USA 1976 – die letzte "Contested Convention"

Blog mit Video26. April 2016, 05:30
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Den Republikanern droht auf dem Parteitag im Juli ein Kampf um Delegiertenstimmen. Ein solches Spektakel fand zuletzt vor 40 Jahren statt

"Contested Convention" – gestandenen Republikanern läuft der Schauer über den Rücken, wenn sie dieses Wort hören. Der Begriff bezeichnet das, was der "Grand Old Party" im Juli auf ihrem Parteitag widerfahren könnte: Keiner der verbliebenen Kandidaten Donald Trump, Ted Cruz und John Kasich hat in so einem Fall genug Stimmen, um von der Partei für das Präsidentenamt nominiert zu werden. Mehrere Wahlgänge werden nötig, es beginnt ein Feilschen unter den Delegierten. Im schlimmsten Fall für die Republikaner (und im besten Fall für die Demokraten) zieht sich der Machtkampf über Tage hin und wird öffentlich ausgetragen.

foto: william fitz-patrick/courtesy gerald r. ford library
Parteitag 1976: Gerald Ford gegen Ronald Reagan.

Ein solches Spektakel hat die Republikanische Partei schon sehr lange nicht mehr erlebt. Das letzte derartige Politdrama spielte sich vor 40 Jahren in Kansas City im Bundesstaat Missouri ab. Seine Hauptdarsteller – Gerald Ford als der Platzhirsch und Ronald Reagan als sein Herausforderer – leben beide nicht mehr. Auch die Kemper Arena, in der die Abstimmung mit tausenden Teilnehmern 1976 stattfand, ist nicht mehr dieselbe. Drei Jahre nach dem Parteitag krachte das Dach der Arena zusammen.

Nixons Vizepräsident

1976 war Gerald Ford noch Präsident. Noch, denn der Amtsinhaber war ein schwacher Präsident. Er war amerikanischer Präsident, obwohl er nie in dieses Amt gewählt wurde. Er war zuvor Vizepräsident unter Richard Nixon gewesen, obwohl er nicht einmal auf diesen Posten von den Bürgern gewählt oder von der Partei nominiert worden war.

1972 hatte Nixon gemeinsam mit seinem Vizepräsidenten Spiro Agnew die Präsidentenwahl gewonnen. Doch bevor Nixon selbst der Skandal der Nixon-Ära werden konnte, preschte sein Vize Agnew vor. 1973 wurde gegen ihn wegen Bestechung ermittelt und Anklage erhoben. Agnew musst zurücktreten, und Nixon war gezwungen, einen neuen Vizepräsidenten zu finden. Seine Wahl fiel auf einen Kongressabgeordneten aus Michigan – Gerald Ford.

Schließlich holten seine Machenschaften Präsident Nixon selbst ein, und er musste nach der Watergate-Affäre und angesichts eines drohenden Amtsenthebungsverfahrens zurücktreten. Sein Vizepräsident übernahm das Ruder. So wurde mit Ford 1974 ein Mann Präsident, der noch nie eine landesweite Wahl gewonnen hatte.

Feilschen

Das war auch der Grund, warum aus dem Parteitag 1976 eine "Contested Convention" wurde, obwohl ein Kampf um die Delegiertenstimmen einem Amtsinhaber für gewöhnlich erspart bleibt. Ford machte mit Ronald Reagan ein ehemaliger Schauspieler aus Kalifornien das Leben auf dem Parteitag schwer. Bei den Delegierten herrschte Verwirrung. Regeln wurden geändert, in Hinterzimmern wild verhandelt. Reagan gelang es beinahe, ihm die Nominierung wegzuschnappen.

Doch Ford war noch immer Präsident, er konnte Gefälligkeiten vergeben, Flüge in der Air Force One und Besuche im Weißen Haus arrangieren, um so seine Kür zum Parteikandidaten durch die Delegierten zu sichern.

Reagans Rede auf dem Parteitag 1976.

Er gewann die Nominierung, verlor aber die Wahl. 1976 wurde der Demokrat Jimmy Carter zum Präsidenten gewählt. (Stefan Binder, 18.4.2016)

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