Was "West Wing" und "Braunschlag" verbindet: Lasst uns über Politikserien reden

Blog20. April 2016, 12:20
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Ideologie, Totschlag und Verhandlungsgeschick sind ein paar Zutaten erfolgreicher Politikserien. Aber was genau macht die Qualität einer solchen aus?

"Everythings political", sangen schon Skunk Anansie. Folgt man dem Credo, ist auch jede Serie politisch. Für das Label "Politikserie" sollte es dann aber schon ein bisschen konkreter werden. Aber was genau macht eine Serie zur Politikserie, und wieso gibt es derzeit so viele, die unter diesem Label laufen? Und zum Einstieg: Warum sind diese Produktionen eigentlich so erfolgreich?

P.S.: Spoilertechnisch ist diese Episode safe – das heißt: Wir spoilern keine wesentlichen Erzählstränge.

Michaela Kampl: Da kommt eben viel zusammen. In den großen Rahmen Politik kann alles Mögliche reingepackt werden: Sex, Macht, Liebe, Intrigen – was auch immer den Schreibern einfällt. Die sind ja auch recht unterschiedlich, diese Politikserien. Der Bogen geht von "Scandal" über "Westwing" bis zu "House of Cards".

foto: fox
Das Team um Präsident Josiah "Jed" Bartlet (Martin Sheen) hat einen Plan. Vielleicht.

Daniela Rom: Die Konzepte sind ja auch sehr unterschiedlich in den erwähnten Serien. Zu "Scandal" nur so viel: Ich dachte, "House of Cards" sei arg, dann habe ich "Scandal" gesehen. "House of Cards" zeigt uns, wie die schmutzige Seite der Politik aussieht – Intrigen, Machtspielchen und jede Menge menschliche Abgründe. Bei "West Wing" hingegen sehen wir quasi eine Idealversion, also wenn die Guten Gutes tun wollen und es hin und wieder schaffen, wenn auch nicht immer, aber immerhin – so hätten wir wohl gerne, dass die da oben regieren. Glaubt man US-Politberatern, dann war der "West Wing"-Präsident Bartlet auch ein Wegbereiter für Barack Obama. Die Darstellung von Politik in der Serie habe den Wunsch nach einem "Yes We Can"-Kandidaten verstärkt.

Julia Meyer: Ah, das ist interessant! Das heißt, dass der leicht bizarre Bush ein fiktives Gegenbild provoziert hat, das dann wiederum auf die Realität gespiegelt hat? Das ist ja meta-meta! So was lieb ich.

Doris Priesching: Und Robin Wright sagt, ein hoher Polit-Bonze habe ihr erzählt, es sei alles wahr in "House of Cards", außer Journalistenmord und dass ein Schulgesetz nie in der Schnelligkeit durchgeboxt werden hätte können, wie das in der Serie geschah. Fand ich witzig.

Michaela Kampl: Bei "West Wing" fand ich spannend, dass da tatsächlich Politik erklärt wird. Das kann auch nervig sein, aber ich fand's meistens super. Warum die Volkszählung ein Problem sein kann, wie Gesetze entstehen, wie Budgetverhandlungen ablaufen.

Daniela Rom: Vielleicht ist Politik in echt aber oft eher so wie in "Veep", also wenn die Patscherten und nicht die Allerschlauesten irgendwas tun, ohne Plan und ohne Ziel. Am Ende ist aber eh alles nur halb so wild, und irgendwie hat man auch ein Budget geplant oder ein Gesetz durchgebracht.

Julia Meyer: Ganz, ganz großartig bei den neueren Produktionen fand ich "Show me a Hero". Die Geschichte beruht ja auf einem wahren Fall. In einer Stadt sollen Sozialwohnungen in das reiche Mittelschichtviertel gelegt werden. Ein junger Politiker wird nur gewählt, weil er verspricht, das zu verhindern, muss es dann aber auf Druck der Regierung durchsetzen. Da sieht man sehr schön, wie wenig politische Überzeugungen und politische Handlung oft zusammenhängen. Abgesehen davon ist es ein kluger Kommentar auf die aktuelle Flüchtlingskrise. Oft fallen Sätze à la: "Ich bin kein Rassist, aber ..."

Michaela Kampl: Ich frage mich, warum Washington als Serienschauplatz in den vergangenen Jahren so gut zu funktionieren begonnen hat. Im echten Leben steht ja Washington mehr und mehr für eine verhasste Polit-Elite, der immer weniger Menschen vertrauen und die sowieso macht, was sie will.

foto: netflix
Ernst blickt das Gesicht.

Julia Meyer: Es wird noch immer als Zentrum der Macht wahrgenommen. Und letztlich zeigt ja auch "House of Cards" nichts anderes als eine Polit-Elite, die macht, was sie will, und der man wirklich nur bedingt Vertrauen schenken sollte. Das ist ja vielleicht gerade das Spannende, zumindest bei "House of Cards": Es ist so ein wohliger Grusel dabei, dass das Ganze nicht weit von der Realität entfernt sein könnte. Und gleichzeitig noch fiktiv genug, dass man nicht in Panikattacken verfällt.

Michaela Kampl: Du meinst also, es ist die Hassliebe, die Politikserien so faszinierend macht? Vielleicht gibt es da auch kaum Überschneidungen zwischen den Washington-Hassern und den Serienliebhabern.

