Brenner: Die neu entfachte Angst vor der Grenze

16. April 2016, 09:00
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In Italien steigt der Unmut angesichts Österreichs Grenzsicherungsarbeiten am Brenner. Nicht nur aus dem Tourismus mehrt sich die Kritik

Mailand – "Die Regeln müssen respektiert, der Brenner kann nicht zu einem Objekt des Wettbewerbs werden." Das sagte Italiens Regierungschef Matteo Renzi am Freitag in einem Fernsehinterview. Sollte Österreich das "Mauer-Konzept" umsetzen, werde Italien Gegenmaßnahmen ergreifen. Ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich sei nicht ausgeschlossen.

Inzwischen befürchten Mailänder Wirtschaftskreise und Tourismusexperten Auswirkungen der sogenannten Brenner-Krise. Unmutsäußerungen der Bevölkerung wie die jüngsten Protestkundgebungen in Mailand, Venedig, Padua und Bologna sind eine Vorwarnung. Die Transportfirmen werden es nicht hinnehmen, dass sie stundenlang auf dem Brenner warten müssen, um abgefertigt zu werden, sagte Österreichs Wirtschaftsdelegierter in Mailand, Michael Berger. Er verwies auf das noch positive Image Österreichs in Italien, auf die wachsenden bilateralen Wirtschaftsbeziehungen, auf die 2000 Besucher, die bei der Eröffnung der derzeit stattfindenden österreichischen Design-Ausstellung Back ahead – New Austrian Design Perspectives in Mailand präsent waren. Die von der Wirtschaftskammer mitorganisierte Ausstellung mit 70 Beteiligten geriet zum durchschlagender Erfolg der österreichischen Möbel- und Designbranche. Doch bei der Vernissage der Ausstellung in Mailands Villa Necchi Campiglio wurden auch Kritiken über den Bau physischer Barrieren laut.

Ernsthaft besorgt über Erklärungen verschiedener österreichischer Regierungsmitglieder zeigten sich auch Touristikmanager. 2016 hat bestens begonnen. Die Zahl der Nächtigungen italienischer Gäste in Österreich ist allein in den ersten zwei Monaten um sechs Prozent auf 330.000 gestiegen.

Wirtschaftliche Verflechtung

Michael Strasser, der in Mailand die Österreich Werbung repräsentiert, führt den Erfolg auch auf die Weltausstellung Expo zurück mit dem österreichischen Leitmotiv "Luft ist eine Nahrung". Dieses Konzept kam in Italien bestens an und soll nun mit Unterstützung des Wirtschaftsministeriums in Wien weiterentwickelt werden. "Hoffentlich macht der Brenner diesem Konzept und der florierenden Tourismus-Entwicklung nicht einen Strich durch die Rechnung, sagte ein Journalist des Monatsmagazins Class.

Schließlich ist Italien der zweitwichtigste Wirtschaftspartner Österreichs, und die italienischen Gäste stehen in der Auslands-Tourismus-Rangliste ganz oben. "Den österreichischen Freunden will ich nur sagen, dass der Brenner nicht nur ein Tunnel ist, um beide Länder zu verbinden, er ist Arbeitsort für unzählige Firmen und vor allem ist er ein Symbol", sagte Regierungschef Renzi im Fernsehinterview. Angeblich haben bereits mehrere Unternehmen mit Schließung gedroht. (Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand, 16.4.2016)

  • Das Trennende scheint das  Verbindende in den Schatten zu stellen – auch auf dem Brenner. Nicht nur Österreich  und Italien, auch die EU würde Schaden nehmen,  warnen Kritiker.
    foto: reuters/ebenbichler

    Das Trennende scheint das Verbindende in den Schatten zu stellen – auch auf dem Brenner. Nicht nur Österreich und Italien, auch die EU würde Schaden nehmen, warnen Kritiker.

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