Mayröcker: "Ich schreibe um mein Leben"

Interview23. April 2016, 09:00
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Dichterin Friederike Mayröcker über das Nichtsuchen und Nichtfinden, ihren Heiligen Geist der Erleuchtung und den Tod als Skandal

STANDARD: Ich habe Ihnen eine weiße Lilie mitgebracht. Sie lieben die Natur, Blumen, besonders Lilien.

Mayröcker: Je älter ich werde, desto mehr liebe ich die Natur.

STANDARD: So geprägt sind Sie von Ihren Aufenthalten als Kind im Weinviertler Deinzendorf, wo Ihre Eltern ein Haus hatten?

Mayröcker: Ja, meine Kindersommer in Deinzendorf waren für mich unheimlich wichtig. Da war mir die Natur ganz nah.

STANDARD: Als Erwachsene waren Sie dann noch ab und zu in Deinzendorf, gefiel es Ihnen noch? Wurden die alten Bilder wach?

foto: regine hendrich
Würde sie nicht schreiben, würde sie malen – wie Francis Bacon. Leben ohne Schreiben gibt es für sie nicht: Literatin Friederike Mayröcker mit ihrem Lieblingshund Snoopy.

Mayröcker: Ich war öfter dort. Aber es hat sich alles verändert. Das Haus hat schon den fünften Besitzer und ist umgebaut – und der schöne große Garten ist: kaputt. Ich wollte mir das Haus nach dem Krieg gern zurückkaufen, aber ich hatte das Geld damals nicht.

STANDARD: Ihre Eltern mussten es damals verkaufen ...

Mayröcker: Sie haben es versteigert, um hundert Schilling. Meine Mutter ist fast zugrunde gegangen daran, sie hing noch mehr an dem Haus als ich.

STANDARD: Ihr jüngster Gedichtband heißt "Fleurs". Haben Sie eigentlich noch Französisch gelernt? Das wollten Sie im Alter tun.

Mayröcker: Nein, doch ich liebe diese Sprache und ihre Melodie. Schreiben kann ich aber ohnehin nur in Deutsch.

STANDARD: Und nur in dieser Wohnung, in der Ernst Jandl vor seinem Tod 2000 lebte? Sie haben immer unten im Haus gewohnt.

Mayröcker: Ja. Wobei ich früher dachte, ich könne nur in der unteren Wohnung arbeiten. Ich bin 1999 in diese Dachwohnung gezogen, jetzt ist hier mein Reich. Und jetzt denke ich mir wieder, ich kann nur hier schreiben. Unten in der Wohnung ist nun meine Bibliothek, Ablage.

STANDARD: Hier ist auch viel Ablage. Finden Sie noch etwas?

Mayröcker: Das ist die erste Frage, wenn jemand zu mir kommt: Wie finden Sie noch etwas? Ich find' eh nichts mehr.

STANDARD: Die Frage ist vielleicht falsch. Suchen Sie noch etwas?

Mayröcker: (lacht) Ich suche auch nichts mehr. Es ist zwecklos. Das Traurige daran ist, dass ich meine eigenen, älteren Bücher nicht mehr finde.

STANDARD: Sie haben mehr als 80 Bücher geschrieben, ...

Mayröcker: ... über hundert ...

STANDARD: ... wissen Sie noch, in welchem welches Gedicht steht?

Mayröcker: Nein.

FOTOGRAFIN: Wenn man nichts findet, ist man frei.

STANDARD: Wenn man nichts sucht, ist man frei.

Mayröcker: Ich würde lieber in Kauf nehmen zu suchen – und zu finden.

STANDARD: Sie hatten einmal eine Dissertantin hier, die Ordnung schaffen sollte in Ihren Unterlagen.

Mayröcker: Einige. Ist aber nicht gelungen. (lacht) Sie sitzen ja ganz in der Sonne. Ist es nicht zu heiß?

STANDARD: Ihre schwarzen Kleider, die hier hängen, machen mir Schatten. Sie tragen im Winter nur Schwarz, im Sommer nur Weiß. Steigen Sie bald auf Weiß um?

Mayröcker: Ja, bald. Im Mai.

STANDARD: Sie beschreiben sich als melancholisch und seit jeher von Angst begleitet. Und Sie behaupten, man könne nicht gut schreiben, wenn man glücklich ist ...

