"Multiple Listing System": Amerikanische Verhältnisse

16. April 2016, 12:00
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Immer offener wird in der heimischen Maklerbranche über die Vorzüge des nordamerikanischen Modells mit Multiple Listing System und einem starken Board diskutiert

Rund acht Millionen Einwohner, rund 100.000 Wohnimmobilientransaktionen jährlich: Österreich und die kanadische Provinz Ontario sind sich hier sehr ähnlich. Doch warum gibt es in Ontario viermal so viele Makler wie in Österreich, nämlich 43.000?

"Mehr Geschäft für alle"

Die Antwort ist: Makler sind in Ontario bei fast jeder Transaktion involviert, nicht nur bei jeder zweiten wie in Österreich. Und in Nordamerika sind üblicherweise sogar zwei Makler beschäftigt: Einer vertritt den Käufer, einer den Verkäufer. Das geht so weit, dass es "in den USA Gegenden gibt, wo es sogar Vorschrift ist, dass zwei Makler involviert sein müssen", erklärte Michael Polzler, Europa-Chef des Maklernetzwerks Remax, jüngst beim Branchentreff imabis connect von der Roland Schmid Group.

Polzler ist viel unterwegs, um die Vorzüge des nordamerikanischen Systems zu predigen. Ein Argument bringt er stets mit, das anhand der Zahlen schwer von der Hand zu weisen ist: "Ihr macht alle mehr Geschäft, wenn ihr zusammenarbeitet."

Board stellt Regeln auf

Basis des Makler-Business in Ontario ist die Plattform Multiple Listing System, kurz MLS. In dieses stellen die Abgeber-Makler ihre Objekte, die Suchenden-Makler können sie abrufen. 28 Tage dauere es im Schnitt, bis man einen Käufer finde, sagt Polzler. In Österreich sind Objekte oft monatelang am Markt, weil die Preisvorstellung des Abgebers zu hoch ist, Makler dennoch signalisieren, einen Käufer finden zu können.

In Kanada ist bei Besichtigungen meist nur der Makler des Käufers dabei, die nötigen Informationen über das Objekt bezieht er nämlich aus dem MLS. "Da steht alles drin, außer natürlich, ein Objekt wird das erste Mal gelistet." Dreh- und Angelpunkt des MLS-Systems ist ein Board, also ein Verband, der die Regeln aufstellt und die Lizenzen vergibt. Ein Makler, der Zugriff aufs MLS haben will, muss eine Lizenz haben. Verstößt er gegen die Regeln, indem er etwa mit anderen Maklern nicht zusammenarbeitet, kann er die Lizenz verlieren.

Zahl der Unterstützer wächst

In Österreich ist die Zahl der MLS-Fans unter den Maklern noch überschaubar, aber sie wird größer. Einer, der schon längst vorpreschen will, ist Christian Hrdliczka, der für den sozialdemokratischen Wirtschaftsverband im WKÖ-Fachverband sitzt und als Remax-Österreich-Manager das MLS-System sehr gut kennt. "Nehmen wir das endlich in Angriff", sagt er zum Standard. Er hält große Fortschritte in Sachen Qualität der Makler-Dienstleistung für möglich.

Insbesondere die wesentliche Änderung, die ein Systemwechsel mit sich brächte, wird aber von vielen kritisch betrachtet: die einseitige Vertretung anstatt der hierzulande üblichen Doppelmaklerschaft. Die Mitglieder des Verbands der Immobilienwirtschaft (ÖVI) seien derzeit noch für deren Beibehaltung, meint Geschäftsführer Anton Holzapfel – "mit Betonung auf 'noch'". Dass der Druck zunehmen wird, ist ihm mit Verweis auf Deutschland (siehe Artikel links) aber klar.

MLS-Einführung braucht Zeit

Dass es ein längerer Prozess wäre, ein MLS in Österreich einzuführen, ist auch klar. In Kanada begann es in den 1950er-Jahren "auf sehr lokaler Basis", sagte Polzler. "Einige Makler hatten erkannt, dass eine Zusammenarbeit besser wäre." Anfangs koordinierte man sich per Telefon, später, als immer mehr Makler involviert waren, druckte man dicke Kataloge mit den verfügbaren Objekten.

Ob diese "Revolution" auch in Österreich jemals kommen wird, ist fraglich. Unmöglich ist sie aber nicht. "Alle würden gewinnen, am meisten die Kunden", ist sich zumindest Polzler ganz sicher. (Martin Putschögl, 16.4.2016)

  • Einer beim Abgeber, einer beim Suchenden: Nordamerikanische Makler arbeiten nur für eine Seite.
    foto: ap photo/wilfredo lee, file

    Einer beim Abgeber, einer beim Suchenden: Nordamerikanische Makler arbeiten nur für eine Seite.

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