"Wenn ich groß bin, werde ich Professorin"

Interview22. April 2016, 07:00
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Verliert Österreich seine Forscherinnen? Julia Budka und Marie-Therese Wolfram im Gespräch über den geschlechtsspezifischen Braindrain und mangelnde Perspektiven in der heimischen Forschungslandschaft

STANDARD: Gibt es einen geschlechtsspezifischen Braindrain?

Budka: Es gibt dezidiert einen Braindrain, und der scheint über die Jahre zuzunehmen. Wir haben ein grundsätzliches Problem in der österreichischen Wissenslandschaft, dass die Arbeitsbedingungen an den Universitäten, aber auch an den außeruniversitären Institutionen nicht besser werden. Das liegt primär an einer Unterfinanzierung. Die Junge Kurie der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat sich dazu mehrfach geäußert. Wir diskutieren auch, welche geschlechtsspezifischen Indikatoren es darüber hinaus gibt – und ob ein geschlechtsspezifischer Braindrain nur auf die Mint-Fächer (Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Technik) bezogen ist oder ob es den allgemein gibt.

STANDARD: Welche Rolle spielen dabei die karrierehemmenden Phänomene gläserne Decke und Leaky Pipeline?

Budka: Leaky Pipeline bezeichnet die unsichtbaren Barrieren entlang der Karriereleiter. Bei Studierenden und Masterabsolventen sind Frauen überrepräsentiert. Doch je höher die Karriereleiter, desto extremer klafft das Verhältnis auseinander. Familienplanung und Kinderkriegen sind die wichtigsten Argumente für das Fehlen der Frauen. Aber: Muss das immer nur Frauensache sein? Und: Sollen Frauenförderprogramme nur auf diesen Aspekt fokussieren? Dass man davon ausgeht, dass tatsächlich jede Frau, die Karriere machen möchte, auch eine Familie gründen will?

STANDARD: Es hat also mit stereotypen Vorstellungen zu tun?

Wolfram: Das ist sicher je nach Fachrichtung spezifisch zu betrachten. Aber dass man eine Frau ist, kommt in Diskussionen immer aufs Tapet, auch wenn es inhaltlich nichts damit zu tun hat. Auch wenn ich nicht für ein Kind und seine Betreuung zuständig bin, ist es Thema.

Budka: In einer von Bettina Langfeldt und Anina Mischau im Vorjahr verfassten Studie wurde die Situation der Mathematikerinnen und Physikerinnen an deutschen Hochschulen erhoben: Bis zu 40 Prozent der Frauen erfahren Diskriminierung hinsichtlich Leistung, Fachkompetenz und Arbeitsansprüche. Hingegen erfahren nur zwölf Prozent der Männer Ähnliches.

STANDARD: Gibt es Programme, die dem Braindrain gegensteuern?

Budka: Momentan wird an den Laufbahnmodellen gedreht. Ein neues Karrieremodell, in dem man relativ früh eine Stelle mit Aussicht auf Verstetigung bekommt. Tatsache ist, dass es einfach viel zu wenig Stellen für qualifizierte Bewerber gibt. Ich glaube schon, dass Österreich in den letzten Jahren viel dazu beigetragen hat, dass man den Leuten in der frühen Postdoc-Phase zu wenig Perspektiven gezeigt hat. In Österreich hat man das Gefühl, man holt sich lieber durchschnittlich Qualifizierte aus dem Ausland als die Hochqualifizierten im Land zu halten. In den letzten Jahren hat es diesen krampfigen Versuch gegeben, internationaler zu werden. Viele hochqualifizierte Österreicher hören auf oder gehen nach Deutschland oder sonst wohin.

Wolfram: Die Frage beim geschlechtsspezifischen Braindrain ist auch, ob es nicht zu spät ist, erst an den Universitäten anzusetzen. Das ist ein Thema, das man viel früher angehen sollte. Viele der Probleme sind gesellschaftlich bedingt: Welche Geschlechterbilder herrschen vor, welche Rollen sind für Frauen und Männer bestimmt, wer kümmert sich um Kinder, wer nicht, was studiere ich? Man sieht dies sehr gut am Anteil der Bachelorstudentinnen beim Mathematikstudium an der Uni Wien – hier liegen wir noch bei etwa 40 Prozent. Auf dem Professorenniveau ist dieses Verhältnis dann ein ganz anderes – weniger als zehn Prozent sind Frauen. Irgendwo sind sie "verloren" gegangen.

Budka: Ich glaube nicht, dass wir jemals ein ausgewogenes Verhältnis in allen Disziplinen schaffen werden, aber das müssen wir ja auch gar nicht. Vielmehr geht es darum, am Gesellschaftsbild etwas zu ändern. Ein Mädchen, das sagt: "Wenn ich groß bin, werde ich Professorin" soll genauso normal sein wie ein Bub, der Professor werden will. Da müssen wir irgendwie hin.

