Mittelmeer: Hunderte Flüchtlinge ertrunken

18. April 2016, 16:11
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Italiens Präsident Mattarella bestätigt Medienberichte – Boote kenterten offenbar vor der Küste Ägyptens

Rom/Genf – Im Mittelmeer hat es nach Angaben Italiens viele Tote bei einem Unglück mit Flüchtlingsbooten gegeben. Es habe sich eine Tragödie auf See ereignet, bei der offenbar mehrere Hundert Menschen ums Leben gekommen seien, sagte Präsident Sergio Mattarella am Montag.

Konkrete Opferzahlen und ein genauer Hergang waren zunächst nicht bekannt. In italienischen Medien hieß es unter Berufung auf den arabischsprachigen Dienst der BBC, mehrere Boote mit überwiegend ostafrikanischen Schutzsuchenden seien vor der Küste Ägyptens gekentert. Dabei seien bis zu 400 Menschen gestorben.

Der somalische Regierungssprecher Abdisalan Aato sagte der Deutschen Presse-Agentur in der Hauptstadt Mogadischu, auf den Booten hätten sich rund 500 Migranten befunden. "Unseren Informationen zufolge sind viele Somalis in dieser Tragödie ums Leben gekommen."

23 Überlebende

Aato sagte weiter, ungefähr 200 der Bootsinsassen stammten aus Somalia und der autonomen Region Somaliland. "Dieser Unfall, bei dem viele unserer jungen Männer Berichten zufolge ums Leben kamen, hat uns sehr schockiert", betonte der Präsident Somalilands, Ahmed Mohamed Mohamud Silanyo, in einer Mitteilung. Nach lokalen Medienberichten überlebten nur 23 Migranten das Unglück.

Wo exakt sich die Katastrophe ereignet hat, war zunächst nicht klar. Auch zu den genauen Umständen des Unglücks gab es keine präzisen Angaben.

Frontex-Sprecherin Izabella Cooper konnte keine Angaben zu dem Vorfall machen. Die EU-Grenzschutzagentur sei nicht beteiligt gewesen und habe weder Zahlen noch eine offizielle Bestätigung. Auch die italienischen und griechischen Küstenwachen konnte auf Anfrage zunächst keine Angaben zu dem Unglück machen. Ein Sprecher der UNO-Flüchtlingsbehörde UNHCR in Genf sagte, man versuche derzeit mehr Informationen zu bekommen.

Leichen vor Libyens Küste entdeckt

Zugleich gab es Berichte über ein weiteres Bootsunglück. Auf einem im Mittelmeer in Seenot geratenen Flüchtlingsboot vor der Küste Libyens fanden italienische Rettungskräfte sechs Leichen. 108 weitere Migranten seien gerettet und von einem Schiff aufgenommen worden, nachdem sie zuvor einen Notruf abgesetzt hatten, berichtete die Nachrichtenagentur ANSA am Montag. Sie hätten den Rettern von den Toten auf ihrem Boot erzählt, die daraufhin ebenfalls an Bord geholt worden seien

Es ist nicht das erste Mal, dass hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben kommen. Im Oktober 2013 waren 400 Flüchtlinge vor der italienischen Insel Lampedusa ertrunken. Und vor genau einem Jahr waren bei einem Bootsunglück etwa 800 Menschen vor der libyschen Küste gestorben. Erst am Montag gaben die italienischen Behörden bekannt, das Wrack geborgen zu haben.

Begrenzte EU-Mission

Als Reaktion darauf hatte die EU ihre Rettungsaktionen verstärkt bzw. im Juni 2015 Mission Sophia ins Leben gerufen – ein Militäreinsatz, an dem Streitkräfte von 14 Staaten teilnehmen und der die Zerschlagung des Schlepperwesens im Mittelmeer zum Ziel hat. Allerdings kann in libyschen Hoheitsgewässern nicht eingegriffen werden, weil dazu eine Erlaubnis der libyschen Regierung vonnöten wäre. Dort herrscht allerdings seit längerem ein Machtkampf zwischen mehreren Regierungen.

Die EU, nationale Behörden und NGOs warnen seit Wochen, dass hunderttausende Menschen in Nordafrika auf die Überfahrt nach Europa warten. Am Freitag meldete die Internationale Migrationsorganisation (IOM), dass in den drei Tage davor fast 6.000 Menschen von Libyen aus das Mittelmeer überquert hätten. Sollte es bei diesem Zustrom bleiben, dürften das dritte Jahr in Folge mehr als 100.000 Menschen in Italien ankommen.

Chaos in Libyen

"Und vielleicht sehr, sehr viel mehr", hieß es bei der IOM. Syrer seien derzeit kaum unter den Flüchtlingen, die von Libyen aus in die EU gelangen wollten. Allerdings könne sich das wegen des EU-Türkei-Abkommens ändern. Das Fehlen einer Zentralregierung in Libyen und die schlechte Sicherheitslage begünstigen die Arbeit der Schlepper. Manche Experten vermuten aber auch, dass viele die Überfahrt von Ägypten aus wagen wollen, weil die Lage in Libyen zu chaotisch und daher zu gefährlich sei.

Vor zwei Jahren waren etwa 170.000 Flüchtlinge in Italien angekommen, 2015 weitere 154.000. Die Reise von Libyen über das Meer ist deutlich länger und gefährlicher als die von der Türkei nach Griechenland. Im März hatten sich allerdings die türkische Regierung und die EU auf Maßnahmen gegen den Flüchtlingszustrom geeinigt.

Zudem haben einige Staaten im Südosten Europas ihre Grenzen dichtgemacht. Italien befürchtet daher eine Zunahme der Flüchtlinge via Libyen. Österreich bereitet derzeit Grenzkontrollen am Brenner vor, um einen Flüchtlingszustrom von Italien aus nach Schließung der Balkanroute abzuwehren.

Faymann: "Können das nicht hinnehmen"

"Wir können das nicht hinnehmen." Bundeskanzler Werner Faymann zeigte sich am Montag entsetzt über die neuerliche Tragödie im Mittelmeer und forderte als Konsequenz "einen gemeinsamen, solidarischen Weg." Er plädierte in einer Aussendung für mehr Hilfe vor Ort, eine gemeinsame internationale Flüchtlingspolitik mithilfe des UNHCR, die Stärkung der legalen Einreisemöglichkeiten, gemeinsame Rettungsmaßnahmen von Menschen in Seenot auf internationaler Ebene und den gemeinsamen Kampf gegen die Schlepperbanden. (APA, red, 18.4.2016)

  • Rettungsaktion der italienischen Küstenwache im Mittelmeer im August 2015. Für hunderte Flüchtlinge kam jetzt jede Hilfe zu spät.
    foto: apa/epa/italian navy

    Rettungsaktion der italienischen Küstenwache im Mittelmeer im August 2015. Für hunderte Flüchtlinge kam jetzt jede Hilfe zu spät.

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