Ubuntu 16.04: Die neue Generation des Linux-Systems im Test

21. April 2016, 20:58
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Detailverbesserungen am Desktop, Snaps sollen aktuellere Software bringen – ZFS-Auslieferung als Streitpunkt

An unterschiedlichen Distributionen mangelt es in der Linux-Welt wahrlich nicht, für jeden Geschmack wird hier etwas geboten. Jenseits von Computerexperten wird das freie Betriebssystem jedoch vor allem mit einem Namen verbunden: Ubuntu. Seit rund 12 Jahren versucht Softwarehersteller Canonical einen möglichst einfach zu nutzenden Desktop als Alternative zur Windows und OS X zu etablieren.

LTS

Dabei hat man sich der gewohnt raschen Iterationszyklen der freien Softwarewelt verschrieben, alle sechs Monate gibt es also eine neue Ausgabe von Ubuntu. Doch um den Ansprüchen weniger Update-freudiger User – und Unternehmen – gerecht zu werden hat man noch ein anderen Zeitrahmen eingeführt. Alle zwei Jahre gibt es eine sogenannte "Long Term Support"-Release der Distribution. Eine solche wird fünf Jahre lang mit Updates versorgt, ohne dass die Nutzer gleich ein großes Upgrade auf die Nachfolgegeneration vornehmen müssen. Mit Ubuntu 16.04 ("Xenial Xerus") ist nun eine weitere LTS-Ausgabe erschienen, höchste Zeit also wieder einmal einen etwas ausführlicheren Blick auf die Distribution zu werfen.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Alternativ zur Installation kann mit dem heruntergeladenen Image Ubuntu auch zunächst einmal gefahrlos ausprobiert werden.

Installation

Wer in den letzten Jahren irgendwann Ubuntu verwendet hat, wird mit der Installation schnell vertraut sein. Hier hat sich zuletzt kaum mehr etwas geändert. Dies allerdings aus durchaus gutem Grund, funktioniert dieser Abschnitt doch prächtig. Ein neues Ubuntu-System lässt sich innerhalb weniger Minuten einrichten, die nötige Nutzerinteraktion beschränkt sich auf das absolute Minimum wie das Einrichten eines User-Accounts. Bei der Softwarewahl empfiehlt sich gleich die mittlerweile veröffentlichten Updates anzuwählen, und auch die Verschlüsselung der Festplatte sei zur Absicherung der eigenen Daten dringend angeraten. Wer sicher gehen will, dass alle üblichen Audio- und Videoformate funktionieren, kann zudem gleich die dafür notwendigen proprietären Pakete mit auf den Datenträger wandeln lassen.

Unity

Einen flotten Reboot später, präsentiert sich bereits der von Ubuntu gewohnte Unity-Desktop – und zwar zumindest auf den ersten Blick ebenfalls seit einigen Jahren unverändert. Es gibt also am linken Bildschirmrand den Launcher, ganz oben prangt das Panel mit Systeminformationen und dem Schnellzugriff auf WLAN-Verbindungen oder andere Schnelleinstellungen.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Bis auf das Wallpaper erscheint der Ubuntu-Desktop exakt so wie seit Jahren bekannt.

Online-Anbindung adieu

Im Detail hat sich dann aber sehr wohl das Eine oder Andere getan. So hat Canonical eine seit Jahren viel kritisierte Funktion deaktiviert. Die Anbindung von Online-Services im Unity Dash, dem Anwendungsstarter von Ubuntu. Was der Softwarehersteller als nützliches Extra verkaufen wollte, wurde von Privatsphärenverfechtern als hochproblematisch eingestuft, hieß dies doch, dass von Haus aus sämtliche Tastatureingaben im Dash an einen Server des Anbieters übermittelt wurden. Canonical betonte immer wieder, dass dies anonym und verschlüsselt abläuft, ein Unbehagen blieb dabei aber bis zuletzt zurück.

Amazon...

Eben diese Funktion wurde nun von Haus aus deaktiviert. Hilfreich bei dieser Entscheidung dürfte gewesen sein, dass der in diesem Zusammenhang geschmiedete Deal mit Amazon – über den dort angebotene Produkte im Unity Dash angezeigt wurden – kaum relevante Einnahmen für Canonical generiert haben dürfte. Verschärfend kam hinzu, dass die Amazon-Suche immer wieder von einigen Händler genutzt wurde, um den Nutzern NSFW-Inhalte zu präsentieren, wenn sie eigentlich nur nach Linux-Programmen gesucht hatten.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Die Einbindung von Online-Suchergebnissen ist jetzt von Haus aus deaktiviert.

