Kapsch: "Wir geben für so viel Unsinn in dem Land Geld aus"

Interview19. April 2016, 16:50
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IV-Präsident Kapsch sieht keinen Asylnotstand, er fordert, dass Flüchtlinge früher arbeiten dürfen

STANDARD: Die Regierung will das Asylrecht verschärfen. Sie bereitet sich für den Fall, dass öffentliche Ordnung und innere Sicherheit in Gefahr sind, auf den Notstand vor. Was halten Sie davon?

Kapsch: Wir sind ja wohl noch weit davon entfernt, dass die innere Sicherheit gefährdet ist. Diese Maßnahme ist überzogen. Ich sehe derzeit keinen Notstand.

STANDARD: Nächste Woche findet ein Integrationsgipfel der Regierung statt. Was sind Ihre Forderungen an die Regierung?

Kapsch: Wir müssen Maßnahmen setzen, um die Menschen, die zu uns kommen und eine berechtigte Chance auf Asyl haben, so schnell wie möglich zu integrieren. Das geht am besten über Bildung und den Arbeitsmarkt.

STANDARD: Wird genügend für die Aus- und Weiterbildung der Flüchtlinge getan?

Kapsch: Nein, noch nicht. Wir brauchen Qualifizierungsoffensiven, gestaffelt nach Bildungsstand. Da gibt es ein Problem: Diejenigen, die einen niedrigen Bildungsstandard haben, aber über das Pflichtschulalter hinaus sind, haben keine Möglichkeit mehr, in die Schule zu gehen. Das kann einfach nicht sein. Auch für diese muss gelten: Bildung bis 18.

STANDARD: Sollen Flüchtlinge auch schon vor Abschluss des Asylverfahrens arbeiten dürfen?

Kapsch: Ja. Spätestens sechs Monate nach Asylantragstellung sollen Flüchtlinge arbeiten dürfen.

STANDARD: In jeder Sparte?

Kapsch: Natürlich muss man den gesamten Arbeitsmarkt öffnen. Warum nur einzelne Sparten?

STANDARD: FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer sagt im STANDARD-Interview, dass das AMS an Migranten überhaupt keine Jobs vermitteln soll.

Kapsch: Das will ich wirklich nicht kommentieren. Jeder Mensch, der hier lebt und arbeitsfähig und -willig ist, sollte arbeiten dürfen. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Sie Menschen, die arbeiten wollen, ausschließen.

STANDARD: Ist das AMS in der Lage, den zu erwartenden Andrang zu bewältigen?

Kapsch: Man muss die Mittel beim AMS mit Sicherheit aufstocken. Aber das AMS macht grundsätzlich einen hervorragenden Job. Daher darf man es jetzt nicht im Regen stehen lassen.

STANDARD: Gibt es überhaupt genügend Jobs, oder ist mit einem Verdrängungswettbewerb zu rechnen?

Kapsch: Das wird von der Qualifikation der Menschen abhängen. Natürlich kann es auch zu einer Verdrängung kommen. Der Bessere am Arbeitsmarkt wird sich durchsetzen. Es ist doch kontraproduktiv, den Arbeitsmarkt abzuschotten und damit auch gute und qualifizierte Arbeitskräfte draußen zu halten.

STANDARD: Genau das fordert aber etwa der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl. Kann und soll man die Personenfreizügigkeit einschränken?

Kapsch: Nein, unter keinen Umständen. Wenn Sie in der EU die Personenfreizügigkeit einschränken, rütteln Sie an einer der vier Grundfreiheiten der EU. Das darf nicht sein. Und wir werden irgendwann noch einmal sehr froh sein, dass diese Menschen zu uns gekommen sind. Wir bekommen ein demografisches Problem. Ein Gutteil dieser Menschen ist unter 25, das sind junge Menschen, die haben Potenzial, die sollten wir unterstützen und nicht ausschließen. Das sind Menschen, die konsumieren, die Sozialversicherungsbeiträge abliefern, die Steuern zahlen werden. Wenn wir das unterbinden, werden sie eben keine Beiträge abliefern und keine Steuern zahlen, und wir werden nur Mindestsicherung zahlen. Das ist doch auch volkswirtschaftlich ein Unsinn. Aber klar ist auch, dass nicht wir allein alle aufnehmen können.

