Künstler will Ölkonzern kaufen: "Drei, zwei, eins, und BP wird meins"

Interview20. April 2016, 11:41
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Unermüdlich sammelt Ruppe Koselleck Teerreste an den Weltstränden ein

STANDARD: Seit 15 Jahren arbeiten Sie an einem hehren Plan: der feindlichen Übernahme von BP. Wie wollen Sie das anstellen?

Ruppe Koselleck: Ich sammle angeschwemmte Ölpatzen, verwende sie für Rohölmalereien und Teerarien. Das sind Klarsichtboxen, in der sich vom Strand aufgesammelte Teerklumpen befinden. Ich verkaufe meine Werke zum aktuellen Aktienkurs von BP, wobei ich pro verwendete Ölsorte zwei Aktien verrechne. Mit dem Verkauf finanziere ich zu einem Teil meine Familie, mit den anderen 50 Prozent investiere ich in neue Aktien. Seitdem der Preis für die BP Aktien an der Vier-Euro-Marke kratzt, verkaufe ich auch Rohölbilder über einen Ebay-Account. Dabei finde ich den Gedanken reizvoll, einen internationalen Energiekonzern mittels Versteigerungen von Rohölbildern zu schlucken. Drei, zwei, eins, und BP wird meins.

STANDARD: Warum sind Sie gerade hinter BP her?

Koselleck: BP gibt sich als grünster Konzern unter den Ölfirmen. Ihr grüngewaschenes Logo liegt irgendwo zwischen der Pril-Saubermann-Blume und einem Helios-Zeichen, die ökoaktiven Marketingkampagnen, die romantische Abendstimmungen im Regenwald suggerieren und so weiter. Dieses dreiste Auftreten ärgert mich. Nicht erst seit der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko am 20. April 2010. An der Übernahme arbeite ich schon seit 2001. Auslöser war ein Strandurlaub, als ich meiner Tochter pickende Ölschmiere mit einem Taschenmesser von den Füßen kratzen musste. Seither sammle ich. Die Ölklumpen geben meinen Bildern auch ihre Namen. Besonders gefragt sind derzeit meine amerikanischen rohen Ölmalereien – mit Teer- und Ölfunden aus Florida, Louisiana und Alabama. Auch Korsika geht sehr gut.

STANDARD: Wie viele Aktien gehören Ihnen denn schon?

Koselleck: Derzeit sind es 3646 von 18.739.810.358.902 BP-Aktien. Alle drei Monate kaufe ich zu. Rund neun Milliarden brauche ich, damit ich den Laden übernehmen kann. Langfristig möchte ich dann das Unternehmen in RP, in Ruppes Petroleum, umwandeln. Dass RP der Abkürzung des Regierungspräsidenten entspricht, gehört zu den willkommenen Zufällen.

STANDARD: Das mit der Übernahme kann aber dauern.

Koselleck: Natürlich ist das nicht ganz einfach, ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Ein Statistiker – wohlgemerkt ein sehr wohlwollender – meinte, selbst wenn ich den Rang eines Andy Warhol hätte, also berühmt und reich wäre, würde ich über 200 Jahre brauchen.

STANDARD: BP wurde in den USA zu einer Geldbuße von 20,8 Milliarden Dollar verurteilt. Die US-Justizministerin spricht von einer "gerechten Strafe".

Koselleck: Was ist gerecht? Elf Menschen sind bei dem Unglück ums Leben gekommen. Die Küsten von fünf US-Bundesstaaten sind verseucht, der Fischfang schwer geschädigt. Hunderte Millionen Liter Öl töteten unzählige Meerestiere und Seevögel. Gleichzeitig tut BP so einiges, dass meine Übernahmepläne schneller vorangehen: Die hohe US-Strafe und ein gleichzeitig sinkender Ölpreis rücken die BP-Aktie in Ramschrichtung. Für den Konzern ist das natürlich ein Problem, so wie beispielsweise auch für die Altersvorsorge in Großbritannien. Dort haben öffentliche Dienste Milliarden aus ihren Rentenfonds in BP-Aktien angelegt.

STANDARD: Sie würden Ihre Aktien nicht verkaufen?

Koselleck: Niemals. Was ich an BP-Anteilen gekauft habe, hört für mich auf, Kapital zu sein. Es ist Teil eines Kunstprojekts. Ich werde testamentarisch dafür sorgen, dass das Geld nicht Teil der Erbmasse ist, sondern zum Beispiel je zur Hälfte in einen Künstlerfonds und einen Ökofonds geht.

STANDARD: Was wäre das Erste, das Sie als neuer BP-Chef tun würden?

Koselleck: Zuerst natürlich feiern. Dann würde ich die Großmacht BP zerschlagen. Ich sehe noch deutlich vor mir, wie US-Präsident Barack Obama mit seiner Tochter in der Nähe der Unglücksstelle der Deepwater Horizon medienwirksam ins Meer schwimmen ging, um zu signalisieren, dass alles gut sei. Solche Macht hat BP. Ich habe derweil zur selben Zeit und nur zehn Meilen entfernt Ölpatzen aus dem Wasser gefischt.

STANDARD: Hatten Sie schon Kontakt mit BP-Chef Bob Dudley?

Koselleck: Nein, aber das wäre sehr interessant. Er ist im Unterschied zu seinen Vorgängern Amerikaner und gar nicht so unerfolgreich als Konzernchef. Er hat den Konzern durch sehr unruhige See geführt hat, seitdem er 2010 Tony Hayward abgelöst hat, der nach der Explosion der Deepwater Horizon alles andere als glücklich agiert hatte.

STANDARD: Nach einem historischen Jahresverlust von 6,5 Milliarden Dollar müssen tausende BP-Mitarbeiter gehen. Die Bezüge von Dudley sollen jedoch um 20 Prozent steigen.

Koselleck: Dafür sollte er sich schämen. Dudley braucht das Geld doch eigentlich nicht, und mehr als (sprichwörtliche!) fünf Porsche kann er ohnehin nicht fahren. Als PR ist das also ziemlich bescheuert, es könnte aber ein Indiz dafür sein, dass er das Unternehmen wechselt. Vielleicht geht er zur Konkurrenz und kauft dann BP.

STANDARD: BP galt nach der Ölkatastrophe bereits als Übernahmekandidat. Was, wenn Ihnen heute jemand zuvorkommt?

Koselleck: Dann nehme ich Exxon. Oder Shell. (Sigrid Schamall, 20.4.2016)

Ruppe Koselleck, geboren 1967, ist Rohölmaler, Konzeptkünstler, Texter und Gründer des Blogs "Der Meisterschüler". Koselleck ist Kurator des Berliner Kunstvereins und hat seit 2012 einen Lehrauftrag für Experimentelle Kunstvermittlung an der Universität Osnabrück inne.

Das permanente BP-Übernahmebüro hat seinen Sitz in Münster (Westfalen), eine Filiale arbeitet aktuell in Heidelberg in der Ausstellung "Grün".

  • Will BP kaufen und als Chef zuerst feiern und den Konzern dann auflösen: Künstler Ruppe Koselleck.
    foto: sigrid schamall

    Will BP kaufen und als Chef zuerst feiern und den Konzern dann auflösen: Künstler Ruppe Koselleck.

  • Die Katastrophe um Deep Water Horizon ist sechs Jahre her. Verurteilt wurde niemand.
    foto: reuters / us coast goard

    Die Katastrophe um Deep Water Horizon ist sechs Jahre her. Verurteilt wurde niemand.

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