Alles in einem

Wer die Einbindung von Online-Diensten hingegen gerne genutzt hat, kann diese Funktion über die Privacy-Einstellungen reaktivieren. Leider hat sich Canonical dazu entschlossen, all die hier gebotenen Dienste in einem Schalter zu kombinieren, in so einem Fall wird also auch die problematische Amazon-Suche wieder eingebunden. Wer dies nicht will, muss die Amazon-Unity-Einbindung manuell deinstallieren. Überhaupt hat sich Ubuntu noch nicht ganz vom Amazon-Deal emanzipiert, ein Verweis auf den Online-Händler prangt von Haus aus weiter im Launcher, kann aber mit einem Klick rasch entfernt werden.

Umpositionierung

Eine der größeren Änderungen von Ubuntu 16.04 vergräbt der Hersteller leider in einer versteckten Einstellungsoption. Mittels dieser ist es nun möglich den Launcher alternativ am unteren Bildschirmrand zu positionieren. Wer dies will, installiert am besten das Unity Tweak Tool, mit dem sich dann auch zahlreiche weitere Parameter des Desktops anpassen lassen, die in den normalen Systemeinstellungen nicht dargeboten werden.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Versteckt aber da: Der Launcher kann jetzt an den unteren Bildschirmrand verlegt werden.

Unity-Suche

Zu den weiteren Neuerungen von Unity gehört die Aufnahme von Einträgen für Reboot und Shutdown in die Suchfunktion, damit lassen sich diese Aufgaben fortan flott via Tastatur initiieren. Eine an sich sehr nützlich Verbesserungen, deren konkrete Umsetzung allerdings etwas inkonsistent ausgefallen ist. So werden nach dem Anwählen von Shutdown im Unity Dash vier Optionen dargeboten, von Suspend über das Sperren des Bildschirms bis zu Restart und Shutdown. Bei der Wahl von "Reboot" in der Unity-Suche kommt hingegen ein anderer Dialog mit nur zwei Einträgen – bei dem dann auch ausgerechnet noch "Shutdown" von Haus aus ausgewählt ist.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Zwei unterschiedliche Dialoge für das gleiche Ziel: Canonical kann sich offenbar nicht entscheiden.

Alleingänge

Canonical ist für seine Alleingänge in der Linux-Welt bekannt – und hat sich damit nicht nur Freunde geschaffen. Mit Ubuntu 16.04 verabschiedet man sich nun von einer dieser Eigenentwicklungen. Die Scrollbalken im Unity Dash verwenden jetzt die entsprechende Funktion des Toolkits GTK+. Für die restlichen Desktop-Anwendungen wurde dieser Wechsel bereits bei Ubuntu 15.10 vollzogen.

Softwarezentrale

Einen weiteren Schritt zur Vereinheitlichung mit anderen Distributionen – allerdings mit wesentlich größerer Bedeutung – hat Canonical bei der Softwareausstattung vorgenommen. Wird doch mit der neuen Version die Ubuntu Softwarezentrale eingestampft. Stattdessen greift nun auch Canonical zu GNOME Software, das etwa bei Fedora bereits seit einiger Zeit zum Einsatz kommt. Die Nutzer müssen sich hier also an ein neues Tool gewöhnen, bekommen dafür aber dann eines, das tatsächlich aktiv weiterentwickelt wird.

screenshot: andreas proschofsky / standard
GNOME Software ersetzt die bisherige Ubuntu Softwarezentrale, behält dabei aber kurzerhand den alten Namen bei.

Erste Schritte

Allerdings wirkt die Einbindung in Ubuntu derzeit noch nicht ganz zu Ende gedacht. Gibt es nun doch zwei unterschiedliche Stellen, an denen Updates angezeigt werden, in der gewohnten Softwareaktualisierung und bei GNOME Software, wobei letzteres allerdings deutlich weniger Details anzeigt. Eine Doppelgleisigkeit, die zwar zu keinen direkten Problemen führt, aber auch nicht gerade ein klares Signal aussendet. Hier scheint das oberste Ziel gewesen zu sein, den Wechsel auf GNOME Software unbedingt in die LTS-Ausgabe zu bekommen, da man sonst die alte Softwarezentrale noch fünf weitere Jahre mitschleppen hätte müssen. Eine Änderung für die Aufnahme in Ubuntu 16.04 hat Canonical dann aber doch noch vorgenommen: Der nach außen sichtbare Name des Programms wurde nämlich kurzerhand von GNOME Software auf Ubuntu Software geändert.