Julia Meyer: Ich glaube, die Serienliebhaber sind eher die coolen Zyniker – mit der Tendenz zur Lust am eigenen Untergang –, aber nicht unbedingt die wütenden Ankläger. Obwohl es spannend wäre, zu erfahren, ob Zuschauer diese Art von Serien für das eigentliche Insiderwissen halten.

Daniela Rom: Wenn’s halt um den "Potus" geht, wird man sich schwertun, woanders zu sein. Aber "Good Wife" spielt in Chicago, "The Wire" in Baltimore, "Show me a Hero" irgendwo in der Nähe von New York. Der Schauplatz folgt also der Handlung. Aber lasst uns weggehen von der vermeintlich echten Politik. Auch eine politische Serie ist wohl "Game of Thrones" – da geht's halt nicht um Republikaner und Demokraten oder Präsidenten und Gesetzgebung.

Doris Priesching: Na ja, in "Game of Thrones" geht es aber schon recht schnürlgerade um das Recht des Stärkeren, bei aller Liebe – aber das Hinterrücks-Ausspielen und Abmurksen reicht meiner Meinung nach noch nicht für den Status Polit-Serie. Tun wir da nicht überinterpretieren?

Michaela Kampl: Wenn wir schon dabei sind: Was macht eine Serie zur Politikserie? Ich finde, es gibt Politik-Politikserien – da geht's um Politik mit ideologischem Unterbau. Also im Fall von "West Wing" – damit ich's nochmal erwähne – mit einer Vorstellung davon, wozu Macht dienen soll, und auf dieser Basis werden dann auch die einzelnen Entscheidungen gefällt und begründet. Und dann wird der Politikbezug in Abstufungen loser. Die Frage ist vielleicht eher: Wann ist eine Serie keine politische Serie mehr? Für mich ist zum Beispiel "The Americans" ein Grenzfall. Klar spielt der Kalte Krieg eine Rolle – aber eher als Setting für die psychologischen Kämpfe der KGB-Spione. Dani, was meinst du als "The Americans"-Expertin?

Daniela Rom: "The Americans" ist einfach die beste, tollste, großartigste und genialste Serie überhaupt. :) Als Polit-Serie im engeren Sinn (also über den Polit-Betrieb) würde ich sie jetzt nicht sehen, aber politisch in die Richtung wie "Game of Thrones" ist es natürlich. Spione als politische Tentakel eines Systems – bei "The Americans" sowohl auf der USA- als auch auf der UdSSR-Seite. Im Endeffekt zeigt man hier den Kampf der Systeme: sowohl im Großen, also im wirklich politischen Sinne, als auch im Einzelnen, in der Ehe der KGB-Spione – wenn man so will, das, was Politik im Alltag bewirkt. Da wäre ich dann schon wieder bei "Game of Thrones" und den politischen Systemen, die hier auch dargestellt werden und miteinander im Widerstreit sind.

foto: hbo
Nick Wasicsko (Oscar Isaac) muss in "Show me a Hero" unpopuläre Entscheidungen durchboxen.

Doris Priesching: Ha ha, alles Private ist politisch, das System sind wir. Eh! Vielleicht kommen wir so dem Erfolgsgeheimnis eine Spur näher. Ich würde Polit-Serien in zwei Kategorien sehen: zum einen solche, die über Personen das System entschlüsseln – zum Beispiel "Borgen", "House of Cards" und "The Americans" –, und solche, die vor allem in ein System einführen, zu dem wir Normalsterblichen keinen Zugang haben und wodurch wir eine Ahnung davon kriegen, wie Macht funktioniert – zum Beispiel "The Wire" oder "West Wing", aber auch "The Honourable Woman", wo Politik gemacht wird, dass man mit den Ohren schlackert. Im besten Fall ist eine Polit-Serie dann ein Vehikel in eine nicht allen zugängliche Eliteeinheit. Man darf auch das Umfeld nicht vergessen, in dem eine Serie entsteht: Ein Polit-Serie ist in den USA, wo Staatsmacht grundsätzlich mit Misstrauen begegnet wird, anders zu bewerten, als in Dänemark, wo positive Figuren offenbar noch ansprechen. Interessant ist aber doch, dass beides weltweit funktioniert hat. Wahrscheinlich eine Frage eines Common Sense of Gerechtigkeit.

Julia Meyer: Politikserien sind einfach deutlich markierte Gesellschaftskommentare. Es geht nicht nur darum, im Vorbeigehen Systeme zu beleuchten, sondern sie sind eine explizite Reflexion eines der mächtigsten Systeme. Auch wenn es die berühmte Politikverdrossenheit gibt, heißt das ja noch nicht, dass die meisten dennoch das politische System nicht für verantwortlich für ihre Lebensbedingungen halten. Und es ist lustiger, das in Serienform gegossen zu haben, als sich durch politische Berichterstattung zu graben.

Doris Priesching: Wie müsste eine österreichische Polit-Serie ausschauen? Lauter Kasperln? Oder Mord und Totschlag?

Daniela Rom: Ist "Braunschlag" schon eine politische Serie, weil der Onkel drin vorkommt?

Julia Meyer: Tja. Auslegungssache! (Michaela Kampl, Julia Meyer, Doris Priesching, Daniela Rom, 20.4.2016)

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