Wolfram: Ja, ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Professorin werden würde. Aber ich hatte Glück und fand Mentoren, die mich darin unterstützten.

STANDARD: Sie haben die Unterfinanzierung angesprochen. Um den Braindrain aufhalten zu können, müsste man auch Geld in die Hand nehmen.

Budka: Absolut, die Unterfinanzierung des Wissenschaftsfonds ist ein Riesenproblem. Die österreichische Forschungslandschaft wird immer unattraktiver. Ohne jetzt nur negativ färben zu wollen – die österreichische Archäologie ist zum Beispiel relativ gut aufgestellt. Aber: Grundsätzlich tragen weder die Förderinstitutionen noch der politische Überbau dazu bei, eine rosige Zukunft für die Forschung im Land zu zeichnen.

Wolfram: Vor kurzem war am Mathematikinstitut eine Laufbahnstelle, welche ursprünglich für junge Postdocs konzipiert worden war, ausgeschrieben. Ich kann ihnen auf Anhieb 20 Kollegen und Kolleginnen im In- und Ausland nennen, die sich dafür beworben haben. Teilweise mit 40 Publikationen und mehr.

Budka: Ja, weil es keine anderen Stellen gibt.

STANDARD: Wie sieht die Situation auf professoraler Ebene im EU-Vergleich aus?

Wolfram: In Frankreich gibt es die Maître-de-conférences-Positionen. Das sind vom Rang her relativ niedrige Professorenstellen zu einem eher frühen Zeitpunkt in der Karriere. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum Frauen in Frankreich öfter im System bleiben. In England hat es vor einigen Jahren eine Auswertung gegeben, wie viele Frauen in Führungspositionen auf Universitäten entfallen sind – auch im Bereich der Naturwissenschaften. Da sind ziemlich desaströse Zahlen rausgekommen. Ich bin derzeit an der Warwick University, und auch dort ist der Anteil an Professorinnen sehr gering – das Verhältnis ist ähnlich schlecht wie in Wien.

STANDARD: Was wäre eine mögliche Zukunftsentwicklung?

Budka: Meist erst auf professoraler Ebene versucht das Dual-Career-Modell, bei der Berufung von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern den Partner oder die Partnerin, unabhängig davon, ob das hetero- oder homosexuelle Paare sind, stark zu integrieren. Hier könnte man an eine frühere Implementierung, vor dem Professorenstatus, denken.

Wolfram: Es heißt immer: Wie können Frauen Karriere und Kinderbetreuung vereinbaren. Das Thema sollte doch auch Männer betreffen, also familienspezifische Förderung – auch für Männer.

Budka: Dann nähern wir uns wirklich den Faktoren an, warum es die gläserne Decke bei den Frauen gibt, wenn man versucht das zu trennen und zu sagen, wir machen jetzt Familienförderung und schauen zusätzlich, was es zur konkreten Frauenförderung braucht. Das wäre ein vielleicht nicht realistisches, aber ein sehr effektives Modell für die Zukunft. (Christine Tragler, 20.4.2016)


Julia Budka (geb. 1977 in Wien) ist Professorin für Ägyptische Archäologie. Sie wechselte 2015 von Wien an die Ludwig-Maximilians-Universität nach München und ist nach wie vor an der ÖAW tätig.

Marie-Therese Wolfram (geb. 1982 in Wien) ist Mathematikerin. Sie forscht an der University of Warwick und am Radon Institute for Computational and Applied Mathematics (RICAM) der ÖAW. Beide sind Mitglieder der Jungen Kurie der ÖAW. Gemeinsam mit Sophie Loidolt (Philosophie) haben die beiden im Namen der Jungen Kurie am Freitag (16 Uhr) eine öffentliche Podiumsdiskussion zum Thema "Verliert Österreich seine (zukünftigen) Forscherinnen?" an der ÖAW organisiert.

  • Hürden für Frauen in der Forschung gibt es damals wie heute – besonders in den Mint-Fächern Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften und Technik.
    foto: national photo company / wikimedia

    Hürden für Frauen in der Forschung gibt es damals wie heute – besonders in den Mint-Fächern Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften und Technik.

  • Julia Budka,  Ägyptologin: "In Österreich hat es in den letzten Jahren diesen krampfigen Versuch gegeben, internationaler zu werden."
    foto: friedrich m. schmidt

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  • Marie-Therese Wolfram, Mathematikerin: "Viele der Probleme sind gesellschaftlich bedingt: Welche Geschlechterbilder herrschen vor, was studiere ich?"
    foto: claudia börner

    Marie-Therese Wolfram, Mathematikerin: "Viele der Probleme sind gesellschaftlich bedingt: Welche Geschlechterbilder herrschen vor, was studiere ich?"

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