Flüchtlinge: Von Kanada lernen

Blog21. April 2016, 12:24
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Nordamerika lässt Europa in der momentanen Krise weitgehend allein. Trotzdem wirkt die Regierung Trudeau dabei sympathischer als die USA. Man sollte genauer hinsehen, warum das so ist

Madeleine Albright war in Wien und hat Tacheles geredet. Das war gut so. Die Grande Dame der US-Außenpolitik beklagte, dass "wir Krisen immer noch lösen wie im 19. Jahrhundert". Die gebürtige Tschechin, die sich selbst als "Flüchtlingskind" bezeichnet, zeigte sich vor allem über den Umgang osteuropäischer EU-Länder mit der Flüchtlingskrise enttäuscht. Das Paradoxon der politischen Debatte in Europa sei, dass ausgerechnet in Europa Demokratien im Umgang mit der Flüchtlingsthematik die Grundwerte von Demokratien außer Kraft setzen wollten, sagte sie.

Auch die USA bekamen ihr Fett ab, denn auch dort diskutiere man populistisch über die Errichtung von Mauern. Gerade den USA, sagte Albright, stünde in der jetzigen Situation eine verstärkte Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien gut zu Gesicht: "Man kann nicht die Welt schulmeistern, wenn man selbst kein Vorbild abgibt."

Föderale Querschüsse

Da ist Wahres dran: Die Regierung Obama ermahnt ja Europa ganz gerne, seine alten humanitären Traditionen angesichts des Elends von vier Millionen Flüchtlingen nicht über Bord zu werfen. Aber selbst der Plan, in diesem Jahr 10.000 Syrer in den USA aufzunehmen, wird seit den Anschlägen von Paris und Brüssel vom Kongress torpediert, die meisten Gouverneure der Bundesstaaten legen sich ebenfalls quer.

Der texanische Senator und Präsidentschaftskandidat Ted Cruz will, wenn überhaupt, nur Christen aufnehmen, von Donald Trump ganz zu schweigen. Diese Zurückhaltung ist unverständlich und unangebracht – vor allem angesichts der Tatsache, dass man schwerlich wegreden kann, dass die Flüchtlingskrise mehr ist als ein europäisches Problem.

Solidarität fordern

Wenn Albright in Wien auch eine US-amerikanische "Verantwortung" für die Flüchtlingsbewegungen aus Afghanistan, dem Irak und Syrien von sich weist (was sollte sie auch sonst tun?), könnten Europas politische Vertreter hier durchaus energischer als bisher transatlantische Solidarität einfordern. Im Vergleich zu den USA glänzt da der neue Stern am kanadischen Himmel, der liberale Premier Justin Trudeau, besonders hell.

Zu Recht und zu Unrecht, denn 25.000 Flüchtlinge sind für Kanada auch nicht mehr als eine Good-Will-Geste der Regierung. Da ginge bestimmt noch mehr –obwohl auch dort einzelne Bundesstaaten Widerstand leisten. Aber immerhin hat Trudeau auch nach den Brüsseler Anschlägen klargestellt, dass sich an Kanadas Haltung in Bezug auf syrische Flüchtlinge nichts geändert hat.

Genau ausgewählt

Die kanadischen Behörden haben mit Bedacht ausgewählt, wer sich in Kanada ansiedeln darf, welche Qualifikationen erwünscht sind. Und auch bei dem (wesentlich kleineren) Kontingent jener, die aus humanitären Gründen aufgenommen werden, wurde genau geprüft, wer künftig seine Heimat in Kanada finden darf.

Das klingt schon nicht mehr ganz so idealistisch. Aber die Geste, dass der junge Premier Trudeau höchstpersönlich die Flüchtlinge auf dem Flughafen begrüßte, signalisierte gleichzeitig: "Ihr seid willkommen, integriert euch, wir helfen euch dabei." Dass die Integration dann auch funktioniert, wird engmaschig überwacht. Das ist mehr, als vielerorts in Europa passiert.

Aktive Einwanderungspolitik

Auf der Suche nach Lösungen, die funktionieren, sollte Österreich auch darüber nachdenken und diskutieren, tatsächlich aktive Einwanderungspolitik zu betreiben, zu definieren, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten das Land braucht – und dann sollte man diese Menschen auch großzügig fördern.

Das würde das jetzige Fremdenrecht weitgehend auf den Kopf stellen – und es dürfte keinesfalls bedeuten, dass man nur jene "holt", die ohnehin schon privilegiert, top ausgebildet und gut vernetzt sind. Im Gegenteil: Österreich könnte gerade jenen eine Chance geben, die bisher keine hatten. Man soll sich dabei keine Illusionen machen: Auch dieses System hat seine Härten. Aber es wäre zumindest ein neuer Ansatz. (Petra Stuiber, 21.4.2016)

  • Justin Trudeau begrüßt syrische Flüchtlinge auf dem Flughafen von Toronto.
    foto: reuters

    Justin Trudeau begrüßt syrische Flüchtlinge auf dem Flughafen von Toronto.

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