In den Ekelräumen des Internets

18. April 2016, 07:08
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Mediale Abgründe eröffnen sich bei Thomas Bo Nilssons Installation "Cellar Door" im Wiener Schauspielhaus und bei der Performance "Queen of Hearts" von Navaridas & Deutinger im Tanzquartier Wien

Wien – Eine Rockmusik springt an, und ab geht's in die Unterwelt. Besser gesagt, das Publikum steigt hinunter in ein verwirrendes Labyrinth aus acht miteinander verbundenen Einfamilienhauskellern. So beginnt Thomas Bo Nilssons Installation, Performance und Videogame Cellar Door im Wiener Schauspielhaus: eine sinistre Expedition für jene, die hinter bieder wirkenden Häuserfassaden menschliche Abgründe vermuten, und alle, die mit zunehmendem Ekel in die Kloaken des Internets schauen.

In Österreich ist diese Uraufführung gut aufgehoben, weil hier das Interesse an den unterirdischen Gelassen seiner Einwohner einerseits mit Namen wie Fritzl und Priklopil verbunden ist, andererseits durch erhellende Untersuchungen wie Ulrich Seidls Film Im Keller (2014) noch verstärkt wurde. Außerdem befindet sich das Schauspielhaus ganz in der Nähe der berühmten Adresse Berggasse 19 (Sigmund Freud): Die 504 Stunden – sprich 21 Tage – währende Dauerperformance bietet auch jenen einen Kick, die sich dem Unheimlichen mit psychoanalytischer Freude nähern.

Lust- und Frustboudoirs

Nilsson (35), Installationskünstler aus Schweden, erregte bereits 2014 in Berlin mit seiner 240-stündigen Performance Meat über einen kanadischen Mörder große Aufmerksamkeit. In Wien hat er nun das gesamte Schauspielhaus mit teils dunstigen Lust- oder Frustboudoirs nebst Lasterhöhlen, Kabinetten, Gängen und Nischen zugebaut. Diese werden von allerlei Gestalten bevölkert, die als Kämpfer auftrumpfen, als Drohnen lauern oder Charaktere verkörpern wie zum Beispiel eine Teenie-Pferdenärrin, die das Hirn ihres Bruders auf ihrem Bett abgelegt hat, oder eine satanistische Königin in ihrer "Arena". Wirklich nett sind sie alle nicht, aber wieso auch, schließlich ist hier ein Spiel mit äußerst dunklen Symboliken im Gange.

Man kann mit den Figuren kommunizieren – einige davon wollen das, manche mögen's weniger und zieren sich. So wird die oft recht enge Begegnung mit den an die vierzig Performerinnen und Performern in dem detailversessen ausgestatteten Labyrinth zu einem Wechselspiel der Gefühle. Die Darsteller haben, wie bei partizipatorischen Arbeiten üblich, die Kontrolle. Das Publikum – es kann sich im Foyer bereits mit einem unsanften Kurzfilm von Matt Lambert einstimmen – spürt das und fährt die Schutzschilde hoch: durch offensive Teilnahme oder durch Zurückhaltung. Der "Cellar Room" weckt eher das Zweitere. Also ein Verhalten, das in der Hass-Mobbing-Porno-Sphäre des Internets immer mehr angesagt ist. Auf diesen Niedergang des World Wide Web will Nilsson mit seiner begehbaren Metapher auch explizit hinweisen.

Der bösen Königin in ihrem Schauspielhaus-Keller stand am Wochenende eine geisterhafte Queen of Hearts im Tanzquartier Wien gegenüber, die von Marta Navaridas und Alex Deutinger (ebenfalls in einem Keller, nämlich dem der Museumsquartier-Halle G) zerlegt wurde: Lady Di. Diana Spencer, Princess of Wales, und ihr überveröffentlichtes Leben dienten dem österreichischen Choreografenpaar Navaridas und Deutinger als Projektionsfläche für eine am Ende resolut geäußerte Kritik an der Gegenwart.

Am Beginn herrscht Navaridas mit einem auf ein Podest gestellten Schlagzeug über das Geschehen – also über Deutinger, der in blauem Trikot Lady Diana personifiziert. Die Frau an den Drums ist so etwas wie die Allegorie des Königshofs. Und Deutinger spielt das Beklemmende am Diana-Sein vor. Verkürzt gesagt: Hier ist die Prinzessin eine Transformerin zwischen Mensch und Mediengestalt in Person einer Transgenderperformerin. Ähnlich vertrackt funktionieren Erzeugungen des Medienboulevards. Wer in ihr "Licht" gerät, transformiert zum Zombie. Das verdeutlicht Queen of Hearts – und darüber hinaus, dass es zu Lady Di heute, bald zwanzig Jahre nach ihrem Ableben, nicht mehr viel zu sagen gibt.

Betrachten und Erleben

Der Boulevard freilich tobt weiter, hat aber nun im Netz ein monströses Pendant, in dem das alte Medientheater zu einer Art Computerspiel mutiert ist, in dem das Obszöne als Action herrscht. Das Internet triggert die partizipative Kunst. Im Theater messen sich daher seit mehr als zwanzig Jahren Bild und Spiel, Betrachten und Erleben miteinander.

So hat Thomas Bo Nilsson mit seiner auch live ins Netz gestreamten Erlebnisperformance einen Vorteil. Deutinger und Navaridas dagegen haben Mut zu einer Peinlichkeit, den sich das Publikum in Cellar Door nicht leisten will. Weil es Publikum ist und nicht nur spielt. (Helmut Ploebst, 18.4.2016)

Livestream "Cellar Door", Zugang jeweils 17 und 21 Uhr, bis 5. Mai

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www.lexlydia.net

  • Eine von vierzig Performerinnen und Performern in der Uraufführung der Performance und Installation "Cellar Door" von Thomas Bo Nilsson im Schauspielhaus Wien.
    foto: matthias koslik

    Eine von vierzig Performerinnen und Performern in der Uraufführung der Performance und Installation "Cellar Door" von Thomas Bo Nilsson im Schauspielhaus Wien.


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