Sultan Receps Hybris

Kommentar der anderen19. April 2016, 17:29
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Erdogan als Lachnummer hinzustellen ist keine Kunst. Eine Kunst aber ist es, Politik und Öffentlichkeit damit zu zwingen, den wahren Charakter ihres türkischen Verbündeten einzugestehen

Es war einmal ein junger Sultan, in den seine Untertanen große Hoffnungen setzten. Schließlich hatte er reformeifrige Berater. Dieser Sultan hieß Abdülhamid II., er kam 1876 an die Macht. Bald setzte er die Verfassung aus, ließ das neue Parlament schließen und zeigte sich als Herrscher auf der Höhe der Zeit, indem er eine Diktatur nach neuester Façon errichtete. Dem kurzen osmanischen Frühling folgte ein dreißigjähriger Winter, den die Bewohner der Türkei als "zulüm" (Schreckensherrschaft) in Erinnerung haben.

Den säkularen und nationalen Tendenzen konterte der junge Sultan mit einer ebenfalls jungen Ideologie, dem islamischen Fundamentalismus. Dennoch igelte er sich in seinen Kitschpalast nach westlichem Vorbild ein, dämmerte in dumpfer Paranoia vor sich hin und ergänzte die gar nicht schmeichelhafte Metonymie für sein Reich "Kranker Mann am Bosporus" durch eine weitere tragikomische Nuance.

Seine Allmachtsfantasien und antiwestliche Rhetorik konnte sich der Sultan nur leisten, weil sich der Westen, allen voran das British Empire, die Reste dieser ineffizienten Reichs-Residue als Puffer gegen den großrussischen Expansionismus hielt. Mit einem riesigen Polizei- und Spitzelapparat wurde alles, was nach Freiheit und Kritik roch, restlos ausgejätet. So verschwand zum Beispiel die Formel H2O aus den Chemielehrbüchern, weil die Zensur dahinter die geheime Botschaft vermutete, dass Abdül Hamid II. eine 0 sei.

Historische Vergleiche haben einen Hang zum Hinken, dieser hinkt aus voller Überzeugung, denn es ist kein Zufall, dass Erdogans AKP und vor allem der amtierende Ministerpräsident Davutoglu den Paranoiker Abdülhamid als Visionär und "Vordenker" ihrer Regierung feiern.

Hinken aus Überzeugung

In einer Sache war die amtierende türkische Regierung ihrem visionären Vorbild – es hatte allein zwischen 1894 und 1896 die Vernichtung von 300.000 Armeniern zu verantworten – hinterhergehinkt: Sie hatte zwar Genozide in Syrien unterstützt, aber noch keinen eigenen vorzuweisen. Das sollte sich 2015 ändern. Seit vergangenem Jahr führt Erdogan offen Krieg gegen die Bevölkerung, die Zahl der zivilen Opfer geht in die Tausende.

Natürlich handelt es sich dabei um keinen ethnischen Konflikt zwischen Türken und Kurden, sondern um die gewaltsame Unterbindung der Überwindung dieses Konflikts, den die Regierung braucht wie die Luft zum Atmen – kein wehrhaftes Türkentum ohne bedrohliches Kurdentum. Bekanntlich wollte die von der gemäßigt linken Kurdenpartei HDP initiierte Regenbogenkoalition aller kritischen und humanistischen Kräfte in der Türkei diese konstruierten Grenzen auf beeindruckende Weise diffundieren lassen. Die Regierung musste die Farben des Regenbogens mit staatsterroristischer Chemie voneinander isolieren: in kurdischen Terrorismus und türkischen Landesverrat.

Erdogans Streiche wurden durch kein Veto seiner westlichen Verbündeten gedämmt. Als deren Pipelinewart, strategischer Brückenkopf im Nahen Osten und Zurückpeitscher von Flüchtlingen fühlt er sich unantastbar. Auch die deutsche Regierung schwieg nobel zu einem Verbündeten.

Hier leistete plötzlich Satire einen genialen Coup. Mit Erdogans Klage hat der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann den türkischen Präsidenten nach Deutschland gelockt und die Omertà der deutschen Regierung gebrochen, indem er diese zwang, zum System Erdogan Stellung zu beziehen. Dabei tut es zunächst gar nichts zur Sache, dass Angela Merkel Erdogans Intervention ins deutsche Rechtssystem nachgibt; umso besser, denn das offenbart den Honeymoon zwischen den Verteidigern der westlichen Werte und ihren östlichen Söldnern in seiner ganzen Unappetitlichkeit.

Das Gedicht selbst ist in seinem derb-kathartischen Schaf-Fellatio-Humor insofern ein Geniestreich der gut gezielten Beleidigung, weil es genau den Ton trifft, den die bigotte Schicht, welche die Türkei regiert, in ihrer witzlosen Ehre trifft. Als Kollateralschaden wird er jedoch auch in Deutschlands Bierzelten eine neue Mode des Erdogan-Bashings zeitigen, dessen blökender Schaffickerhumor bloß das spaßkulturelle Komplement zu Erdogans Humorlosigkeit sein wird.

War schon der Song Erdowie, Erdowo, Erdogan ein satirischer Rohrkrepierer, so zeigt die Jämmerlichkeit des FDP-Anhängers Hallervorden, wie sich die Empörung über die türkische Regierung ins AfD-Segment übertragen lässt und in die beliebte Einsicht mündet, dass aus dem Morgenland ohnehin nicht Gutes komme. Hinter der Kritik an Merkels Freundlichkeit gegenüber Ankara versteckt sich auch kleinlaut die Rache für ihre Freundlichkeit gegenüber Flüchtlingen. Die deutsche Satire hat nicht den wahren Charakter der türkischen Regierung getroffen, aber die Öffentlichkeit gezwungen, diesen wahrzunehmen.

Abdülhamid II. wurde von der Geschichte abserviert, und Erdogan hat großes Talent, seinem Vorbild darin zu folgen. Noch teilt eine relative Mehrheit der Wähler seinen Größenwahn, dank der postmodernen Verquickung von Nationalismus, Islamismus und Osmanismus, die sich so ausnimmt wie mit Döner gefüllte Baklava in Kuttelflecksuppe, aber der nun einmal an alles erinnert, was groß und bedrohlich war an der eigenen Vergangenheit. Im Vergleich zu den Jungtürken, die Abdülhamid stürzten, sind die "Jungkurden" erstaunlich wenig national gesinnt, sondern an der Integrität des türkischen Staates interessiert. Ob der Westen aber eine idealistische sozialdemokratische Regierung dulden würde, ist fraglich, totalitäre Regime haben seine Interessen stets effektiver geschützt. (Richard Schuberth, 19.4.2016)

Richard Schuberth ist Schriftsteller und lebt in Wien. Im Juni erscheint im Klever-Verlag sein Buch "Karl Kraus – 30 und drei Anstiftungen".

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