Der stille Moment des Springinkerls

15. April 2016, 18:06
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Er trägt seine Liebe zum Fußball nach außen: Jürgen Klopp

Es muss schiere Fassungslosigkeit gewesen sein, die Jürgen Klopp in der 91. Minute an der Seitenoutlinie erstarren ließ. Normalerweise lässt der Trainer des FC Liverpool dem aufgestauten Adrenalin im Torjubel freien Lauf. Dann fletscht er die Zähne, ballt die Faust und schnappt sich seinen Nächsten für eine innige Umarmung. Zurückhaltung in der Coaching Zone ist seine Sache nicht. Das kritisieren die einen als respektlos, das macht ihn bei den anderen zum Publikumsliebling. In einem zusehends abgebrühten Fußballbusiness liefert Klopp im Trainingsanzug oder mit Kapuzenpullover den emotionalen Gegenpart zu in sich gekehrten Krawattenträgern. Normalerweise.

Am Donnerstag aber, als Dejan Lovren in der Nachspielzeit den entscheidenden Treffer zum 4:3 gegen seinen Exklub Borussia Dortmund im Viertelfinale der Europa League erzielte, als sich die Zuseher abbusselten, war der 48-jährige Deutsche ob der Wende perplex, wie paralysiert. Später sollte er von einer "unfassbaren Atmosphäre" sprechen. Rund 500 Partien habe er als Trainer erlebt, "aber es gab vielleicht fünf Spiele dieser Art. Ich werde diese Nacht nie vergessen".

Der in Stuttgart geborene Klopp war kein riesiger Kicker. In den 1990er-Jahren hielt er in 325 Spielen den damaligen Zweitligaklub Mainz 05 über Wasser. Siebenmal ging es gegen den Abstieg, stets mit Erfolg. Eine harte Schule, aber vielleicht die wichtigste für den späteren Trainer. Denn über all die taktischen Finessen der Fußballlehre hinaus impft der Vater eines Sohnes seinen Teams auch Kampfgeist ein.

Klopp selbst nennt es auf Englisch gerne "Passion". Und eben diese Leidenschaft lebt er vor. Im Training, bei Pressekonferenzen, am Spieltag. Die nach außen getragene Liebe zum Fußball ist sein Markenzeichen. Als einstiger TV-Experte weiß Klopp, wie man die Medien bedient, er spielt gekonnt mit seinem Image.

Klopp braucht die Fans, er funktioniert im Wechselspiel mit deren Emotionen. Bei Mainz, Dortmund und Liverpool – allesamt Vereine mit großer Fankultur – fand er für seine Arbeit ideale Bedingungen vor. Mit Mainz gelang ihm der Aufstieg in die Bundesliga, mit Dortmund zweimal der Meistertitel und der Einzug ins Finale der Champions League.

Ob er, der sich in Liverpool als "The normal one" präsentierte, auch in der Schlangengrube eines größeren Vereins bestehen könnte? Real Madrid? Manchester City? Man will es nicht herausfinden. (Philip Bauer, 15.4.2016)

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