Softwareausstattung

Zu den wichtigsten mitgelieferten Anwendungen gehören der Browser Firefox (45.0.1) sowie die freie Office-Suite Libreoffice (5.1.2.2). Dazu gesellen sich die Bilderverwaltung Shotwell (0.22), der Mail-Client Thunderbird (38.6.0), der Musik-Player Rhythmbox (3.3) sowie der Bittorrent-Client Transmission (2.84). Den Rest bilden beinahe zur Gänze vom GNOME-Desktop übernommene Programme wie der Bildanzeiger EOG, der Video-Player Totem oder auch der GNOME System Monitor. Alle sind sie hier in der Version 3.18 enthalten, und wie von Ubuntu gewohnt damit nicht mehr ganz auf dem aktuellsten Stand – diesen bildet das im März veröffentlichte GNOME 3.20. Noch verstärkt gilt dies für den Dateimanager Nautilus, der auf der eineinhalb Jahre alten Version 3.14 festsitzt.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Firefox wird auch bei Ubuntu 16.04 als Standard-Browser mitgeliefert.

Kalender

Ein Neuzugang in der Softwareausstattung ist der GNOME Calendar, der zur Feier auch gleich in der wirklich aktuellsten Version enthalten ist. Diese gilt übrigens auch für das zuvor erwähnte GNOME Software, bei beiden eine gute Entscheidung, haben sie doch im letzten Release-Zyklus zentrale neue Funktionen spendiert bekommen. Umgekehrt wurden zwei lange mit Ubuntu ausgelieferte Anwendungen entfernt, und zwar aus durchaus nachvollziehbaren Gründen: Sowohl das CD-Brennprogramm Brasero als auch der Instant-Messaging-Client Empathy werden derzeit nicht mehr aktiv entwickelt.

Kernel und Grafik

Die Systembasis bildet der Linux Kernel 4.4, es gibt Python 3.5, Docker 1.10 und OpenSSH 7.2p2. Die Grafik-Bibliothek Mesa ist in Version 11.1.2 enthalten, der xorg-server trägt die Version 1.18.1. Mit dieser Aktualisierung gehen schlechte Nachrichten für Besitzer von älteren ATI/AMD-Grafikkarten einher. Vom alten, proprietären fglrx-Treiber gibt es nämlich keine Version, die mit dem aktuellsten X-Server kompatibel ist, also wurde das Paket entfernt. Wessen Grafikchip also nicht vom neuen AMDGPU-Treiber unterstützt wird – und das sind momentan nur recht aktuelle Modelle – dem bleibt lediglich der Wechsel auf den freien Radeon-Treiber, der in Fragen Grafikperformance aber nicht mit dem proprietären Pendant mithalten kann.

Unity 8?

In einer Art Zeitschleife scheinen hingegen der von Canonical entwickelte X-Server-Nachfolger Mir sowie der darauf basierende Desktop Unity 8 gefangen zu sein. Seit mehreren Jahren wurde der Umstieg auf diese immer wieder verschoben, auch Ubuntu 16.04 bildet hier keine Ausnahme. Wer will kann den aktuellen Stand – ebenfalls wie seit Jahren gewohnt – über die Nachinstallation des Pakets unity8-desktop-session-mir unter Begutachtung nehmen. Allerdings wird das Ganze auch vom Hersteller selbst weiterhin als experimentell bezeichnet, und ist noch nicht für den Alltagseinsatz geeignet.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Im Unity Dash lässt sich durch die vorinstallierten Programme stöbern.

Ohne Kontroverse geht es nicht

Jenseits des Desktops rühmt sich Canonical für Ubuntu 16.04 vor allem mit einer Neuerung: Das von Oracle entwickelte – und viel gerühmte – Dateisystem ZFS wird jetzt von Haus aus mitgeliefert. Dies überrascht insofern, da seit Jahren bekannt ist, dass die von Oracle genutzte Open-Source-Lizenz CDDL nicht kompatibel mit der GPL des Linux-Kernels ist. Entsprechend ist auch eine direkte Aufnahme in den Kernel nicht möglich.

Rechtsauffassung

Canonical meint dies umschifft zu haben, indem man ZFS einfach als Binärmodul für den Kernel mitliefert. Dieser Rechtsauffassung widersprechen mittlerweile aber nicht nur die Free Software Foundation rund um Richard Stallman sondern auch andere Experten in diesem Bereich wie das Software Freedom Law Center (SFLC) und die Software Freedom Conservancy (SFC). Ob ZFS als Modul oder fix in den Kernel kompiliert ausgeliefert wird, ändere nichts an der grundlegenden Problematik. Was es für eine unproblematische Nutzung von ZFS unter Linux bräuchte, sei eine Änderung der Lizenz durch Oracle. Jegliche andere fixe Auslieferung von ZFS mit der Distribution sei ein Verstoß gegen die GPL.

