenden Winter werden jedoch die Grundlagen dafür gelegt – und diese sehen im Frühjahr 2016 so schlecht aus wie im Negativrekordjahr 2012. Damals war die arktische Meereisfläche auf ein Rekordminimum von 3,4 Millionen Quadratkilometer geschrumpft.

"Der besonders warme Winter in der Arktis hat dazu geführt, dass sich in vielen Gebieten nur sehr langsam neues Meereis gebildet hat. Vergleichen wir die Meereisdickenkarte des zurückliegenden Winters mit jener aus dem Jahr 2012, dann zeigt sich, dass wir derzeit ähnliche Eisbedingungen vorfinden wie im Frühjahr 2012 – teilweise sogar deutlich dünneres Eis", sagte AWI-Meereisphysiker Marcel Nicolaus.

Er und sein Kollege Stefan Hendricks hatten für ihre Meereisprognose die Eisdickenmessungen des Satelliten CryoSat-2 aus den zurückliegenden fünf Wintern ausgewertet. Wichtige Anhaltspunkte lieferten zudem sieben autonome Schneebojen, welche die Wissenschafter im vergangenen Herbst auf Eisschollen im Arktischen Ozean platziert hatten. Die Bojen messen zusätzlich zur Höhe der Schneedecke auf dem Meereis auch die Lufttemperatur und den Luftdruck. Ein Vergleich ihrer Temperaturdaten mit den AWI-Langzeitmessungen auf Spitzbergen ergab, dass es zum Beispiel im Februar 2016 in der zentralen Arktis bis zu acht Grad Celsius wärmer war als im Durchschnitt.

Meereis ist im Winter nur langsamer gewachsen

Entgegen eines anderslautenden Berichtes US-amerikanischer Forscher führte diese Wärme jedoch nicht dazu, dass die Meereisdecke im Laufe des Winters in einigen Regionen dünner geworden ist. "Unsere Bojendaten aus diesem Frühjahr belegen, dass diese warme Winterluft nicht ausgereicht hat, um den auf dem Meereis liegenden Schnee, geschweige das Eis selbst zu schmelzen", so Marcel Nicolaus. Das arktische Meereis sei im zurückliegenden Winter nur viel langsamer gewachsen als die Wissenschafter dies erwartet hatten.

In ehemals eisreichen Gebieten wie dem Beaufortwirbel vor der Küste Alaskas sowie in der Region nördlich Spitzbergens ist das Meereis in diesem Frühjahr deutlich dünner als sonst zu dieser Jahreszeit. "Wo das Festeis nördlich Alaskas normalerweise 1,5 Meter dick ist, messen unsere US-amerikanischen Kollegen derzeit weniger als ein Meter. Derart dünnes Eis wird der Sommersonne nicht lange standhalten können", meint Hendricks.

Dickes Packeis verabschiedet sich in den Nordatlantik

Mit Blick auf die CryoSat-2-Meereisdickenkarte dieses Frühjahres erklärte Stefan Hendricks außerdem: "Die als Transpolardrift bekannte Meeresströmung im Arktischen Ozean wird in den kommenden Monaten einen Großteil des dicken und mehrjährigen Eises, welches wir heute noch vor der Nordküste Grönlands und Kanadas finden, über die Framstraße in den Nordatlantik führen. Auf diese dicken Schollen folgt dann dünnes Eis, welches im Sommer schneller schmilzt. Es deutet demzufolge alles darauf hin, dass das Gesamtvolumen des arktischen Meereises im kommenden Sommer deutlich abnehmen wird und wir bei ungünstigen Witterungsbedingungen gegebenenfalls mit einem neuen Rekord-Minimum rechnen müssen", erklärt Hendricks.

Der Eisverlust wird voraussichtlich so groß ausfallen, dass alle Zuwächse, welche die Forscher in den relativ kalten Wintern der Jahre 2013 und 2014 verzeichnet hatten, wieder zunichte gemacht werden. Schon im Spätsommer 2015 hatten die Wissenschaft eine deutliche Abnahme der Meereisdicke beobachtet, auch wenn die Gesamtfläche des Septemberminimums am Ende rund eine Million Quadratkilometer über dem Rekordminimum 2012 lag. Der außergewöhnlich warme Winter habe nun seinen Teil dazu beigetragen, dass sich der dramatische Rückgang des arktischen Meereises voraussichtlich auch im Jahr 2016 fortsetzen wird. (red, 22.4.2016)

  • Forscher erwarten in diesem Sommer eine neue Rekordschmelze des Meereises in der Arktis. Die Auswertung aktueller Satellitendaten hat gezeigt, dass das Eis bereits im Sommer 2015 ausgesprochen dünn gewesen ist.
    foto: awi/stefan hendricks

    Forscher erwarten in diesem Sommer eine neue Rekordschmelze des Meereises in der Arktis. Die Auswertung aktueller Satellitendaten hat gezeigt, dass das Eis bereits im Sommer 2015 ausgesprochen dünn gewesen ist.

  • Hinzu kommt, dass der vergangene ungewöhnlich warme Winter besonders wenig neues Eis gebracht hat.
    foto: stefan hendricks

    Hinzu kommt, dass der vergangene ungewöhnlich warme Winter besonders wenig neues Eis gebracht hat.

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