Über den Rückzug der Eltern ins Private

Blog17. April 2016, 08:00
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Als Eltern erzählen wir unseren Kindern meist nichts von unseren Sorgen und Ängsten. Das mag manchmal gut sein – verstecken vor der Welt sollten wir uns deswegen aber nicht

Wir Eltern schließen die Welt aus unserem Leben aus. Das ist oft eine ganz bewusste Entscheidung, die wir unserer Kinder wegen treffen. Wir sehen und hören keine Nachrichten neben ihnen, wir lassen keine Zeitungscover zu Themen wie Krieg, Flucht oder Terror im Wohnzimmer herumliegen, und wir diskutieren die Weltlage nur dann, wenn unsere Kinder schon längst schlafen.

Wir schließen die Welt aus und uns ein. In eine kleine, selbstgebastelte Welt, in der alles heil ist. In der große, reale Probleme nicht existieren. In der wir uns selbst glauben machen, dass es Probleme wie die vielleicht (oder vielleicht nicht) drohende Insolvenz eines Bundeslands, die unsicheren (oder doch sicheren) Pensionen, die hohe Staatsverschuldung und die Ungleichbehandlung von Frauen nicht gibt.

Wenn wir schon vor so etwas die Augen verschließen in unserer abgeschotteten Biedermeier-Privatheit, verwundert es nicht, dass wir uns noch viel mehr vor der ganz großen Welt und ihren Problemen verkriechen. Terror, Flüchtlinge, Fundamentalismus, Krieg – das passiert jetzt gerade irgendwo in dieser großen Welt, während wir zu Hause am Küchentisch mit unseren Kindern "Mensch ärgere Dich nicht" spielen und unsere Augen ganz fest zumachen. Weil wir uns in unserer Geborgenheit, in unserem privaten Schutzraum nur mit Geburtstagswünschen, Wochenendeinkäufen, Hausaufgaben oder Wäschewaschen beschäftigen wollen.

Rückzug ins Private

Alle Welt beklagt zwar den Rückzug ins Private. Und dennoch: Ich sehe ihn überall um mich herum. Nicht nur in meiner direkten Umgebung, auch bei mir selbst. Ich weine, wenn ich über ertrunkene Kinder vor griechischen Inseln lese, ich schreie, wenn das Radio mir auf dem Weg zur Arbeit erzählt, wer aus welchen mir völlig unverständlichen Gründen irgendwo auf der Welt wieder unschuldige Menschen ermordet hat, ich kriege Beklemmungen, wenn ich die jungen Menschen sehe, denen wir in unserem Land und überall auf der Welt so wenig Perspektiven bieten. Und die Mädchen, die in so vielen Weltländern unterdrückt werden, vergewaltigt, beschnitten – in ihren Rechten und in einigen Fällen sogar in ihrer körperlichen Unversehrtheit, in ihrem Frausein, in ihrem Selbst.

Meine Kinder halte ich von all dem irgendwie dennoch fern. Sie sortieren zwar Spielsachen und Kleidung für Flüchtlingskinder aus, sie sitzen mit syrischen Kindern in ihren Klassen, sie diskutieren im Geschichteunterricht darüber, sie stehen mit mir auf Demos – dennoch, all das bleibt eigentümlich fern unserer eigenen selbstgebastelten Realität. In der wir uns dann nämlich darüber unterhalten müssten, warum wir im Billigladen das fünfte und siebte gleiche weiße T-Shirt kaufen (wollen), das irgendwo auf der Welt Menschen für uns unter katastrophalen Bedingungen nähen. Das vielleicht Kinder nähen, die gerade so alt sind wie unsere.

Vielleicht liegt es daran: Wir können und wollen unseren Kindern die Welt in ihren Facetten auch nicht zeigen, solange wir nicht dafür sorgen (können), dass diese Welt auch herzeigbar ist.

Wir können nichts ändern. Oder doch?

Wir alleine können das aber nicht schaffen. Sagen sie. Fast alle. Was willst du schon machen, was willst du alleine schon ändern? Was soll denn besser werden? Die da oben, die machen doch eh, was sie wollen. Außerdem können wir gar nichts verändern, wegen des Kapitalismus, der Macht der Konzerne und überhaupt wegen Europa. So sagen sie es, verbittert, abgestumpft, leer.

Ich halte trotzdem dagegen. Das ist so anstrengend, und ich bin oft verleitet, den Fernseher nicht einzuschalten, das Radio nicht aufzudrehen, mir die Augen ganz fest zuzuhalten und die Ohren und die Nase und den Mund. Und mich festzuhalten.

Meine Verantwortung, meine Verpflichtung meinen Kindern gegenüber zwingt mich dennoch, jeden Tag etwas zu tun. Jeden Tag in meine kleine private Welt ein Stück Welt einzulassen. Und dieses Stück zu verändern. Ich zwinge mich, die Augen aufzumachen, ich zwinge mich, obwohl es mir oft wehtut. Wer soll es denn tun, wenn nicht wir? Und wann soll es denn getan werden, wenn nicht jetzt? Vielleicht wird der Schmerz weniger. Zusammen sind wir viele. (Sanna Weisz, 17.4.2016)

Sanna Weisz ist Mitte 30, verheiratet und lebt und arbeitet in Wien. Mit ihrem Mann gemeinsam hat sie mehrere Kinder, von denen sie aber nur zwei selbst geboren hat. Darum weiß sie nicht nur, wie es ist, ein Kindergartenkind zu betreuen, sondern kennt auch die Sorgen und Nöte fast erwachsener Mittelschüler. Sanna Weisz schreibt darum zwischen Kindergeburtstag, Job, Schwimmkurs und Schulball darüber, wie es ist, mit Kindern zu leben.

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  • Können und wollen wir unseren Kindern die Welt nicht zeigen, solange wir nicht dafür sorgen, dass sie herzeigbar ist?
    foto: sanna weisz

    Können und wollen wir unseren Kindern die Welt nicht zeigen, solange wir nicht dafür sorgen, dass sie herzeigbar ist?

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