Wettbewerb fördert auch die Wirtschaftsforscher

Kommentar der anderen20. April 2016, 19:01
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Eine Replik auf die – unökonomische – Kritik von Stefan Schiman

In seinem Kommentar vom 10. April (DER STANDARD, "Wettbewerb um Mittel statt Wettbewerb um Standpunkte?") äußert sich Stefan Schiman, Makroökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo), zum Wettbewerb der Wirtschaftsforschungsinstitute und meinen Vorschlägen zu einem neuen Finanzierungsmodell. Die Argumente sind zwar als Selbstrechtfertigung des Wifo verständlich, ökonomisch betrachtet aber eher zweifelhaft.

Zunächst hebt Schiman die Stärken des Wifo im Hinblick auf Meinungs- und Methodenvielfalt, flache Hierarchien und Geschlossenheit nach außen hervor. Ich selbst habe das Wifo weder erwähnt noch kritisiert. Wenn aber das Wifo so stark ist, warum hat er Bedenken gegen meinen Vorschlag, dass die Finanzierung der Forschungsinstitute an eine Evaluation durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) geknüpft wird? Warum soll denn das Wifo nicht mit dem Gütesiegel "vom FWF evaluiert und für gut befunden" sein Ansehen steigern können?

Schiman bezeichnet das Argument vom "angeblich geringen Wettbewerb" als falsch, weil zuletzt neue Institute gegründet wurden. Offensichtlich meint er, dass es genug Konkurrenz gibt. Aber das hat man noch von jedem Unternehmen gehört, das seine Geschäfte vor der Konkurrenz schützen will. Der Einwand ist umso erstaunlicher, als kleine Institute über keine staatliche Grundfinanzierung verfügen und der Wettbewerb wohl kaum gleichwertig sein kann.

Eine staatliche Grundfinanzierung kann nicht bedingungslos sein. Daher sollte die Qualität der Arbeit vom FWF beurteilt werden, dessen Kerngeschäft die Evaluation der Forschung ist. Eine Evaluation ohne Konsequenzen ist sinnlos. Eine Grundfinanzierung kann es nur mit positivem Ergebnis geben. Ist das Urteil negativ und scheidet ein Institut aus, muss ein anderer Konkurrent nachrücken, damit nicht ein Monopolist übrig bleibt. Daher habe ich eine zeitlich befristete Anschubfinanzierung für kleine Institute per Ausschreibung vorgeschlagen.

Eigeninteresse?

Schiman wirft mir Eigeninteresse vor, ich wolle auf diese Weise die von mir initiierte Neugründung des Wirtschaftspolitischen Zentrums (WPZ) finanzieren. Selbstverständlich würde sich das WPZ um eine Anschubfinanzierung bewerben! Aber wo ist das Problem? Wenn das WPZ die Ausschreibung nicht gewinnt, fließt kein Euro an Steuergeld. Wenn aber doch, dann ist es nur ein Beispiel dafür, dass innovative Startups eine Quelle von Innovation und Fortschritt sind. Die Marktführer wissen jedoch, dass sie im Wettbewerb nur so gut sein müssen wie die nächstbesten Konkurrenten. Möglicherweise hält Schiman auch deshalb nichts von einer Anschubfinanzierung für neue Institute.

Mein Vorschlag sieht zwei vom FWF grundfinanzierte Institute vor, die nach Ausschreibung eine Finanzierung für fünf Jahre erhalten, die nach positiver Evaluation wieder verlängert wird. Bei negativem Ergebnis kommt ein neues Institut zum Zug. Warum der Unabhängigkeit der Forschungsinstitute mit der derzeitigen Finanzierung durch die Ministerien, Sozialpartner und OeNB besser gedient sei als bei einer gleichen Finanzierung durch einen unabhängigen Fonds wie dem FWF, ist mir völlig schleierhaft. Schiman fürchtet, dass eine wettbewerblich organisierte Grundfinanzierung die Stabilität der Institute gefährden würde. Ich finde es jedoch abwegig zu behaupten, dass der FWF "mal hier, mal da" Grundfinanzierungen vergeben würde.

Man kann Schiman durch einen Verweis auf die gelebte Praxis in Deutschland beruhigen. Dort beaufsichtigt die unabhängige Leibnizgemeinschaft die fünf Wirtschaftsforschungsinstitute und gibt nach strenger wissenschaftlicher Evaluation für jeweils sieben Jahre eine Grundfinanzierung. Einzelne Institute mussten ausscheiden und auf die Grundfinanzierung verzichten, andere sind dazu gestoßen. Viel wichtiger ist der Aufschwung der Institute, die ihre Grundfinanzierung regelmäßig verlängern konnten, und diese mit wettbewerblichen Drittmitteln kräftig ergänzen. Dort gibt es weder einen Mangel im "Wettbewerb um inhaltliche Standpunkte" noch ein "mal hier, mal da" an Grundfinanzierung, sondern einen Höhenflug der fünf Forschungsinstitute, deren Ideen und Leistungen inzwischen auch in Österreich ziemlich stark nachgefragt werden. (Christian Keuschnigg, 20.4.2016)

Christian Keuschnigg (Jg. 1959) ist Wirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen. Von 2012 bis 2015 war er Leiter des IHS in Wien.

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