Richtige Gartengestaltung: "Die Natur gewinnt immer"

26. Mai 2016, 15:25
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Wie plant man einen Vintage-Garten? Warum sind Magnolien auf der Dachterrasse keine gute Idee? Antworten vom Büro 3:0

Man braucht nicht viel, um schöne Landschaftsarchitektur zu machen", sagen die drei Herren von 3:0, die wie die heitere Dreifaltigkeit auf dem Terrassenboden vor dem Wiener Magdas-Hotel liegen. "Im Grunde kann man ein Projekt auch mit wenig Geld, wenig Fläche und wenig Ressourcen realisieren, sofern man mit dem vor Ort Vorgefundenen gut und geschickt umzugehen weiß."

Im Fall des Caritas-Hotels im Wiener Prater, das von AllesWirdGut (AWG) geplant und letztes Jahr eröffnet wurde, nahmen Oliver Gachowetz, Robert Luger und Daniel Zimmermann die Mission des Readymades, der Arte povera im Außenraum besonders wörtlich. Bei den Holzbohlen auf der rund 100 Quadratmeter großen Hotelterrasse handelt es sich nämlich um altes Gerüstholz von der Baustelle. Nach dem Funktionsupgrade sind diese nun Urlaubsparkett für Jugendliche und Touristen, die sich bei einem Caffè Latte in der Gastfreundschaft der Magdas-Mitarbeiter sonnen.

foto: christian benesch
Seit 16 Jahren ein Team mit grünem Daumen und einer Abneigung gegen 08/15-Lösungen: Oliver Gachowetz, Robert Luger und Daniel Zimmermann (im Uhrzeigersinn).

Runde Einschnitte im Boden machen den emporgehobenen Schanigarten zu einer grün getupften Oase. Das Konfetti aus Tulpen, Blaustern, Zwiebeln, Bartblumen, Krokus und Goldbartgras ist wie ein Zitat des benachbarten Praters. Über allem liegt der Schleier des Klassischen, des längst Bewährten. "Das Magdas-Hotel ist eine sehr einfache, aber sehr gute Low-Budget-Sanierung eines Sechzigerjahrehauses, und das Gebäude atmet auch heute noch den Spirit der Sixties", sagt Oliver Gachowetz, einer der drei 3:0-Partner. "Dieser Vintage-Charme, dieser Ansatz des Upcyclings, spiegelt sich auch im umliegenden Garten wider."

Seestadt Aspern

Das Büro 3:0 hat sich vor 16 Jahren formiert und realisiert Projekte im öffentlichen Raum sowie im Privatbereich. Dazu zählen Einfamilienhausgärten, Dachterrassen, Badestrände, Schlossgärten, aber auch Platzgestaltungen, Parkanlagen und Krankenhausgärten. Eines der größten und aktuellsten Projekte ist die Erstellung der Freiraumchoreografie für die großen Hauptstraßen in der Seestadt Aspern.

Doch warum 3:0? Wer sind die Sieger? Und wer die Verlierer? "Es gibt keine Verlierer", sagt Gachowetz, "aber die Natur gewinnt immer." Tatsächlich konnten die drei von 3:0 in den letzten Jahren etliche Wettbewerbssiege für sich beanspruchen – ob das nun der Europaplatz vor dem Grazer Hauptbahnhof ist, der Freiraum rund um das Geriatriezentrum Liesing oder das Seebad Neufelder See, ein nah am Wasser gebautes Projekt samt Holzpodest für die Esterházy-Domänen-Privatstiftung.

Der Übergang von konstruierter Natur, wie die Landschaftsarchitektur bei 3:0 poetisch umschrieben wird, zur ungezähmten Natur des Wassers und der Pflanzen ist mehr als gelungen.

foto: manfred seidl
Es muss nicht immer die klassische Holz- oder Steinterrasse sein.

"Wenn die Landschaft so aussieht, als wäre sie absolut wild und ohne unseren Eingriff entstanden, dann haben wir unseren Job richtig gemacht", meint Daniel Zimmermann. " Jeder Garten braucht Planung und Pflege. Und je besser man die Pflanzen und ihre Eigenheiten kennt, desto natürlicher wirkt am Ende das Resultat." Besonders großen Wert legt Zimmermann auf die Orchestrierung der Blühzeiten. Je besser diese über einen möglichst großen Freiraum ausgedehnt sind, desto lebendiger wirkt der Garten in allen sieben Saisonen.

