Giuseppe Verdis "Macbeth": Rabenschwarzer Sitzplatz in der Hölle

18. April 2016, 16:42
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Regisseur Barrie Kosky und Dirigent Teodor Currentzis triumphieren am Opernhaus Zürich: Die radikale Konzentration auf die Hauptfiguren erlaubt den Blick in die Finsternis menschlicher Abgründe

Macbeth und seine Lady sind der Inbegriff von seelischer Finsternis. Macht ist ihnen Selbstzweck, Morden kein Problem. Nicht aus purer Lust, das wäre zu einfach. Sie wird immerhin wahnsinnig. Ihn überkommt in seiner letzten Arie Mal per me (die aus der Uraufführungsfassung von 1847 in die spätere, in Zürich gespielte, von 1865 übernommen wurde) ein ziemlich klarer Blick auf sich und sein Scheitern. Als Option ist der Dolch aber immer dabei. "Ich sehe einen Dolch?! Den Griff zu mir gedreht?", singt Macbeth – da ist der Dolch noch ein Trugbild. Doch dann trifft er den König, Freunde und Rivalen. Und vorsorglich auch deren Nachkommen, sofern sie nicht fliehen können.

Als politisches Lehrstück ist Macbeth rauf und runter dekliniert. Barrie Kosky, Klaus Grünberg (Bühne und Licht) und Klaus Bruns (Kostüme), aber auch Teodor Currentzis am Pult der Philharmonia Zürich begeben sich jetzt auf einen Psychotrip.

Kosky ganz in der Rolle des tiefschürfenden Seelenforschers, der er eben auch ist. Bei ihm ist es Nacht, wo die Abgründe gähnen. Der szenische Witz kommt hier allenfalls als Rabe wie geradewegs aus einem Edgar-Allan-Poe-Käfig herbeigeflogen. Sitzt dann auf der Stuhllehne neben der Lady, die in den Wahnsinn abdriftet. Und dann mit ein paar Artgenossen am Ende auch neben Macbeth. Die Vögel bewegen sogar ihre Köpfe. Im Lichtkegel, allein und verlassen, mitten im Nichts. So könnte die Hölle aussehen.

Der Clou von Koskys äußerlich betrachtet sparsamer, geradezu puristischer Inszenierung ist die Täterperspektive. Als dialektisches Lehrstück und als emotionale Selbsterkundung. So bekommen wir den ermordeten Banco in der Bankettszene nicht zu sehen. Dafür können wir das Problem, das Macbeth hat, nachvollziehen: Für Macbeth ist Banco da, doch, dass ihn kein anderer (nicht mal seine Frau) sieht, ist zum Verrücktwerden!

Allgegenwärtig (als nahezu einziges Ausstattungselement neben den Raben, dem Dolch, zwei Stühlen, ein paar Papierschlangen und zwei gespenstischen, an umgestülpte Badewannen erinnernden Deckenleuchten) ist der Tunnelblick auf dem Weg ins Nichts. Nur mit Lichterreihen markiert. Wie eine endlose Straße. Oder der Dürrenmatt'sche Tunnel ...

Die radikale Konzentration auf die beiden Hauptfiguren erlaubt den Blick in die Finsternis menschlicher Abgründe. Der Preis ist das Eindampfen aller anderen zu reinen Neben- oder Unfiguren. Die Hexen sind Zwitterwesen aus einer anderen Welt (des Unterbewusstseins). Ihre Stimmen kommen aus dem Dunkel der Kulisse. Ihre Körper von einer Gruppe nackter, stummer Statisten. Als geschlechtliche Mischwesen wanken sie wie die Zombies heran, werden gespenstisch von Projektionen ihrer selbst überblendet. Am Ende umringen sie ihn völlig, und greifen wie blutgierige Bacchantinnen nach ihm.

Vokaler Luxus

Dieser Wahnsinn hat Methode.

Was zu einem großen Teil natürlich an den fulminanten Sänger-Darstellern liegt. Allen voran an der Lady von Tatjana Serjan, aber auch der mit Markus Brück abwechselnde Dimitris Tiliakos wird darstellerisch und vokal zu einem Macbeth auf Augenhöhe. Wenwei Zhang als Banco und Pavol Breslik als Macduff steuern vokalen Luxus bei.

Im Graben entfesselt der vielerorts gehypte Teodor Currentzis musikalisch genau jene dräuende Dunkelheit, die auf der Bühne zu sehen ist. Neben allem anderen ist dieser Macbeth auch ein Paradebeispiel dafür, wie man hört, was man sieht, und zugleich sieht, was man hört. Verdis Macbeth in Zürich ist schlichtweg ein Triumph! (Joachim Lange, 18.4.2016)

Opernhaus Zürich, nächste Termine: 19., 23., 28. 4. / 5., 7. 5.

  • Bilder des Wahnsinns: Die Hexen in Barrie Koskys Zürcher "Macbeth"-Inszenierung sind  Zwitterwesen aus der Welt des Unterbewusstseins, die wie Zombies heranwanken.
    foto: monika rittershaus / oper zürich

    Bilder des Wahnsinns: Die Hexen in Barrie Koskys Zürcher "Macbeth"-Inszenierung sind Zwitterwesen aus der Welt des Unterbewusstseins, die wie Zombies heranwanken.

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