Glosse "Wortkunde": Ziegenliebe

Glosse16. April 2016, 09:00
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Menschen leben ihre Tierliebe laut Biologe Midas Dekkers häufig an Huftieren aus

Jan Böhmermann und kein Ende: Der deutsche Fernsehsatiriker unterstellt dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geschlechtliche Beziehungen zu einer Huftiergattung; der regt sich auf und will nicht gerne "Ziegenficker" genannt werden; Merkel versteht das und entschuldigt sich für Böhmermann; Böhmermann verweigert eine Unterlassungserklärung usw. usf. Staatsaffären, die wir gerade noch gebraucht haben!

Das Schimpfwort "Ziegenficker" wird in unseren Breitengraden gerne auf Araber und Türken angewandt und ist daher keine Vokabel, die der Völkerverständigung dient. Das Ungerechte daran: Die Liebe zur Ziege ist keineswegs nur im Nahen und Mittleren Osten beheimatet, sondern hat auch eine reiche abendländische Tradition.

Der niederländische Biologe und TV-Star Midas Dekkers schreibt in seinem Zoophilieklassiker "Geliebtes Tier", dass Ludovico Gonzaga, Herzog von Nevers, "im Jahr 1565 mit dreitausend Soldaten und zweitausend Ziegen, von denen eine Anzahl in Velours gekleidet war, in den Krieg zog." Drei Jahre zuvor hatte es bei der Erstürmung von Lyon eine Massendesertion italienischer Belagerer gegeben – "wegen des Mangels an willigen Ziegen".

Dekkers erinnert auch daran, dass die Beziehung des Menschen zum Tier generell "innig" sei: "Kunst und Kultur sind von der körperlichen Liebe zu Tieren durchzogen." Für diese These sprechen nicht nur in Tiergestalt auftretende griechische Götter oder Halbwesen wie Kentauren, Sirenen oder Satyren, sondern auch Märchenmotive wie Seejungfrauen oder Froschkönige.

Dekkers zufolge leben Menschen ihre Tierliebe weit häufiger an Huftieren aus als an ihren nächsten Verwandten, den Affen. Ziegenliebe dürfte somit populärer sein als Affenliebe, wie sie etwa dem französischen Schauspieler Michel Simon, der eine Liaison zu einem Affenweibchen unterhalten haben soll, nachgesagt wurde.

Der Regisseur Jean Renoir schrieb in seinen Memoiren: "Das Tier zeigte eine seltene Zuneigung zu ihm. Es war ein Bedürfnis nach Liebe, eine rührende und vollkommen reine Liebe." (Christoph Winder, 16.4.2016)

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    foto: apa / helmut fohringer
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