Klopp zur Liverpool-Legende geadelt, Dortmund traumatisiert

15. April 2016, 14:11
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Klopp schickte seine Reds mit "Heavy-Metal-Fußball" auf eine Zeitreise nach Istanbul – Dortmund unter Schock: "Wir dachten, wir wären durch"

Liverpool – All you need is Klopp: Mit einem atemberaubenden Thriller gegen seine alte Liebe Borussia Dortmund hat Jürgen Klopp nach Jahren die Anfield-Magie in Liverpool wiederbelebt und ist nach nur einem halben Jahr zum Helden der Stadt aufgestiegen. "Jürgen Klopp trägt sich in die Galerie der Reds-Legenden ein", schrieb der "Daily Mirror" nach dem unvergesslichen 4:3 (0:2) im Viertelfinal-Rückspiel gegen Borussia Dortmund.

Die Anfield Road kochte nach dem "Klopp-Wunder", dem "neuen Kapitel der epischen Märchensammlung der Reds" und dem "Moment für die Ewigkeit", wie die englischen Medien am Freitag jubelten. Doch als Dejan Lovren in der Nachspielzeit das "Wunder von Anfield" gelang, fehlte Klopp die Kraft zum Jubeln.

Wie paralysiert stand der 48-Jährige, der ansonsten wie gewohnt "95 Minuten unter Strom" stand, am Spielfeldrand. "Ich habe gar nicht geglaubt, dass der Ball drin war", sagte er. "Danach ist das Adrenalin aus dem Körper geflossen." Und dann bemühte er sämtliche englischen Adjektive, die ihn für einen solch außergewöhnlichen Abend in den Kopf schossen: "Brilliant, wonderful, marvellous, unbelievable." Und immer wieder sein englisches Lieblingswort: "Passion" – Leidenschaft.

Die Vereinbarung in der Kabine

Diese hatte er in der Halbzeitpause beim eigentlich frustrierenden Stand von 0:2 endgültig bei seinen Spielern geweckt. "In ihm war kein Funken von Stress oder Panik", erzählte der wie im Hinspiel überragende Stürmer Divock Origi, den Klopp einst schon nach Dortmund holen wollte: "Er hat uns gesagt: 'Schafft einen Moment, von dem wir alle unseren Enkeln erzählen werden, und eine magische Nacht für unsere Fans."

Die wurde es. So magisch wie die von 2005, als die Reds im Champions-League-Finale von Istanbul gegen den AC Milan nach einem 0:3-Rückstand noch gewannen. "Istanbul II", titelte die "Sun", der "Daily Star" sah die "Reds auf einer Zeitreise zurück nach Istanbul".

Unter Schock

Geknickt und immer noch fassungslos schlichen Mats Hummels und seine Dortmunder Teamkollegen am Morgen nach dem Kollaps in den Teambus. Wie um Himmels Willen konnte das passieren?

Niemand hatte nach einer ebenso wundersamen wie großartigen, jedoch so furchtbar bitteren Europapokalnacht beim FC Liverpool eine Antwort. Dass sie Teil eines denkwürdigen Spiels gewesen waren? Wertlos.

"Das war der realistischste Titel, der rumlag", sagte Hummels, "das ist eine Riesenenttäuschung für jeden Dortmunder. Ich habe geglaubt, dass wir das Ding holen." Dann gab er einen Hinweis auf den Denkfehler einer anfangs brillanten BVB-Elf: "Wir haben gedacht, wir wären durch."

Tuchels Prüfung

"Das kann man nicht in Worte fassen. Die Enttäuschung sitzt tief, und sie wird noch tiefer werden", so presste es Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke heraus und bearbeitete heftig seinen Kaugummi. Trainer Thomas Tuchel rang nach dem Schock aschfahl und doch letztlich souverän um aufbauende Worte: "Wir wollten gewinnen wie Champions – nun müssen wir wenigstens verlieren wie Champions. Wir müssen sehr bald wieder aufstehen."

Das traumatische Erlebnis in einer "unvergesslichen Nacht" (Klopp) abzuschütteln ist eine ebenso drängende wie schwierige Herausforderung. Zwei Titelchancen sind verspielt, es bleibt das Pokalhalbfinale bei Hertha BSC am Mittwoch.

Für Tuchel wird es eine Meisterprüfung. "Wir brauchen kein Mitleid und kein Schulterklopfen", sagte der Trainer, der "die Angst gespürt" hatte. "Uns mit negativen Szenarien zu beschäftigen wäre das Schlimmste, was wir tun können. Wir müssen die Enttäuschung in Energie und Trotz umwandeln." (sid, red, 15.4.2016)

  • Die englische Presse überschlägt sich in Lobeshymnen auf Jürgen Klopp (re.): "Er beweist, dass er Wunder vollbringen kann."
    foto: reuters/staples

    Die englische Presse überschlägt sich in Lobeshymnen auf Jürgen Klopp (re.): "Er beweist, dass er Wunder vollbringen kann."

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