Crossing Europe: Die Unterdrückten üben den Aufstand

20. April 2016, 05:30
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Bildstarke Gegenwelten, Parabel der Macht: Die jüngsten Filme von Brady Corbet, Lucile Hadzihalilovic und Alex German Jr. zählen zu den Höhepunkten beim Filmfestival in Linz

Linz – Ein zwölfjähriger Bub rebelliert gegen das Regime seiner Eltern. Seine Wutanfälle unterteilen den Film in einzelne Abschnitte, so als wären sie weniger Aufwallungen des Gemüts als verdächtige Zeichen. Ein Ausbruch von Eigensinn, ein Anschlag auf die Moral, ein Terrorakt gar, in dem sich bereits die Gewalt eines neuen Zeitalters ankündet.

Es liegt an der Inszenierung von The Childhood of a Leader, dass sich ein solcher Eindruck festigen kann. Der US-Amerikaner Brady Corbet arbeitet in seinem Regiedebüt mit der Anmutung einer unbestimmbaren Bedrohung, die wie ein Unwetter aufzieht. Dem fantastischen Score von Scott Walker, der treibende Basslinien mit kreischenden Geigen kombiniert, kommt in der atmosphärischen Verdichtung eine wesentliche Rolle zu.

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Corbets bereits in Venedig ausgezeichneter The Childhood of a Leader gehört zu den bildstärksten Filmen des am Mittwoch in Linz startenden Crossing-Europe-Festivals. In der losen Adaption einer Kurzgeschichte von Jean-Paul Sartre lässt sich ein Spiel mit den Geistern der europäischen Geschichte sehen, effektvoll, ambitioniert und laut, wie es nur einem Amerikaner von der Hand geht. Ähnlich wie Michael Hanekes Das weiße Band läuft auch The Childhood of a Leader auf eine Parabel darauf hinaus, wie stark ein auf Gewalt und Unterwerfung basierendes Umfeld an der Herausbildung eines autoritären Charakters teilhat. Die Mutter (Bérénice Bejo), eine dogmatische Christin, bestraft Prescott (Tom Sweet) mit strenger Disziplin, der Vater, ein US-Diplomat, der gerade die Friedensverträge des Ersten Weltkriegs ausverhandelt, ist reserviert und reagiert höchstens gereizt auf die Gemütslagen seines Sohnes. Und der lässt sich das nicht mehr gefallen.

Körperwelten

Während Corbets Film ein politisches Anliegen verfolgt, malt sich Evolution von Lucile Hadzihalilovic eine märchenhafte Gegenwelt aus. Wie schon in Innocence (2004), dem Debütfilm der Französin, der ein Mädcheninternat als Ballett von Exerzitien beschrieb, ist Kindheit auch diesmal ein Reich sublimer Ängste.

An einem kleinen Ort am Meer gehen seltsame Dinge vor: Es gibt nur Mütter und Söhne, jedoch nie den geschlechtlichen Gegenpart dazu. Die Frauen tragen Saugnäpfe am Rücken ähnlich denen von Tintenfischen, und sie scheinen sich auch bei der Paarung an Unterwasserbewohnern orientiert zu haben. Den Buben wiederum wird mittels chirurgischer Eingriffe etwas Lebendiges in die Bäuche eingepflanzt.

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Evolution kombiniert den Body-Horror eines David Cronenberg mit der Idee eines bedrohlichen Matriarchats wie aus dem Science-Fiction-Genre. Doch anstatt klassischen Spannungsbögen zu folgen, bevorzugt Hadzihalilovic Szenen, in denen sich Gefühlszustände konkretisieren. Vieles wird nur angedeutet, doch der Ekel und die Abstoßung ist das erste Zeichen einer Neuausrichtung. Der zehnjährige Nicolas (Max Brebant) ahnt, dass er belogen wird. Er will nicht als Reproduktionsmaschine missbraucht werden.

Eindringlich ist vor allem das visuelle Vokabular des Films. Unterwasserwelten wie die eines Jean Painlevé treffen auf surreal ausgeleuchtete Nachtaufnahmen, und in der Bebilderung medizinischer Abläufe hat sich die Regisseurin offenbar an musealen Vorbildern orientiert. Das erzeugt schöne Irritationen.

Wenig lehrreiche Lethargie

Mit Under Electric Clouds von Alex German Jr. findet sich eine weitere eigenwillige Reaktion auf gesellschaftliche Verwerfungen im Programm: Der russische Regisseur konstruiert ein Kaleidoskop aus Szenen, die von der Last historischer Kreisläufe erzählen. Die Statuen einstiger Despoten stecken im Eis der Geschichte fest. Aber auch den Lebenden mangelt es in dieser Globalisierungsparabel an Bewegungsmöglichkeit. Schwermütige Lethargie liegt über diesem Szenario, durchbrochen von absurdem Witz. "Die Geschichte ist nicht zu Ende", heißt es einmal, leider hat man auch nichts aus ihr lernen können. (Dominik Kamalzadeh, 20.4.2016)

  • Gewalt und Unterwerfung während des Ersten Weltkriegs: Prescott (Tom Sweet), ein amerikanischer Bub in Paris, reagiert in Brady Corbets "The Childhood of a Leader" mit Gegenwehr.
    foto: crossing europe

    Gewalt und Unterwerfung während des Ersten Weltkriegs: Prescott (Tom Sweet), ein amerikanischer Bub in Paris, reagiert in Brady Corbets "The Childhood of a Leader" mit Gegenwehr.

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