"A German Life": Erinnerungen von Goebbels' Sekretärin

18. April 2016, 08:01
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Premiere des Dokumentarfilms über Brunhilde Pomsel, die zwischen 1942 und 1945 Sekretärin im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda war

Der Nationalsozialismus wurde im Geschichtsfernsehen fürwahr nicht unterbeleuchtet. Helfer, Kinder, Hunde – es gab kaum eine Nische im erweiterten Personal des NS-Staats, die im Guido-Knopp-TV nicht ausgeschlachtet wurde und eine weitere reißerische Perspektive versprach. So verwundert es eigentlich, dass es über Brunhilde Pomsel bisher wenig zu sehen gab. Die heute 105-Jährige wirkte von 1942 von 1945 tatsächlich im Vorzimmer der Macht. Als eine von sechs Sekretärinnen im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Berlin kannte sie Joseph Goebbels aus unmittelbarer Nähe.

foto: blackbox film
Tiefe Spuren im Gesicht: die 105-jährige NS-Zeitzeugin Brunhilde Pomsel.

A German Life heißt der Dokumentarfilm, der die alte Dame nun noch einmal diese Zeit rekapitulieren lässt. Er wurde mit Christian Krönes, Olaf Müller, Roland Schrotthofer und Florian Weigensamer gleich von vier Filmschaffenden realisiert und feiert bei Visions du réel im Schweizerischen Nyon am Montag seine Weltpremiere. Schon das reduzierte Setting verleiht Pomsel darin eine besondere Aura, ein wenig so, als wäre sie die Kronzeugin, auf die wir alle gewartet haben. Scharf ausgeleuchtet präsentiert sich ihr Gesicht in den hochauflösenden Schwarz-Weiß-Bildern wie eine von tiefen Furchen durchzogene Landschaft, die ihren erstaunlich klar gebauten Sätzen zusätzliche Autorität verleiht.

Das Regieteam hat dankenswerterweise ein minimalistisches Konzept verfolgt, das die Aufmerksamkeit auf der Zeitzeugin bündelt. Keine Frage, kein Voice-over, dafür kurze Zitatinserts und Ausschnitte aus historischen Filmen, Aufklärungs- wie Propagandamaterial. Ein Kontextangebot, welches das Gesagte zu erweitern oder zu kontrastieren versucht, dabei jedoch mitunter ein wenig zerstreut wirkt.

visionsdureel

Auf jeden Fall wird der Zuschauer selbst in die Lage versetzt, die Glaubwürdigkeit von Pomsels Erzählung, ihre Relativierungen in der Selbsteinschätzung zu bewerten. Dass sie als junge Frau "äußerlich, verspielt" gewesen sei, sagt sie früh. Die Rolle der im Grunde unpolitischen Mitläuferin wird sie den ganzen Film hindurch nicht ablegen. Wann immer es um eine Schwelle in ihrer Biografie geht, in der eine Entscheidung nötig war, ist ihr diese abgenommen worden. "Es geschah mit uns", sagt sie einmal. Goebbels' berüchtigte Rede im Sportpalast sei ein "Naturereignis" gewesen, dessen Wirkung aufs Publikum man nicht erklären konnte. "Wir waren ja selber alle ein Riesenkonzentrationslager."

"Ich gehöre zu den Feigen"

Trotz der rhetorischen Manöver, mit denen Eigenverantwortung geschmälert werden soll, bleibt Pomsel eine höchst interessante Zeitzeugin. Gerade durch ihre Ausflüchte verrät sie auch, wie attraktiv, ja modisch der Nationalsozialismus auf sie gewirkt haben musste, um sich ihm so naiv anvertrauen zu können. Er brachte ihr nicht nur einen einträglichen Beruf "unter angenehmen, gut angezogenen Menschen" ein, sondern auch das Gefühl der Besonderheit, ein Insider zu sein. Und wenn sie Goebbels' Vertrauen nicht enttäuschte, erzählt sie im Film, dann fühlte sie sich noch ein wenig edler.

"Ich gehöre zu den Feigen." So bewertet sie ihre Position aus heutiger Sicht. Man kann darin auch eine Faszination für eine Oberfläche sehen, über deren tiefen Abgrund es dieser Frau gelang hinwegzuschauen. (Dominik Kamalzadeh, 17.4.2016)

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