STANDARD: Aber in der Bevölkerung herrscht die Sorge vor, dass sie uns die Arbeitsplätze, die Wohnungen wegnehmen, zu viel Sozialleistungen beziehen.

Kapsch: Sie beziehen nicht mehr Sozialleistungen als andere in diesem Land. Insofern ist das eine falsche Aussage. Qualifizieren wir sie, dann werden sie ihren Beitrag zur Wertschöpfung leisten. Ändern wir grundsätzlich die Rahmenbedingungen in diesem Land, dass wieder mehr investiert wird in diesem Land. Dann brauchen wir auch die Arbeitskräfte. Die Arbeitslosigkeit ist doch nicht hoch wegen der Einwanderer, sie ist hoch, weil wir wirklich schlechte wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen haben.

STANDARD: Was könnte man für konkrete Maßnahmen setzen?

Kapsch: Einstiegsjobs wären ein wichtiges Thema. Da gibt es in vielen OECD-Ländern wirklich gute Programme. In Schweden wird den Arbeitgebern bei neu Zugewanderten ein Zuschuss in der Höhe von bis zu 80 Prozent zu den Lohnkosten gewährt. Dänemark und Australien haben ähnliche Programme. Es geht um zielgruppenspezifische Unterstützung für Geringqualifizierte. Das könnte man in angepasster Form auch auf geringqualifizierte Österreicher anwenden.

STANDARD: Was für eine Unterstützung würden Sie erwarten?

Kapsch: Man könnte darüber nachdenken, ob man für eine bestimmte Zeit die Lohnnebenkosten streicht. Auch befristete Beschäftigungsverhältnisse mit Einstiegsgehältern, die sich stufenweise erhöhen, wären eine Möglichkeit.

STANDARD: Hieße das, dass Sie unter dem Kollektivvertragslohn zahlen?

Kapsch: Nein. Wir wollen kein Lohndumping. Das machen wir grundsätzlich nicht. Aber wenn jemand unterqualifiziert ist und man ihm eine Ausbildung zukommen lässt, wenn jemand sprachlich überhaupt nicht mitkann, weil er weder Englisch noch Deutsch kann, kann er auch nicht so viel verdienen. Da investiert man auch in die Ausbildung. Das muss man irgendwie kompensieren. Bei all dem wäre es wichtig, dass wir das Thema Asyl viel schneller bewältigen. Es braucht raschere Verfahren. Bei uns dauert es Monate, wenn nicht Jahre. Dort muss man dringend aufstocken. Wir geben für so viel Unsinn in dem Land Geld aus, also könnte man es einmal für etwas Sinnvolles auch ausgeben. (INTERVIEW: Michael Völker, 20.4.2016)

Georg Kapsch (56) ist seit 2012 Präsident der österreichischen Industriellenvereinigung. Der gebürtige Wiener leitet als CEO die Kapsch AG.

  • Georg Kapsch hält der Regierung vor, zu wenig für die Integration der Flüchtlinge im Land zu tun.
    foto: cremer

    Georg Kapsch hält der Regierung vor, zu wenig für die Integration der Flüchtlinge im Land zu tun.

  • Kapsch: "Die Arbeitslosigkeit ist nicht hoch wegen der Einwanderer, sondern weil wir wirklich schlechte Rahmenbedingungen haben."
    foto: cremer

    Kapsch: "Die Arbeitslosigkeit ist nicht hoch wegen der Einwanderer, sondern weil wir wirklich schlechte Rahmenbedingungen haben."

  • "Es ist doch kontraproduktiv, den Arbeitsmarkt abzuschotten und damit auch gute und qualifizierte Arbeitskräfte draußen zu halten", sagt Kapsch.
    foto: cremer

    "Es ist doch kontraproduktiv, den Arbeitsmarkt abzuschotten und damit auch gute und qualifizierte Arbeitskräfte draußen zu halten", sagt Kapsch.

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