Wissenschafter: "Kampf gegen Zika-Moskitos gescheitert"

23. April 2016, 09:00
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Marcelo Firpo von der brasilianischen Nationalen Schule für öffentliche Gesundheit über die Schlüsselwaffe im Kampf gegen das Virus

Eigentlich war der Feind bereits besiegt, im Jahr 1958 wurde der Erfolg offiziell vermeldet: Kein einziges Mitglied der gegnerischen Truppen war mehr innerhalb der Landesgrenzen. Doch bereits Anfang der 1960er-Jahren schlug der Kontrahent zurück und mittlerweile ist er so stark wie noch nie. Gemeint ist Brasiliens Kampf gegen die Aedes aegypti, jene Moskitoart, die für die Verbreitung von Zika, Dengue und Chikungunya verantwortlich ist. Mittels Insektiziden wurde der Moskito in den 1940er- und 1950er-Jahren im größten Land Südamerikas erfolgreich bekämpft. Bei seiner Rückkehr war jedoch bereits die Militärdiktatur an der Macht, die andere Prioritäten hatte, und nun macht die Globalisierung einen Strich durch die Anstrengungen der brasilianischen Behörden.

Mit der größten militärischen Mobilisierung in der Geschichte des Landes soll gegen das Insekt vorgegangen werden. Insgesamt 220.000 Soldaten und 315.000 Beamte kämpfen mit Giftstoffen gegen die Brutstätten der Moskitos. Der falsche Weg, wie Marcelo Firpo, Wissenschafter an der Nationalen Schule für öffentliche Gesundheit in Brasilien, im Gespräch mit dem STANDARD feststellt. "Der Kampf gegen die Moskitopopulationen in den vergangenen Jahrzehnten ist gescheitert", so der 56-Jährige.

Zusammenhang mit Mikrozephalie bestätigt

Das Zika-Virus, das von der Weltgesundheitsbehörde als globaler Notfall bezeichnet wird, grassiert vor allem in Brasilien. Bis dato wurden mehr als 1,5 Millionen Infektionen in dem Land bestätigt. In 80 Prozent der Fälle zeigen Erkrankte keine Symptome, ansonsten kommt es zu leichtem Fieber, Gliederschmerzen – nichts Gefährlichem.

In seltenen Fällen kann Zika aber auch die schwere Nervenkrankheit mit dem Namen Guillain-Barre-Syndrom auslösen, und vor allem für Schwangere ist das Virus gefährlich. Erst in diesem Monat bestätigte das US-amerikanische Seuchenschutzzentrum einen Zusammenhang zwischen Zika und Mikrozephalie, die einen abnormal kleinen Kopf bei Neugeborenen mit schweren Hirnschäden zur Folge haben kann. Mehr als 1.100 Fälle von Mikrozephalie, die meisten sollen im Zusammenhang mit dem Virus stehen, sind in Brasilien bestätigt.

Gefährliches Insektizid

Dass die Behörden die Moskitos mit Wolken aus Insektiziden auszurotten versuchen, ist für Firpo ein gefährlicher Weg. Das Mittel Malathion, dessen Vorräte in jüngster Zeit um mehr als die Hälfte aufgestockt wurden, wird von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), einer Unterorganisation der WHO, als "wahrscheinlich krebserregend für Menschen" eingestuft. Dennoch importiert Brasilien das Mittel, das in Deutschland produziert wird, über den Seeweg. Per Schiff deshalb, weil es laut französischer Behörden zu gefährlich ist und sie deshalb nicht wollen, dass Flugzeuge mit Malathion an Bord in ihr Hoheitsgebiet eindringen.

Die effektivste Waffe gegen die Moskitos und somit gegen alle Krankheiten, die sie übertagen, sieht Firpo im Ausbau der Sanitäreinrichtungen und Trinkwasseranlagen für die Bevölkerung. "Zika ist ein Virus der Armen", sagt der Wissenschafter. So ist der Zugang zu Trinkwasser vor allem für die ärmsten Bewohner Brasiliens noch immer nicht gegeben.

Obwohl viele Gebiete von den Behörden offiziell als solche mit sauberem Wasser ausgewiesen werden, gibt es laut Firpo auch in diesen Gegenden oft drei, vier Tage pro Woche keines. Sichere Trinkwasseraufbewahrung oder Mückengitter über Wassertanks würden bereits helfen, dass keine Moskitos darin brüten. Auch die Müllabfuhr müsste konsequent den Abfall von den Straßen der Siedlungen entfernen. In vielen Favelas gibt es etwa das gesamte Wochenende über keine Abfallbeseitigung. Der stinkende Mist, der sich vor den Häusern stapelt, bietet für die Moskitos gute Voraussetzungen zur Vermehrung.

Moskitos überleben trotz Gifteinsatz

Dass es sich lohnt, in Sanitäranlagen zu investieren, beweist für Firpo eine landesweite Untersuchung, die die Ausbreitung der Moskitoplage analysierte. Wissenschafter maßen, wie wahrscheinlich die Insekten – nach einer Behandlung mit Insektiziden – in Gebieten mit guter Hygiene, in Gegenden mit Wassermangel und in sehr unhygienischen Arealen überleben konnten.

Das Ergebnis: In erstgenannter Kategorie war es zu 60 Prozent wahrscheinlich, in der zweiten Gruppe zu 70 Prozent und bei den schlimmen Bedingungen sogar zu 80 Prozent wahrscheinlich, dass die Moskitos zurückkamen. Doch anstatt sich dem nationalen Ziel zu widmen, alle Landstriche Brasiliens bis 2030 mit guten Sanitäranlagen auszustatten, werden die Investitionen von den Behörden systematisch zurückgefahren. "Nun ist es nicht einmal mehr realistisch, dass das Ziel bis 2050 erreicht wird", ist sich Firpo sicher.

Für den Wissenschafter zählt Zika aber noch nicht zu den vernachlässigten Krankheiten, zu denen etwa Malaria gerechnet wird. "Es ist aber möglich, dass man auf den Virus vergisst, wenn es erst einmal möglich ist, dass sich die Reichen vollständig vor Zika schützen", sagt Firpo. (Bianca Blei, 23.4.2016)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Interview entstand im Rahmen einer Recherchereise nach Rio de Janeiro, die von der "Dreikönigsaktion – Hilfsaktion der katholischen Jungschar" unterstützt wurde.

  • Das umstrittene Mittel Malathion wird im Kampf gegen Zika-Moskitos eingesetzt.
    foto: reuters/pilar olivares

    Das umstrittene Mittel Malathion wird im Kampf gegen Zika-Moskitos eingesetzt.

  • Marcelo Firpo: "Zika ist ein Virus der Armen."
    foto: bianca blei

    Marcelo Firpo: "Zika ist ein Virus der Armen."

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