Mariah Carey: Das gewisse Etwas und das spezielle Nichts

20. April 2016, 13:47
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Die letzte große aktive Königin des einst von gregorianischen Mönchen für MTV erfundenen Vokalzerdehnungsschlagers gastierte das erste Mal seit 13 Jahren in der Wiener Stadthalle. Zur Belohnung ließ sie das Publikum zwei Stunden warten

Wien – Bianca und Sabrina. Jennifer, Tamara. Schackeline mit Vanessa. Indira, Laura, Angelina. Teile von Wanda. Kevin, David, Marvin. Franz. Die Betty. Christian. Alle sind schon längst da. Nur die Mariah fehlt, das aber in Spielfilmlänge. Es ist eine Prüfung, die uns in der Wiener Stadthalle auferlegt wird. Lieben ohne Leiden mag ein nett gemeinter Wunsch sein. Hatschi. Gesundheit! Diese Abteilung. Im richtigen Leben aber befinden wir uns in einem Wartezimmer, in dem die Sehnsucht nach dem heilenden Arzt mit dem Schmerz der Geduld bezahlt werden muss. Ist doch so, oder?!

Eineinhalb Stunden nach dem Beginn der Sehnsucht, des Schmerzes und der Geduld passiert etwas. Eine deutsche Stimme sagt, dass die Mariah vor wenigen Minuten backstage angekommen sei und es dann gleich einmal nach einer Schönheits-OP, einem Friseurbesuch und einem Hintergrundgespräch mit ihren Stylingberatern losgehen würde. Der Privatjet habe im Dunkeln nicht gleich nach Schwechat gefunden, der neue Pilot sei aber eh schon deswegen watergeboardet worden. Und dann auch noch der Feierabendverkehr! Fahr du einmal um neun Uhr am Abend über den Gaudenzdorfer Gürtel Richtung Westbahnhof. Frage nicht.

Zwei Stunden nach Beginn beginnt das Konzert mit einem Keyboardteppich und der Zerlegung des stark mit Sexualität verbundenen Vokals O. Ich glaube, man sagt zu dieser dramatischen Gesangskunst "Ondulieren" oder "Kondulieren", jedenfalls geht es um das vokale Drehen von Locken, das oft sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.

Baby wird vokal zerlegt

Achtung, nicht sexuell gemeint: Das Kolonaturieren soll die Ausnahmestellung einer Künstlerin demonstrieren, die sich eingedenk des alten Eighties-Triumvirats Celine Dion, Whitney Houston und Mariah Carey einst mit melismatischem Gesang dazu aufgeschwungen hat, Generationen von Castings-Show-Jurys und das Publikum zu Hause vor den Fernsehgeräten an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu treiben.

Melismatischer Gesang beruht auf der von gregorianischen Mönchen in die Welt gebrachten Technik, nicht einen einzelnen Ton einer Wortsilbe zuzuordnen, so wie es der durchschnittliche Rock 'n' Roller praktiziert. Hier wird vielmehr ein einzelner Vokal in mehrere Noten zerlegt. Statt Jesus oder dem Deus wird aber meist ein B-a-a-a-a-a-b-i-hi-hi besungen.

Mit Baby sind bei Mariah Carey grundsätzlich alle Menschen gemeint, die rund um die Uhr um ihr Wohlergehen besorgt sind. Es kann also durchaus auch im erotischen Sinn verwendet werden, obwohl damit – selten, aber doch – auch tatsächlich minderjährige Personen angesprochen werden können. Draußen werden übrigens ärmellose Ruderleiberln mit den Aufschriften "Dream Lover" und "Always be my Baby" verkauft, sie kosten fesche 35 Euro.

Nachdem sich die melismatische Mariah auf einer Chaiselongue liegend von ihren vier besten Freunden auf die Bühne tragen hatte lassen, wurde ihr wegen irgendeines Babys gleich einmal total heiß. Sie stellte sich zur Abkühlung in einen kräftig vom Bühnenrand her wehenden Abendföhn. Er ließ mit zunehmender Konzertdauer die Haare fluffig-lockig frisch aussehen und die diversen Glitzerkostüme ganz.

Vorfreude und Nachsehen

Netto muss man sagen, dass Mariah Carey insgesamt bei eineinhalb Stunden Konzertdauer (minus fünf Minuten, strenge Rechnung, gute Freundschaft) nur eine Stunde auf der Bühne stand. Allerdings muss man noch den Mehrwert einberechnen, zwei Stunden auf sie gewartet zu haben. Im Leben zählt am Ende des Tages die Vorfreude oft mehr. Mariah Carey sang gemeinsam mit dem zugespielten Michael Jackson das fetzige Duett "Rock With You" und mit Whitney Houston "When You Believe". Leben aber kam nur selten in den Abend. Von der Melodie her wiedererkannt, bleiben Heulbojenklassiker wie "Without You" oder "Hero" in Erinnerung.

Das Publikum war mit 3000 Besuchern schütter. Das gewisse Etwas mochte sich nicht gegen das spezielle Nichts durchsetzen. Auf dem Nachhauseweg war es dreieinhalb Stunden später als vor dem Konzert. (Christian Schachinger, 20.4.2016)

  • Mariah Carey und ihre besten Freunde haben in der Wiener Stadthalle totalen crazy Spaß miteinander. Das treue Publikum dankte es ihr, indem es blieb.
    foto: robert newald

    Mariah Carey und ihre besten Freunde haben in der Wiener Stadthalle totalen crazy Spaß miteinander. Das treue Publikum dankte es ihr, indem es blieb.

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