Mayröcker: Man muss ganz traurig sein zum Schreiben. Ich muss heulen dabei, wenn's mir gut geht, kann ich nicht arbeiten. Ich verstehe überhaupt nicht, wie man schreiben kann, wenn man gut aufgelegt ist, die ganze Welt himmelblau sieht. Ich mag auch den blauen Himmel nicht.

STANDARD: Ich wollte bei der Begrüßung sagen: Wir bringen Blumen und blauen Himmel mit. Wäre ein schlechter Einstieg gewesen.

Mayröcker: (lacht) Aber nein, ich kann auch sehr lustig sein.

STANDARD: Was tun Sie denn, wenn Sie gut drauf sind?

Mayröcker: Dann kann ich nicht schreiben. Mach' ich was anderes.

STANDARD: Und würden Sie nicht dichten, würden Sie malen?

Mayröcker: Ja. Erst heute Früh habe ich darüber nachgedacht. Ich würde sehr abstrakt malen. Ich bin ein großer Freund der bildenden Kunst, habe sehr sehr viele Texte gemacht zu Arbeiten von alten Meistern und Zeitgenossen. Weil mich das so wahnsinnig anzieht.

STANDARD: Welche Farben würden Sie verwenden?

Mayröcker: Starke Farben.

foto: reuters/neil hall
"Two Studies for a Self Portrait", 1970 von Francis Bacon gemalt, bei einer Auktion von Sotheby's Anfang April.

STANDARD: Wie würden Sie malen?

Mayröcker: Wie Francis Bacon. Er hat zwar keine starken Farben verwendet, aber Wahnwitziges gemacht. Und mein Schreiben ist ja auch ein Wahnwitz.

STANDARD: Sie empfinden Ihre Arbeit als Wahnwitz?

Mayröcker: Ja. Ganz bewusst.

STANDARD: Sie spüren körperlich den Unterschied, wenn Sie Gedichte oder Prosa schreiben. Können Sie das beschreiben?

Mayröcker: Als ich die großen Prosa-Bücher schrieb, habe ich durchgearbeitet, bis ich mich abends aufgemacht habe in die Wohnung von Ernst Jandl. Mich hat nichts anderes interessiert. Damals hatte ich auch das Gefühl, dass ich anders sitze. Wissen Sie: Ich bin so kämpferisch gesessen. Heute tu' ich das nicht mehr.

STANDARD: Trotzdem schreiben Sie heute radikaler? Wahnwitziger?

Mayröcker: Ja, beides.

STANDARD: Wie sähen Ihre Gedichte dann aus?

Mayröcker: Das kann ich schwer erklären. Die Literaturwissenschaft sagt überhaupt, dass es nicht sehr viel Unterschied gibt zwischen meinen Prosa- und meinen Lyriktexten – aber es gibt einen. Ich habe auch Phasen, in denen ich nur Prosa oder nur Gedichte schreibe.

STANDARD: Wobei Sie auch in Ihrer Prosa keine Geschichten erzählen, weil Sie im Leben generell keine Geschichten sehen. Was sehen Sie?

Mayröcker: Bilder. Ich kann mich heute noch an Sätze aus Gesprächen erinnern, die vor 40 Jahren stattfanden, und da sehe ich das Bild der Person ganz genau vor mir, genau, wie sie das sagt. Das reicht sehr weit zurück. Ich weiß nicht, wie das funktioniert.

STANDARD: Gestartet sind Sie mit sanfteren Texten. Ihre ersten Gedichte haben Sie 1946 in Otto Basils Literaturzeitschrift "Plan" veröffentlicht. "Vision eines Kindes. Erträumter einsamer blauer Engel ..."

Mayröcker: Ja. Ja. Ja. Dort habe ich etliche Gedichte veröffentlicht. Es war schön im "Plan" damals. Milo Dor, Ilse Aichinger, Erich Fried, alle waren dort. Und mein Anfang war wirklich zartsinnig und sehr religiös angehaucht, so würde ich heute nicht mehr schreiben. So etwas mag ich gar nicht mehr. Damals habe ich übrigens noch mit der Hand, dem Stift geschrieben.

STANDARD: Das tun Sie heute noch in der Früh im Bett. Danach tippen Sie das alles mit Ihrer Schreibmaschine, einer Hermes Baby?

