Julya Rabinowich: Impressionen

Kolumne15. April 2016, 16:10
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Im Schlafwagen wird es aufregend, vermutlich aufregender als der Flug

Da schreibt man vom Tapfersein und von normal Weiterleben. Nach jedem Terroranschlag schreibt man das, man weiß, wie wichtig es wäre, so weiterzuleben. Was passieren wird, wenn man es nicht tut. Und dennoch: Es schleicht sich langsam ein bei mir.

Es ist absurd, denn vor Autounfällen habe ich keine Angst, wenn ich in ein Auto steige. Ich steige problemlos in alle möglichen Autos, die sich so anbieten, furchtloser als ein Ritter ohne Tadel. Aber wenn ich in ein Flugzeug steigen sollte, wäre die Angst schon Tage vorher latent da, um am Abflugtag großzügig auszubrechen wie der Vesuv höchstpersönlich.

Und jetzt, da ich nach Brüssel muss, um zu lesen: Da ist sie ganz groß da, die Angst. Den Brüssler Flughafen betreten: schaffe ich nicht. Es wird also ein Schlafwagen gebucht. Und siehe da: Es wird aufregend, vermutlich aufregender als der Flug.

Das Abteil wurde falsch gebucht, ich liege oben statt unten. Meine Mitreisende ist eine Nonne, deren Programm Barmherzigkeit heißt: Wir tauschen also Plätze.

Gleich beim Einsteigen stürmt einer, von der um Hilfe schreienden Zugbegleiterin verfolgt, mit einem Rucksack in der Hand aus dem Waggon. Lässt den Rucksack fallen, flieht. Hinterher: ein verzweifelter Inder, der seinen geklauten Rucksack wiederhaben möchte. Der Rest des Bahnsteigs geht derweil in Deckung.

Nächstes Mal fliege ich vielleicht doch. Auch schon egal. (Julya Rabinowich, 15.4.2016)

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