Das Haus muss man halten und loslassen können

6. Mai 2016, 05:30
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Winzerin Heidi Schröck hat einige Zeit gebraucht, bis sie sich mit ihrem Haus in Rust angefreundet hat

Winzerin Heidi Schröck lebt in einem 600 Jahre alten Haus in der Ruster Innenstadt. Dass ihre geliebte Küche wie ein Wirtshaus aussieht, hat schon zu manchen Verwechslungen geführt.

"Mit 19 Jahren bin ich in dieses Haus eingezogen. Das war 1980. Damals haben hier meine drei Großtanten gewohnt und auch den Betrieb geführt. Für mich steht das Haus in enger Verbindung mit dem Betrieb. Wer hier wohnt, leitet ihn auch. Man muss halten und loslassen können – wenn ich einmal den Betrieb übergebe, werde ich nicht hier wohnen bleiben.

foto: lisi specht
Heidi Schröck liebt ihre Küche. Bei der Einrichtung legt sie viel Wert auf die Kombination aus Alt und Neu.

Das Haus selbst steht schon sehr lange. Auf der Hausmauer liest man die Jahreszahl 1479. Die ältesten Teile stammen also vermutlich aus der Renaissance. Im Keller habe ich einmal einen Ziegelstein mit dem Wappen der Grafen von St. Georgen und Bösing gefunden. Die Gegend hier war im 11. und 12. Jahrhundert Teil der Herrschaft dieser Grafen. Weil ich in meiner Schulzeit Stadtführungen gemacht habe, weiß ich das so genau.

Als ich eingezogen bin, haben das Haus und ich einige Jahre gebraucht, bis wir uns angefreundet hatten. Im Hof haben früher bis zu 20 Arbeiter gewohnt, für die Wohnungen mit braunen Holzwänden abgetrennt wurden. Im Vorzimmer war es deshalb total eng. Erst nach und nach haben wir das alles entfernt. 2002 wurde renoviert. Jetzt ist es so, wie ich es immer wollte. Wenn ich von einer langen Reise nach Hause komme, fühlt es sich so an, als würde mich das Haus umarmen.

Geschichte ist meine Leidenschaft, deshalb passt dieses Haus sehr gut zu mir. Als wir bei der Renovierung im hinteren Bereich des Hauses einen Kanal angelegt haben, sind die Bauarbeiter auf einen Gang gestoßen. Ein Historiker aus St. Margarethen hat uns bestätigt, dass es sich dabei um einen Fluchtweg handelt – also die letzte Möglichkeit, um bei einer Belagerung ins Schilf oder in die Fischerkirche zu fliehen.

foto: lisi specht

Meine Einrichtung ist eine Mischung aus Alt und Neu. Ein entfernter Verwandter der Familie war in den 1930er-Jahren ein hohes Tier bei der ÖVP in Wien und hat damals den Schreibtisch, den ich heute als Arbeitstisch benutze, in dieses Haus gebracht. Ich habe die Vermutung, dass er – weil er nur für ganz kurze Beine gebaut ist – früher mal Engelbert Dollfuß gehört hat. Neben der alten Stücke, mag ich auch das Skandinavische sehr gerne und liebe Ikea. Das brauche ich als Gegendroge für die alten Möbel. Die Kombination ist mir wichtig.

Die Badewanne ist mein Lieblingsstück im Haus, die benutze ich nicht nur im Winter. Wenn ich den ganzen Tag im Weingarten war, ist ein Bad sehr entspannend. Das Badezimmer mag ich überhaupt sehr gerne, es ist der hellste und schönste Raum im obersten Stock und hat eine Terrasse. Die nutze ich zwar kaum, aber meine Tanten hatten dort sogar eine Sitzbadewanne stehen.

Ich bin eine Frühaufsteherin und mag das Licht und die Ruhe am Morgen sehr gerne, dann sitze ich hier in der Küche, trinke meinen Morgenkaffee und komme langsam zu mir. In der Küche verbringe ich die meiste Zeit. Seit Weihnachten stehen hier zwei Esstische. Weil es wie in einem Wirtshaus aussieht, nenne ich sie den Einser- und den Zweiertisch. Das Wohnzimmer liegt im ersten Stock, da gehe ich nur zum Fernsehen hin.

foto: lisi specht
Die Badewanne ist Heidi Schröcks liebstes Stück im Haus. Ihr Arbeitstisch hat einen berühmten Vorbesitzer, wie die Winzerin vermutet.

Außerdem koche ich sehr gerne, auch deshalb ist die Küche der Mittelpunkt des Hauses. Beim Kochen schaue ich dann aus dem Fenster, direkt ins Zentrum von Rust. Im Sommer spielt es sich da draußen richtig ab. Hier drinnen steht dann oft ein Häfen Tomaten oder Marillenmarmelade am Herd, das riecht herrlich. Im Sommer wird es hier drinnen manchmal richtig heiß, dann genieße ich es, barfuß auf den kühlen Fliesen zu gehen. Besonders am Wochenende ist bei mir im Haus viel los, weil viele Weinkunden vorbeikommen und ab Hof Wein einkaufen.

Wenn ich aber doch einmal meine Ruhe haben will, muss ich das Haustor zusperren. Sobald es offen ist, kommen nämlich Touristen in den Hof herein, gehen herum und schauen sich alles an. Das ist auch verständlich, denn die Ruster Innenstadt ist zwar sehr schön, das Reizvolle liegt aber in den Innenhöfen. Weil es in meiner Küche ein bisschen wie in einem Wirtshaus aussieht und mein Dunstabzug von außen gut zu sehen ist, haben auch schon manchmal Leute durchs Fenster gefragt, ob wir noch einen Tisch frei haben." (6.5.2016)

Heidi Schröck hat gleich nach der Matura als jüngste von drei Schwestern den Weinbaubetrieb ihrer Eltern in zehnter Generation übernommen. Mit ihrem mehrfach ausgezeichneten Wein ist sie im In- und Ausland erfolgreich, 70 Prozent werden exportiert – vor allem in die USA, die Schweiz und nach Norwegen. Ihre Spezialität ist der Süßwein, der laut Schröck nicht nur zu Süßspeisen gut schmeckt, sondern auch hervorragend zu Spargel oder Fisch. 1980 war sie burgenländische und 1981 österreichische Weinkönigin. Ein besonderes Anliegen sind ihr die Frauen im Weinbau. Im Jahr 2000 hat sie die Vereinigung 11 Frauen und ihre Weine gegründet, deren Ziel es ist, zu zeigen, dass Weinbau nicht mehr nur Männersache ist.

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Heidi Schröck

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