Windverhältnisse und Erwartungshaltungen

Sieben Saisonen? "Ja, die Natur ist komplex und eigensinnig", so Zimmermann. "Daher wird das Jahr in der Landschaftsarchitektur in Herbst, Winter, frühen und späten Frühling, Frühsommer, Hochsommer und Spätsommer unterteilt." Der Fokus auf diese sieben Saisonen sei auch ein wichtiger Start bei jedem Garten- und Terrassenprojekt. "Bevor wir mit der Planung anfangen, fragen wir unsere Bauherren immer, welche Jahreszeiten und Monate ihnen besonders wichtig sind, wann sie anwesend und wann sie verreist sind. Damit kriegt man schon einmal ein gutes Gefühl für den Lebensrhythmus des Gartens."

Eine große Rolle bei jedem Projekt an der frischen Luft spielen außerdem die beabsichtigte Nutzung des Freiraums, die Besonnungs- und Beschattungssituation sowie die jeweiligen Windverhältnisse. "Gemütlich im Sonnenuntergang dinieren, während die Terrasse ab dem Nachmittag komplett beschattet ist und von wilden Winden durchgefegt wird, das wird schwer zu realisieren sein", erklärt Robert Luger, das dritte Drittel im Trio. "In so einem Fall ist es umso wichtiger, die Möglichkeiten eines Ortes und die Erwartungshaltungen der Auftraggeber in Einklang zu bringen. Das ist es, was unseren Beruf so spannend und herausfordernd macht."

Es braucht auch Freiräume

Dass die Terrasse am Endräumee eines solchen Diskussionsprozesses nicht unbedingt wie die klassische Holzbohlenoase vor dem Wohnzimmer aussehen muss, beweist der Garten in Wien-Mauer. Wie Eisschollen in einem Meer aus Schotter und Rasen treiben die rechteckigen Felder aus Holz, Beton und kunstharzgebundenem Kies im Garten. Aus dem dunkelgrauen Basaltschotter wuchern Glockenblumen, Veilchen, Katzenpfötchen, Federgras und Chinaschilf. Versteckte Wasseranschlüsse und Grillmöglichkeiten sind die wichtigsten Werkzeuge, sagt Luger, um das ästhetische Bild zum gärtnerischen Leben zu erwecken.

"Natürlich braucht es Freiräume, um auch einmal Erdbeeren einzupflanzen oder im Herbst ein paar Blumenzwiebeln in die Erde zu stecken", so Luger. "So viel Freiheit möchten und müssen wir unseren Bauherren zugestehen, denn schließlich geht es darum, optimale Möglichkeitsräume zu schaffen, die die Bewohner im Dialog mit der Natur weiterspinnen und weitergestalten."

foto: manfred seidl
Die Betonplatten im Garten in Wien-Mauer scheinen wie Eisschollen im grünen Gartenmeer zu schwimmen.

Sandstürme

Eine große Ausnahme im Alles-ist-möglich-Duktus der Landschaftsarchitektur ist die Dachterrasse. Denn über den Dächern der Stadt, meint Oliver Gachowetz, gelten andere, weitaus strengere Spielregeln als zu ebener Erd'. "Da oben im letzten Stock ist alles um einige Ecken komplexer. Die Sonne ist heißer, der Wind ist härter, und die maximal zulässige Dachlast, die die Mauern und die Deckenkonstruktion erlauben, redet in der Gestaltung einer Dachterrasse auch mit."

foto: rupert steiner
Alles, bloß kein Sand und Sonnenschirme.

Absolutes No-Go sind mobile Sonnenschirme, exotische Materialien wie etwa Sand oder zarte florale Schönheiten wie beispielsweise die in den letzten Jahren immer stärker nachgefragten Magnolien. "Da oben regiert der Wind. Kaum kommt eine kleine Böe, ist die Zeitung weg, das Kaffeehäferl umgeschmissen, der Schirm sowieso, und den Sand hat der Nachbar auf der Wohnzimmercouch. Mehr noch als in einem klassischen Garten braucht es in ein paar Dutzend Meter Höhe Disziplin und gute Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten."

Natur mit Blick auf Peterskirche und Stephansdom? "Natürlich! Es sind die Kontraste, die das blühende Leben so spannend machen", sagt Gachowetz. Drei Punkte fürs Mutigsein, Ausprobieren und Erkundschaften der Horizonte. Null Punkte für langweilige, einfältige 08/15-Lösungen. "Davon haben wir schon zu viel." (Wojciech Czaja, RONDO OPEN HAUS, 28.4.2016)

foto: rupert steiner
Auf der Dachterrasse in der Wiener Innenstadt muss man sich mit Wind, Sonne und maximal zulässiger Dachlast arrangieren.
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