Leicester: Eine Stadt ohne Bauchspeck

21. April 2016, 11:26
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Leicester City muss noch vier Runden überstehen, um englischer Fußballmeister zu werden. In der Stadt, die irgendwo in der Mitte liegt und die an einem schärferen Profil feilt, herrscht relative Ruhe. Man harrt des Wunders

Ist etwa Richard III. an allem schuld? Mehr als 500 Jahre lang lag Englands kurzzeitiger König (1483–1485) in seinem anonymen Grab. Vor vier Jahren entdeckte man die Gebeine unter einem städtischen Parkplatz mitten in Leicester, und prompt ging der Streit darüber los, was nun geschehen solle. Schließlich wurde der in der Schlacht von Bosworth getötete Monarch in der örtlichen Kathedrale feierlich zur hoffentlich allerletzten Ruhe gebettet.

Das geschah im März 2015. Wenige Tage später begann drei Kilometer weiter südlich, im Stadion des Leicester City Football Club (LCFC), eine unheimliche Siegesserie. Anfang April stand das Team der Füchse auf dem 20. und letzten Platz der Premier League. Am Saisonende zierte LCFC Rang 14. Ein Jahr später sind die Füchse mit fünf Punkten Vorsprung auf Tottenham Spitzenreiter. Vier Runden stehen noch aus.

Erlösung

Der 1884 in einem Gartenschuppen gegründete Klub wurde 1929 Zweiter, davor und danach war wenig bis nichts. Der bisher berühmteste Spieler im Leicester-Trikot war Gary Lineker. Jetzt stehen das Team und sein italienischer Trainer Claudio Ranieri vor dem größten Triumph. Lineker, mittlerweile Fußball-Chefkommentator der BBC, kann "kaum noch hinschauen. Das ist wie im Film." Immer näher rückt für den 55-Jährigen die Einlösung eines peinlichen Versprechens: Er werde eine Sendung nur in Unterhosen moderieren, wenn seinem Heimatklub der Titel gelinge.

Andere, selbstbewusstere Kommunen würden nun kopfstehen, den Erfolg ins Land posaunen. Nicht so Leicester. Die Stadt wirkt eher, als halte man kollektiv die Luft an: Können wir das wirklich schaffen? Anders als in Liverpool oder Manchester gibt es im Straßenbild kaum mittelalte Männer zu sehen, die ihren Bauchspeck in zu enge Fußballtrikots zwängen. Verzweifelt versuchen Fanklubs, die Begeisterung anzufachen. Demnächst will die Stadt "einen Tag blaumachen". Die Einwohner sollen das Dunkelblau des Beinahemeisters zur Schau tragen.

Extravaganz

Leicester liegt eineinhalb Autostunden nördlich von London in einem Landesteil, den die Briten verräterischerweise "Mittelland" (Midlands) nennen. Für die einzige Extravaganz sorgen bisher zwei Auswärtige, der LCFC-Besitzer und Milliardär Vichai Srivaddhanaprabha, Leiter einer Kette von Duty-Free-Shops, sowie sein Chairman Aiyawatt Raksriaksorn: Sie landen gern mit dem Privathelikopter auf dem Spielfeld.

Alles wirkt unscheinbar in der rund 330.000 Einwohner zählenden Stadt, einer früheren Hochburg der Textilindustrie. Die umgebende Landschaft unauffällig, die Architektur fantasielos. "Wir verkaufen uns nicht gut", seufzt Chris Hobson von der örtlichen Handelskammer. Seine Stadt, weiß auch Bürgermeister Peter Soulsby, habe kein sehr scharfes Profil: "Nicht schlecht, irgendwo in der Mitte."

Integration

Immerhin sprechen Integrationsexperten vom "Modell Leicester". Besser als in vielen anderen britischen Städten leben hier ethnische Minderheiten friedlich nebeneinander, wenn auch nicht unbedingt zusammen. Der Anteil weißer Engländer ist auf etwa 45 Prozent gefallen, neben einer großen Gruppe von Muslimen pakistanischer Herkunft gibt es auch viele Schwarze aus der Karibik und die Abkömmlinge indischer Flüchtlinge aus Uganda. Die Stadt wählte schon 1987 den ersten Abgeordneten asiatischer Herkunft ins Unterhaus. "Leicester ist ein wunderbarer Ort", schwärmt der Immigrant, Englischlehrer und Buchautor Riaz Khan (50). "Hier kriegt jeder einen Job, unabhängig von der Hautfarbe."

So ähnlich scheint es auch bei Leicester City zu sein. Teil des enormen Erfolgs der Mannschaft ist, dass anderswo Abgeschobene und Verkannte hier noch eine Chance bekamen. Der klobige Deutsche Robert Huth (Spitzname: Berliner Mauer) und der bei Schalke ausgemusterte Christian Fuchs, Österreichs Teamkapitän, sind nur zwei Beispiele.

Die Begeisterung der Fans konzentriert sich auf den spindeldürren Mittelstürmer Jamie Vardy, der wegen einer Wirtshausschlägerei eine Zeitlang nachts unter Hausarrest stand und deshalb bei Abendspielen rechtzeitig ausgewechselt werden musste. Der 29-Jährige ist ebenso zum Spieler der Saison nominiert wie sein algerischer Sturmkollege Riyad Mahrez, dessen Karriere in Frankreich in der Sackgasse schien. Vardy ist allerdings fürs nächste Spiel gegen Swansea gesperrt.

Solidarität

Leicesters Erfolg liegt auch in der Krise herkömmlicher Titelanwärter wie Chelsea, Arsenal oder der beiden Klubs aus Manchester begründet. Viele Fans der vermeintlich Großen drücken nun insgeheim den Nobodys die Daumen. "Wir können uns kaum retten vor aufmunternden Solidaritätsadressen", berichtet Matt Davis vom Fanklub Foxes Trust.

Manchester Uniteds legendärer Trainer Alex Ferguson behauptet seit Wochen: "Die schaffen das." Sportreporter Rob Tanner von der Zeitung "Leicester Mercury" plant schon seine Reisen auf den Kontinent. Die Teilnahme an der Gruppenphase der Champions League ist fix. Europas Fußballkönige gastieren im King-Power-Stadion. Es muss an Richard III. liegen. (Sebastian Borger, 21.4.2016)

  • Leicester-Fans müssen noch zwei Heimspiele (Swansea, Everton) und zwei Auswärtspartien (Manchester United, Chelsea) überleben.
    foto: reuters/recine

    Leicester-Fans müssen noch zwei Heimspiele (Swansea, Everton) und zwei Auswärtspartien (Manchester United, Chelsea) überleben.

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