Soziales Experiment: Die Utopie des "neuen Menschen" im Roten Wien

21. April 2016, 05:30
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Die Sozialdemokraten wollten im Wien der 1920er-Jahre ein Umfeld schaffen, in dem eine emanzipierte und gebildete Gesellschaft gedeihen kann

Wien – "Wien stirbt!" Eine gängige Parole nach Ende des Ersten Weltkriegs zeigt: Die Stadt, die vor kurzem noch eine wohlhabende und traditionsreiche Kaiserstadt war, kämpfte mit katastrophalen Zuständen. Massenarmut, Inflation, schwindender Wohlstand in allen Schichten. In den Barrackensiedlungen am Stadtrand herrschten Verwahrlosung und miserable hygienische Zustände. Die Tuberkulose wütete so stark, dass sie zur "Wiener Krankheit" wurde.

Für Wolfgang Maderthaner, Historiker und Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, war diese unglaubliche humanitäre Katastrophe die prägende Erfahrung, der "Nukleus", auf dem die Errichtung eines – im damaligen Sprachgebrauch – Neuen Wien gründete. Die Sozialdemokraten, die mit ihrem Streben nach einer zentralstaatlichen Lösung für Österreich scheiterten und nach nur eineinhalb Jahren aus der ersten Koalition der jungen Republik ausschieden, konzentrierten ihr gesamtes Potenzial auf Wien. Für Maderthaner ist es eine Ironie der Geschichte, dass gerade der von den Sozialdemokraten abgelehnte Föderalismus, der den Ländern eine partielle Finanzsouveränität gab, die sozialdemokratischen Reformen in Wien begünstigte.

Maderthaner war einer der Vortragenden der Tagung "Red Vienna", die vergangene Woche am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien stattfand, um den "Mythos vom gelungenen gesellschaftspolitischen Gegenmodell" des Roten Wien und seine inneren Widersprüche in einer Reihe von Vorträgen auszuloten.

Das kommunale Experiment, das mit seinen Bildungs-, Wohnbau- und Fürsorgemaßnahmen auf "Zivilisierung, Kulturalisierung und Hygienisierung der städtischen Massen abzielte", könne, so der Historiker, als Parallelaktion zum tiefenpsychologischen Projekt Sigmund Freuds gelten.

Wie Freud ging es dem Sozialdemokraten und Arzt Victor Adler um einen bisher unerschließbaren Bereich. "Adler sagt, es ist nicht die individuelle Seele, die wir retten müssen, es ist die Kollektivseele. Er erweitert den individuellen Körper zum sozialen Körper." Seine Schüler machten sich Gedanken, wie sie den "angeschlagenen gesellschaftlichen Körper" heilen und durch Bildung selbstbewusste Individuen herstellen könnten. "Es war eine Politik des Antizipatorischen. Nach dem Motto: Wir zeigen, was in Zukunft möglich sein wird", sagte Maderthaner.

Eugenikdebatte

Gerade das Fürsorgesystem – vom Säuglingswäschepaket und der Schulzahnpflege über die Eheberatung bis zum Tuberkulosepavillon in Lainz – erlangte internationalen Modellcharakter, wie Birgit Nemec, die am Institut für Geschichte der Universität Wien und am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin in Heidelberg tätig ist, ausführte. Sie sezierte in ihrem Tagungsbeitrag die "Anatomie des Neuen Menschen", den das Rote Wien propagierte.

Für die Historikerin schöpfte die Stadtverwaltung in ihren Gesundheitsdebatten nicht nur aus klassenkämpferisch-emanzipatorischen, sondern auch aus biopolitisch-eugenischen Überlegungen. "Die Erneuerung des Milieus, der Infrastruktur, war bei Julius Tandler gebunden an ein Versprechen der Aufwertung des Erbguts", sagte Nemec. Das Mittel dazu war für den Arzt und Stadtrat Tandler die Veränderung der Umwelt, die sich im Zusammenspiel mit der Vererbung erworbener Eigenschaften positiv auswirkt – Darwins evolutionstheoretische Grundlagen bildeten sich in diesen Gedanken noch nicht voll ab.

In seinen Ansichten dazu sei Tandler inkonsistent und ambivalent gewesen, sagte Nemec. Gegenüber den damals gängigen Theorien der Rassenforschung und -hygiene war er skeptisch, und wog den Gedanken eines lebensunwerten Lebens, das man opfern musste, um das Lebenswerte zu erhalten, mit ethischen und humanitären Motiven ab.

Ende der 1920er-Jahre habe er die Sterilisation psychisch Kranker in den Raum gestellt, zugleich sprach er aber davon, dass so eine Maßnahme in der Praxis nicht durchführbar sei, sagte Nemec. "Die praktische Stoßrichtung bleibt offensive Beratung und kontrollierende Einwirkung auf das Individuum als Baustein eines gesellschaftlichen Ganzen."

Wie sah also die konkrete Lebenswelt der Patienten im Fürsorgesystem des Neuen Menschen aus? "Darüber wissen wir relativ wenig", räumte Nemec ein. "Es ist nicht klar, wie etwa eine Lebensberatung ablief. Da fehlen die Quellen." Die Statistiken bescheinigen etwa den Rückgang der Kindersterblichkeit oder der Tuberkulose. Ängste und Sorgen wurden unter anderem in literarischen Sphären vermittelt, wie etwa in Robert Musils Kritik an der statistischen Hochrechnung.

Ökonomischer Schlussstrich

Die Ermächtigung der Massen, ihre Aufwertung durch die Gestaltung ihrer Umwelt scheiterte schlussendlich am rapiden wirtschaftlichen Niedergang. Das Rezept der Sozialdemokraten gegen die Krise hieß "Weiterbauen!", so Maderthaner. Man glaubte an die Selbstorganisation, an die Bildung der Menschen und unterschätzte die Auswirkungen der ökonomischen Misere. Die verordnete Modernisierung konnte sich nicht halten, obwohl sie zuerst auf einen hohen Zuspruch und Loyalität der Massen stieß.

Wie groß die Zustimmung auch unter Intellektuellen war, beweist für Maderthaner eine "Kundgebung des geistigen Wien", die vor den Gemeinderatswahlen 1927 in der Arbeiter-Zeitung erschien. Freud, Musil und andere meldeten sich zu Wort, um das "überpolitische Werk" der großen sozialen und kulturellen Leistungen des Neuen Wien zu erhalten – ein Werk, das im "Ringen um eine höhere Menschheit" den "Strom der Kultur in die Tiefe" leite. (Alois Pumhösel, 21.4.2016)

  • Die damals neuartigen Wohnbauten (hier der Karl-Marx-Hof) gehören zum großen Vermächtnis des Roten Wien. Bis heute loten Historiker politische Erfolge und innere Widersprüche aus.
    foto: www.roteswien.at

    Die damals neuartigen Wohnbauten (hier der Karl-Marx-Hof) gehören zum großen Vermächtnis des Roten Wien. Bis heute loten Historiker politische Erfolge und innere Widersprüche aus.

  • Sandleitenhof, Nietzscheplatz
    foto: zobl schneider

    Sandleitenhof, Nietzscheplatz

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