Mayröcker: Ja, im Bett in der Früh geht's schon zu in meinem Hirn.

foto: dr. nachtigaller
Auf einer Hermes Baby wie dieser schreibt Mayröcker seit jeher. Ihr berühmtes "sz" für "ß" erschließt sich aus der Tastatur.

STANDARD: Die Hermes hat aber nichts mit Ihrem Gedicht über Ihr "Double" Hermes Phettberg zu tun, der wie Sie Fischgrätmantel trage und vornüber gebeugt sei?

Mayröcker: (lacht) Nein. Auf Hermes Baby arbeite ich seit 1945.

STANDARD: Und Sie haben noch genug Maschinen vorrätig?

Mayröcker: Ich habe noch Vorrat.

STANDARD: Wir waren bei Ihrer Radikalität. Wird man im Alter grundsätzlich radikaler?

Mayröcker: Ja. Und ich wäre gern noch radikaler.

STANDARD: Dabei sind Sie in Ihrem Denken gar nicht radikal?

Mayröcker: Nein, es ist seltsam: Im Denken bin ich gar nicht radikal. Ich war auch nie ein Revoluzzer.

STANDARD: Obwohl Sie bis in die 1970er mit Ihren Experimenten die Sprache revolutioniert haben?

Mayröcker: Ja, da gibt es eine Grenze. Revolutionär und progressiv bin ich heute noch in Bezug auf die bildende Kunst, in der Musik dagegen gar nicht.

STANDARD: Sie lieben ja Bach.

Mayröcker: Bach ist überhaupt das Schönste, was es gibt.

STANDARD: Sie hören wochenlang die gleiche Musik beim Schreiben. Ist das nicht langweilig?

Mayröcker: Monatelang, ununterbrochen, immer das gleiche Stück. Das regt mich sehr an.

STANDARD: Ihr Antrieb sei Zorn und Wehmut, beides brauche aber kein Objekt, sagen Sie. Richtet sich das gegen Sie selbst?

Mayröcker: Nein, das ist ein Zustand. Das ist ja das Irrsinnige: Wenn ich anschaue, was ich am Vortag geschrieben habe, kommt es auf die Tageszeit an. Schaue ich's in der Früh an, halte ich es für gut. Am Abend denke ich: Das ist furchtbar, das kann man nicht veröffentlichen. Ich verstehe nicht, was da in meinem Gehirn vorgeht: Warum ist es in der Früh gut und am Abend schlecht? Vielleicht bin ich in der Früh in einem erleuchteten Zustand?

STANDARD: Sie glauben ja an den Geist der Inspiration ...

Mayröcker: Ich glaube an den Heiligen Geist, der an der Inspiration mitwirkt.

STANDARD: Aber an ein Leben nach dem Tod glauben Sie nicht?

Mayröcker: Da bin ich immer noch im Zweifel.

STANDARD: Apropos Zweifel. Sie sind nicht sicher, dass Kunst uns sensibler, klüger macht. Heißt das, dass auch kunstsinnige Gesellschaften barbarisch sein können?

Mayröcker: Das kann schon sein. Manche Nazis waren kunstinteressiert ... Aber jetzt, der grauenhafte IS zerstört alles. Sie haben vor, Europa zu zertrümmern. Jeden Tag beim Aufwachen frage ich mich, wie lange es dauern wird, bis sie Europa kaputtmachen.

STANDARD: Die Kunst hat kein Mittel gegen den Terror?

Mayröcker: Überhaupt keines.

STANDARD: Was bewirkt Ihre Kunst?

Mayröcker: Nichts. Vielleicht erfreut sie eine ganz dünne Schicht an literaturliebenden Menschen.

STANDARD: Kunst macht also nicht unsterblich?

Mayröcker: Ich fürchte, das ist nicht der Fall.

STANDARD: Johann Wolfgang von Goethe: nicht unsterblich?

Mayröcker: Wenn sie alles zerstören, wird auch ein Goethe weg sein.

STANDARD: Sie finden das Leben grundsätzlich uninteressant, interessant sei nur, wie Erfahrung in Literatur umgesetzt wird. Ohne Schreiben kein Leben?

Mayröcker: Für mich gibt es kein Leben ohne Schreiben. Wobei ich die Eindrücke, die Bilder der Welt, der Straße, auf der ich gehe, brauche, um schreiben zu können.