Mit dem Kopf durch die Wand

Unklar bleibt, warum sich Canonical hier einmal mehr auf Konfrontationskurs zur restlichen Linux-Welt begibt. Immerhin ist es kein sonderliches Geheimnis, dass Oracle bei der Freigabe von ZFS im Source Code einst ganz bewusst eine Lizenz gewählt hat, die nicht zur GPL kompatibel ist, um eine Übernahme bei Linux zu verhindern. Hatte man doch gehofft, dass ZFS ein entscheidender Vorteil für den Durchbruch des eigenen Open Solaris ist. Diese Hoffnung hat sich zwar als trügerisch herausgestellt, die sich daraus ergebende Problematik ist aber bis dato die selbe geblieben. Canonical wäre also besser beraten gewesen, Oracle zu einem Umdenken zu motivieren, als es einmal mehr mit der "Augen zu und durch"-Methode zu versuchen.

Rechte

Betont sei bei all dem, dass es in der Diskussion ausschließlich um die fixe Auslieferung mit der Distribution geht, da die Weiterverbreitung von GPL-Programmen fixen Regeln unterliegt. Die User selbst können natürlich sehr wohl ZFS auf ihren Linux-Rechnern nachinstallieren, wenn sie dies wünschen.

Snaps

Weniger umstritten ist eine weitere Neuerung: Unter dem Namen Snaps führt Canonical nun auch am Desktop ein zweites Paketformat neben DEB ein. Dabei handelt es sich um ganze Anwendungscontainer, in denen die Programme samt den notwendigen Abhängigkeiten in einem fertigen Paket geliefert werden, und dort dann isoliert vom restlichen System laufen – was also auch eine Sicherheitsverbesserung darstellt. Entwickelt wurden dies Snaps vor allem für den Cloud-Einsatz, im Desktop-Bereich sollen sie nun die Tür öffnen, um künftig leichter neue Versionen von einzelnen Programmen oder auch des ganzen Desktops ausprobieren zu können. Insofern sollte die Relevanz dieser Aufnahmen nicht unterschätzt werden, könnte dies doch den Weg für wesentlich aktuellere Anwendungen auf der stabilen Basis frei machen. Ob dieses Konzept auch aufgeht, muss sich freilich erst zeigen.

Container

Für den Server-Einsatz streicht Canonical die Aufnahme von LXD heraus, einen ganz auf Container ausgerichteten Hypervisor, der im Vergleich zu klassischer Virtualisierung deutliche Performance-Vorteile verspricht. LXD ist Teil der Version 2.0 der Linux Container (LXC), und ist vor allem für den Cloud-Einsatz auf Basis von OpenStack gedacht.

Ubuntu 16.04 in voller Pracht (Anmerkung: Als Easter Egg wurde in dem Bild eine Katze versteckt)

LTS zu LTS

All die erwähnten Neuerungen beziehen sich auf den Vergleich zu Ubuntu 15.10. Wer hingegen von der letzten LTS-Version 14.04 updatet, wird noch einige weitere Änderungen merken – wenn auch ehrlich gesagt nicht all zu viele, da die letzten Releases eher wenig Neues zu bieten hatten. Die wichtigste hiervon ist, dass das Bootsystem auf Systemd gewechselt wurde, womit sich Canonical der restlichen Linux-Welt angepasst hat. Am Desktop gab es – jenseits der Softwareaktualisierung – hingegen in den anderen Zwischenversionen kaum nennenswerte Verbesserungen jenseits kleinerer Details.

Fazit

Egal ob die Nutzer vorher Ubuntu 14.04 oder 15.10 verwendet haben, all zu große Neuerungen sollte man sich von Ubuntu 16.04 nicht erwarten. Der aktuelle Fokus Canonicals auf andere Bereiche (Smartphones und Tablets sowie Cloud-Systeme), von denen man sich ein funktionstüchtiges Geschäftsmodell erhofft, hat zur Folge, dass die Desktop-Entwicklung beim Ubuntu-Hersteller derzeit nur die zweite Geige spielt. Große Überraschungen sollte man sich also nicht erwarten, stattdessen gibt es aber einen über die Jahre in vielerlei Hinsicht gereiften Desktop – und das ist durchaus als Lob zu verstehen.

Download

Ubuntu 16.04 kann in Versionen für Desktop, Server und Cloud von der Seite des Herstellers heruntergeladen werden. Bestehende User können zudem mittels der Softwareaktualisierung direkt auf die neue Version upgraden, im Test klappte dies auch wie gewohnt problemlos. Wer lieber einmal einen anderen Desktop ausprobieren will, dem bieten sich zahlreiche Ubuntu-Derivate an, die parallel zur Haupt-Distribution veröffentlicht wurden. Dazu gehören etwa das Xfce-basierte Xubuntu oder auch das auf GNOME setzende Ubuntu GNOME. (Andreas Proschofsky, 21.4.2016)

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