Wahlkampf: Sicherheit. Heimat. Glaube. Österreich.

Kommentar der anderen20. April 2016, 18:58
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Was wollen uns die Kandidaten für das Amt in der Hofburg eigentlich sagen? Wird Österreich nach der Wahl den politischen Befreiungsgriff üben müssen? Und: Muss der Herr am Rollator wirklich an Flucht denken?

Die Gruppe besteht aus etwa zwanzig Schülerinnen und scheint aus Tirol zu kommen. Ihre Lehrerin – oder ist es bereits eine Sicherheitsbürgerin? – bittet die Mädchen, in Zweierreihen Aufstellung zu nehmen und noch einmal den Befreiungsgriff zu üben, den sie gestern gelernt haben. Das Ganze spielt sich am helllichten Tag in einer Seitengasse der Mariahilfer Straße ab, und nachdem die Mädchen ein paar merkwürdige Verrenkungen gemacht haben, werden sie von ihrer Lehrerin zum Shoppen entlassen. Die Schülerinnen stecken sich ihre Kopfhörer in die Ohren und marschieren freudestrahlend Richtung H&M, Forever 21 und McDonald's. Ihre Smartphones tragen sie wie Opferschalen vor sich her.

Während ich diese Szene beobachte, fällt mein Blick auf zwei Plakate. Auf dem einen steht: "Rudolf Hundstorfer MIT SICHERHEIT. Immer für uns", auf dem anderen wird für eine Show in der Stadthalle geworben: "SHEN YUN. Erleben Sie eine göttliche Kultur, empfohlen von Cate Blanchett und Thomas Schäfer-Elmayer". Sollte SHEN YUN ausfallen, könnten die Tiroler Mädchen mit ihren Befreiungsgriffen einspringen, würde MIT SICHERHEIT gut ankommen.

Was der Slogan "MIT SICHERHEIT. Immer für uns" aber genau bedeutet, ist schwer zu sagen. Vermutlich möchte Hundstorfer damit dem FPÖ-Wähler – freilich ein bisschen patschert – signalisieren, dass Sicherheit bei ihm großgeschrieben wird.

Ähnlich diffus sind auch die Losungen Alexander Van der Bellens: "WIR alle gemeinsam" steht auf einem Plakat, auf dem neben Van der Bellen nur noch eine unscharfe Frau im Hintergrund zu sehen ist. Das Ganze ist fast so mysteriös wie der Satz: "An Österreich glauben. Van der Bellen wählen". Die Antwort, warum ich Van der Bellen wählen soll, wenn ich an Österreich glaube, bleibt VdB freilich schuldig. Auch der Slogan "Heimat braucht Zusammenhalt" ergibt keinen rechten Sinn. Genauso gut könnte Van der Bellen neben sein Porträt schreiben: Ein gutes Stück Heimat. Dass damit Lidl für seine Biobutter wirbt, zeigt, wie austauschbar und beliebig all diese Heimat-Slogans sind.

Beliebig und austauschbar

Das gilt auch für den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer, der die Sache naturgemäß ein bisschen martialischer angeht: "Aufstehen für Österreich. DEINE HEIMAT braucht DICH JETZT. Norbert Hofer. Bundespräsident". Also selbst, wenn ich glauben würde, dass mich meine Heimat jetzt braucht, frage ich mich, warum ich dazu aufstehen und Norbert Hofer wählen soll? Außerdem könnte die Aufforderung, für Österreich aufzustehen, nach hinten losgehen, denn so, wie ich die FPÖ-Klientel einschätze, schläft diese eher lange, bevor sie sich im nächsten Tschocherl den ersten Spritzer gönnt.

Auffällig ist, dass Hofer auf keinem seiner Plakate mit einer Kornblume auf dem Revers zu sehen ist. Vor ein paar Jahren trug er diese noch stolz bei der Angelobung des Nationalrats. Zwischen 1933 und 1938 war die Kornblume bekanntlich das Erkennungszeichen der illegalen Nazis in Österreich, weshalb es nicht ganz nachvollziehbar ist, weshalb Hofer kürzlich Van der Bellen abschätzig als "faschistischen Diktator" bezeichnete. Ein faschistischer Diktator dürfte doch ganz nach dem Geschmack Hofers sein, der sich ja bereits vor Jahren für die Abschaffung des Verbotsgesetzes starkgemacht hat. Nicht weiter verwunderlich also, dass mir Hermes Phettberg kürzlich mailte: "Wenn Norbert Hofer drankäme, würde ich das Land verlassen und aus Österreich fliehen." Bedenkt man, dass Phettberg nur noch mit dem Rollator unterwegs ist, weiß man, was das bedeutet.

Pröllisierung schreitet voran

Und was macht die ÖVP? Während die Pröllisierung des Landes unaufhaltsam voranschreitet, schickt sie ihren Pensionistenobmann Khol mit dem Slogan ins Rennen: "Erfahrung macht stark. Dr. Andreas Khol. Österreich stärken." Angesichts solcher Werbehämmer fragt man sich, weshalb Khol nicht lieber Seniorenfahrten organisiert und Heizdecken oder Elektrosmogmatten verteilt. Damit würde er sich sicher mehr Freunde machen als mit einem solchen Wahlkampf.

Dann gibt es noch Irmgard Griss (die Autokorrektur schreibt gemeinerweise: Irmgard Grins), die auf Dramatik setzt: "UNABHÄNGIG. ÖSTERREICH. DR. IRMGARD GRISS. JETZT ODER NIE".

Der Einzige, dem es weder um Heimat noch um Sicherheit noch um Österreich geht, ist Richard Lugner, der als alter Internationalist schlicht und einfach plakatieren lässt: "Lugner for President".

Wie immer die Wahl am 24. April auch ausgeht, ein Slogan wird am Tag danach MIT SICHERHEIT seine Gültigkeit haben: Gestern standen wir noch am Rande des Abgrunds. Heute sind wir schon einen Schritt weiter. (Kurt Palm, 20.4.2016)

Kurt Palm (Jahrgang 1955) ist Regisseur ("Kafka, Kiffer und Chaoten") und Autor. Zuletzt – allesamt im Residenz-Verlag – erschienen: "Bad Fucking", "Die Besucher" und "Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini. Kein Spaghettiwestern".

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