STANDARD: Sie veröffentlichen seit 70 Jahren, gelten als eine der wichtigsten deutschsprachigen Dichterinnen. Sind Sie eigentlich stolz auf sich?

Mayröcker: Nein, überhaupt nicht. Wozu? Worauf? Dichten ist eine Himmelsgabe, das ist nicht mein Verdienst, das ist mir geschenkt. Es ist ganz schlecht, stolz zu sein.

STANDARD: Sie haben ein Riesenwerk produziert, bis auf den Nobelpreis fast alle Preise dieser Welt bekommen. Das könnte Sie doch mit Glückhaftigkeit und Stolz erfüllen.

Mayröcker: Ich habe nicht alle Preise.

STANDARD: Welchen hätten Sie denn noch gern?

Mayröcker: Einige. Den Nobelpreis natürlich (lacht), aber dafür bin ich zu wenig politisch, ich bin ja gar nicht politisch. Und den Kleist-Preis. Ihn hat Ernst Jandl auch bekommen, einige Jahre vor seinem Tod.

STANDARD: Sie selbst beschäftigt der Tod sehr. Ist er Ihnen ein Motor?

Mayröcker: Der Tod ist für mich das Allerschrecklichste.

STANDARD: Sie schreiben also um Ihr Leben?

Mayröcker: Ich schreibe um mein Leben. Es wird mir aber nichts nützen. Er wird mich holen, so oder so.

STANDARD: Sie halten den Tod für einen Skandal, berufen sich dabei gern auf Elias Canetti. Sie finden, man sollte leben dürfen, solange man will, 300 Jahre, 500 Jahre alt werden können?

Mayröcker: Mir würden schon 150 Jahre reichen. Da könnte ich vielleicht noch nach Südspanien, nach Südfrankreich reisen. Das sind Sehnsuchtsorte für mich.

STANDARD: Ernst Jandl sagte: "Es muss einmal aus sein mit der Literatur." Das glauben Sie nicht?

Mayröcker: Nein. Ich will bis zum Schluss schreiben, bis ich wirklich nicht mehr kann.

foto: wolfgang h. wögerer, wien
Ernst Jandl und Friederike Mayröcker bei einer Lesung 1974. Die beiden waren von 1954 bis zum Tod Jandls im Jahr 2000 ein Paar – lebten aber nie zusammen.

STANDARD: Sie sagten einmal einen sehr schönen Satz über Ihre Beziehung mit Jandl: "Wir haben uns in der ersten Zeit so geliebt, dass wir ständig miteinander gestritten haben." Wie ist es weitergegangen?

Mayröcker: (lacht) Wir haben sehr viel gestritten, weil wir oft verschiedener Meinung waren. Später hatten wir auch noch unterschiedliche Meinungen, aber wir haben nicht mehr gestritten darüber. Die Meinungen blieben nebeneinander stehen.

STANDARD: Eine Schweizer Philosophin sagte mir: "Wir wissen nicht, ob es die große Liebe gibt, aber wir können so tun, als gäbe es sie." Stimmen Sie ihr zu?

Mayröcker: Nein. Es gibt die große Liebe wirklich.

STANDARD: Ihre war Ernst Jandl?

Mayröcker: Ja. Aber es gibt auch viele andere Arten der Liebe, die man genießen kann. Zu Menschen, Tieren, bildender Kunst, zu Musik, zu Kunstwerken.

STANDARD: Haben Sie eigentlich schon Ihr "absolutes Gedicht" geschrieben, von dem sie verlangen, dass es "alles in Sprache umsetzt, was in der Welt enthalten ist"?

Mayröcker: Das würde mir vorschweben, aber ich habe es noch nicht erreicht.

STANDARD: Letzte Frage. Worum geht's im Leben?

Mayröcker: (Stille) Kann ich nicht sagen.

Friederike Mayröcker (91) lebt in Wien, schreibt Gedichte und Prosa. 1946 veröffentlichte sie ihr erstes Werk. Seither hat die frühere Lehrerin rund 100 Bücher geschrieben, sie gilt als eine der wichtigsten deutschsprachigen Literatinnen. Ihre "große Liebe", wie sie sagt, war der Dichter Ernst Jandl, der im Jahr 2000 gestorben ist. Im Februar hat die Wiener Ehrenbürgerin, die beinah alle wichtigen Literaturpreise bekommen hat, ihren jüngsten Gedichtband, "Fleurs", veröffentlicht.

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