Wirre Blicke, lebendiger Symbolismus

15. April 2016, 16:51
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Alexander von Zemlinskys "König Kandaules" an der Flämischen Oper Antwerpen

Auf dem Spielplan der Flämischen Oper in Antwerpen stand heuer die Premiere von Alexander Zemlinskys (1871-1942) König Kandaules. Doch in Belgien liegt noch der Schock des islamistischen Bombenwahnsinns in der Luft. Soldaten in Kampfuniform patrouillieren in kugelsicheren Westen, demonstrieren gelassen, aber mit MP vor der Brust vor allem Anwesenheit. Die Oper spielt. Und das ist auch gut so. Als trotziges, ganz allgemeines "Jetzt erst recht!". Antwerpen und Gent sind der flämische Stagione-Vorposten von Opern-Europa, und Aviel Cahn hat den Ehrgeiz, dort ganz vorn mitzumischen. Dass ihm das Theater an der Wien seinen Operndirektor unlängst weggeschnappt hat, ist kein Wunder.

König Kandaules ist eines der Meisterwerke im Schatten von Richard Strauss. Der dürfte nicht allzu traurig gewesen sein, dass sich dieser Neben-, ja Über-Strauss 1938 in die USA absetzen musste. An der vorletzten seiner neun Opern schrieb Zemlinsky 1935 bis 1939. Fertig wurde sie nicht, weil die Flucht dazwischenkam. Erst 1996 kam die von Antony Beaumont ergänzte Partitur in Hamburg zu Uraufführungsehren. In Wien haben 1997 schon Hans Neuenfels und Asher Fisch, in Salzburg 2002 Christine Mielitz und Kent Nagano für das obligate "Müsste öfter gespielt werden"-Echo gesorgt, dem dann doch nicht allzu viel folgte.

Mythologisch an der von André Gide aus diversen Überlieferungen destillierten und vom Komponisten zum Libretto umgemodelten Geschichte ist ein Zauberring, der unsichtbar macht. Psychologisch und fantasieanregend seine Verwendung für eine Liebesnacht, bei der der Fischer und Ringfinder Gyges der Frau des Königs Kandaules die schönste Nacht ihres Lebens bereitet. Als er ihr diesen Betrug beichtet, fordert sie ihn auf, den König zu töten und an seine Stelle zu treten.

Eine ziemlich abgedrehte Geschichte, die sich kaum einfach so erzählen lässt, zudem die Musik jeden Handlungsrealismus mit großer Geste verhöhnen würde.

Also ein gefundenes Fressen für einen wie den Ukrainer Andrij Zholdak, der eh mehr auf die Ebenen unter (oder über) den Buchstaben der Geschichte aus ist. Ein Subtext-Regisseur à la Hans Neuenfels. Auf den spielt er sogar an, wenn hier plötzlich Riesenratten auftauchen. Und mit den eigentlich gar nicht geborenen, gleichwohl gespenstisch aktiven Kindern spielen.

Faszinierendes Albtraumhaus

Diese Gäste aus dem Reich des Verdrängten bevölkern die drei Etagen des durchgestylten Bühnenhauses. Mit Fahrstuhl von der Nobelwohnküche ins Zwischengeschoß und den Tresor für den Reichtum des Kandaules, bis hinauf ins Schlafzimmer neben dem Bad mit den blutigen Kacheln ... Zusammen mit A. J. Weissbard hat sich Zholdak da ein faszinierendes Albtraumhaus gebaut. Annäherung mit gezücktem Messer, wirre Blicke, lebendiger Symbolismus, an der Wand aufleuchtendes "Töte ihn", spürbare latente Gewalt. Und am Ende zwei abgestochene Männer und eine Frau, die mit ihren nicht geborenen Kindern zufrieden Seilhüpfen spielt.

Dmitry Golovnin (Kandaules), Elisabet Strid (seine Königin Nyssia) und Gidon Saks (Gyges) halten an der Spitze des Ensembles dem unter Dmitri Jurowski imponierend zwischen aufgeputscht-neurotischem Klangrausch und faszinierender Feinzeichnung balancierenden Orchesterfest stand. Am Ende bleibt wieder die Frage, warum dieses Opernschmuckstück nicht öfter präsentiert wird. (Joachim Lange, 15.4.2016)

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