"Rekordlücke" auf Wiener Wohnungsmarkt

18. April 2016, 14:34
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Eine Chance sehen Experten in der Umnutzung von Büroobjekten zu Wohnungen

In einer "außergewöhnlichen Situation" befindet sich laut Michael Ehlmaier, Geschäftsführer von EHL Immobilien, der Wiener Wohnungsmarkt derzeit: Das Frühjahr sei allgemein eine nachfragestarke Zeit. Doch durch das massive Stadtwachstum im Vorjahr (mit einem Plus von 43.000 Menschen) sei die Schere zwischen Wohnungsnachfrage und Wohnungsangebot nun so groß wie seit Jahrzehnten nicht.

Selbst wenn man nur dem Bevölkerungswachstum des Vorjahres Rechnung tragen wolle, dann seien – bei einer durchschnittlichen Belagszahl von zwei Personen pro Haushalt – 21.000 zusätzliche Wohnungen nötig. Zwar seien die Baubewilligungs- und Fertigstellungszahlen in den vergangenen Jahren gestiegen.

Mieten gestiegen

Tatsächlich wurden 2015 aber dennoch nur 7.000 Wohnungen fertiggestellt, im ersten Halbjahr des aktuellen Jahres werden es 3.500 sein. Interessant sei, dass die Anzahl der bewilligten Wohnungen jedes Jahr höher sei als die Anzahl der Fertigstellungen, sagte EHL-Wohnimmobilienexpertin Sandra Bauernfeind. Einerseits sei das auf Mehrfacheinreichungen zurückzuführen: "Aber ich gehe schon davon aus, dass jedes Jahr auch zirka 3.000 Wohnungen nicht errichtet werden." In solchen Fällen sei es schon gut, "die Umsetzung solcher Projekte zu forcieren".

Die Preise im ersten Quartal haben laut EHL weiter angezogen: Die Wohnungsmieten seien im Bereich der frei vermietbaren Wohnungen um 1,4 Prozent, Eigentumswohnungspreise um 2,1 Prozent gestiegen. "Keine Entlastung für den Markt" sehen die Experten im Bereich des Wohnungsbestands: Nur ein Bruchteil der aktuell leerstehenden Wohnungen würde den Wohnungssuchenden tatsächlich zur Verfügung stehen.

Denn private Vermieter würden ihre Objekte aus Unwissenheit oder Angst lieber leerstehen lassen, als sie zu vermieten. Problematisch sei auch eine kontinuierliche Verschiebung des Angebots von Miet- zu Eigentumswohnungen, was sich viele nach Wien Ziehende nicht leisten können.

Umnutzung von Büroobjekten

Positiv könnte sich aber die nun häufiger umgesetzte Umnutzung von älteren Büroobjekten zu Wohnungen auswirken. Das geschehe in Toplagen – etwa mit dem Projekt Living Kolin von 6B47 im neunten Wiener Gemeindebezirk –, aber auch in günstigeren Lagen, so Bauernfeind.

Als Maßnahmen zur Erhöhung des Wohnungsangebots empfiehlt man bei EHL unter anderem die Reduktion der ImmoEst, eine Beschleunigung von Flächenwidmungen und Bauverfahren, eine Vereinfachung des Mietrechts und die Vereinfachung der Schaffung von Wohnraum in Erdgeschoßen. All diese Forderungen seien zwar nicht neu, räumte Bauernfeind ein: Umgesetzt seien sie bisher aber auch noch nicht geworden. (zof, 18.4.2016)

  • Oft würden Eigentümer ihre Wohnungen lieber leerstehen lassen, als sie zu vermieten, sagen die Experten.
    foto: apa/helmut fohringer

    Oft würden Eigentümer ihre Wohnungen lieber leerstehen lassen, als sie zu vermieten, sagen die Experten.

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