EU-Austritt: Wenn die Briten zum Abschied winken

24. April 2016, 09:00
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Der IWF sieht den möglichen Brexit als "internationales Schlüsselrisiko", während eine Ökonomin bloß einen "gedämpften Schock" erwartet

Wien – Bloß ein Prozentpünktchen trennt zwei gänzlich unterschiedliche Welten voneinander. Mit 43 Prozent der Wahlberechtigten liegen die Befürworter des Verbleibs Großbritanniens in der Eurozone laut dem Brexit Poll Tracker der Financial Times nur hauchzart vor den Anhängern eines Austritts, Brexit genannt. Aber das für 23. Juni anberaumte Referendum spaltet nicht nur in Großbritannien die Geister. Vielmehr sind auch Experten uneins, zu welchen wirtschaftlichen Folgen ein Austritt des Landes führen würde.

Klar ist der Standpunkt des Internationalen Währungsfonds (IWF), der ein Austrittsszenario als "internationales Schlüsselrisiko" auffasst, das zu schwerwiegenden regionalen wie globalen Schäden führen könne, da bestehende Handelsbeziehungen unterbrochen würden. "Die Verhandlungen über die Nach-Austritts-Vereinbarungen würden sich wahrscheinlich hinziehen, was zu einer verlängerten Phase erhöhter Unsicherheit führen würde." Dadurch befürchten die IWF-Experten eine Belastung des Investitionsklimas und verstärkte Schwankungen der Finanzmärkte, was zu weniger Handel und schwächeren Finanzflüssen führen werde.

Wirtschaftliche Nachteile

Zu einer ähnlichen Einschätzung sind die Experten der Schoellerbank gekommen: "Ein Austritt würde tendenziell zu wirtschaftlichen Nachteilen führen", meint Christian Fegg, Vorstand der Schoellerbank Invest. "Im Fall eines Austritts würde eine Periode der Unsicherheit für mindestens zwei Jahre belasten." Danach komme es darauf an, ob sich das Land Richtung Freihandel entwickle – oder ob sich ein Antiglobalisierungsklima durchsetze. "Für diesen Fall wären breit angelegte Verluste von Arbeitsplätzen und auch Wohlstandseinbußen kaum zu umgehen", erwartet Fegg.

Mit solchen Folgen rechnet auch die Schweizer Privatbank Edmond de Rothschild – allerdings unabhängig vom Ausgang des britischen Referendums. Denn selbst bei einem Brexit befürchtet Chefökonomin Mathilde Lemoine nur einen "gedämpften Schock": Aufgrund der Erwartung einer dann expansiveren Geldpolitik der Bank of England könne der Rückgang des BIPs auf ein Prozent eingegrenzt werden, um binnen drei Jahren gänzlich zu verschwinden.

Generell keine guten Karten hat Großbritannien laut der Volkswirtin hingegen im Streit um den Sitz der Wertpapierabrechnungssysteme für die Eurozone, den sie als Mitauslöser des Referendums einstuft. Dabei übernimmt ein sogenanntes Clearinghaus Feststellung und Verrechnung gegenseitiger Forderungen, Verbindlichkeiten und Lieferverpflichtungen.

Gezerre um Kapital und Jobs

Über diese in Großbritannien angesiedelten Systeme fließen laut Lemoine pro Jahr in der Gemeinschaftswährung abgerechnete Transaktionen in Höhe von 130 Billionen Euro. Deren von der EZB betriebene Absiedelung in die Eurozone habe Großbritannien vor dem EuGH verhindern können, allerdings nur formaljuristisch und nicht in der Sache. "Der Entscheid bedeutet, dass es genügen würde, wenn der Europarat die Angelegenheit aufgriffe, um die Abrechnungssysteme zum Auszug aus Großbritannien zu zwingen", folgert Lemoine. "Unabhängig vom Ausgang der Brexit-Abstimmung hält die EU hiermit ein beträchtliches Druckmittel in den Händen."

Es geht um viel: Mit einer Verlagerung würden nicht nur die damit verbundenen Arbeitsplätze auf die andere Seite des Ärmelkanals wandern, sondern laut der Rothschild-Ökonomin insgesamt rund 860 Milliarden Euro aus Großbritannien in die Eurozone fließen – was sogar einen Strukturwandel der finanzlastigen britischen Wirtschaft auslösen könnte.

Neben britischen wären irische und niederländische Banken laut einer brancheninternen Erhebung der Beratungsfirma EY von einem Brexit am stärksten betroffen. Österreichs Geldhäuser sehen einem möglichen Ausscheren der Briten gelassen entgegen, kein Institut befürchtet dadurch starke Beeinträchtigungen. (Alexander Hahn, 21.4.2016)

  • Es wird knapp: Derzeit führen die Gegner eines EU-Austritts hauchzart vor den Brexit-Befürwortern.
    foto: luke macgregor

    Es wird knapp: Derzeit führen die Gegner eines EU-Austritts hauchzart vor den Brexit-Befürwortern.

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