Ein Wohnbaukasten auf Rollen

Ansichtssache16. April 2016, 09:00
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Verschiebbare Module lassen Räume verschwinden, um für andere Platz zu schaffen. Aus einem Zimmer wird schnell eine komplette Wohnung

foto: angelo roventa

Ein großes Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, eine Küche mit ausreichend Platz, ein Badezimmer und ein geräumiges Arbeitszimmer – das hört sich nach einer großen Wohnung um die 150 Quadratmeter an, ist es aber nicht. Diese fünf Zimmer passen auf nur 40 Quadratmeter – durch das modulare Wohnsystem "Elastic Living" von Angelo Roventa. "Warum sollte jemand, der allein wohnt, fünf Räume heizen, bezahlen und putzen, wenn ohnehin immer nur ein Raum zur selben Zeit genutzt wird?" Der in Wien und Vorarlberg lebende Architekt hat sich vor acht Jahren diese Frage gestellt und ein innovatives, leistbares und platzsparendes Wohnkonzept entwickelt.

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foto: angelo roventa

Beliebig viele Wohnmodule können dabei auf Schienen –ähnlich wie jene in Bibliotheken – per Kurbel oder elektronisch, z.B. über das Smartphone, mittels Kettensystems hin und hergeschoben werden. Kommen Freunde zu Besuch und wird deshalb im Wohnzimmer viel Fläche benötigt, verschwinden die anderen Zimmer, um Platz zu schaffen. Muss ein Gast aufs Klo, gibt es dafür eine separate Tür, um ins Badezimmermodul zu gelangen – dafür muss nichts auseinandergeschoben werden, das WC ist ein Raum im Raum. Gewöhnungsbedürftig ist es trotzdem, sich im selben Raum mit den Freunden zu befinden und sich dabei zu erleichtern.

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foto: angelo roventa

Die Module mit Wasseranschlüssen, also Badezimmer und Küche, befinden sich an fixen Plätzen an den zwei Enden der Wohneinheit. Die Stromleitungen liegen in den Modulen und wandern mit. Wird mehr als ein Raum benötigt, können gleichzeitig auch alle Räume "geöffnet" sein – dafür mit weniger Platz im einzelnen "Zimmer". Zählt man die Fläche der Räume in ihrer jeweiligen Stellung zusammen, werden aus 40 Quadratmetern schnell 150.

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foto: angelo roventa / darko todorovic

Das Konzept spart Platz und Energie, denn geheizt wird nur ein Raum. Und auch die Miete pro Quadratmeter bleibt gleich, obwohl die Wohnung plötzlich nicht mehr aus einem, sondern aus fünf individuell veränderbaren Räumen besteht. "Schon alleine durch den Wegfall von Innenwänden gewinnt man bei einer 50 Quadratmeter großen Wohnung etwa zwei Quadratmeter zusätzliche Nutzfläche". (im Bild: Das "Elastic Living"-System in einem Designappartement in Oberlech, Vorarlberg)

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foto: angelo roventa / darko todorovic

"Mit dem Wohlstand kam der Flächenbedarf", sagt Roventa, deshalb habe er nach einem Konzept gesucht, das raumsparend und leistbar zugleich sei. "Das Instrument eines Architekten ist der Raum." Das müsse man nutzen in einer Zeit, in der 65 bis 75 Prozent aller Wohnungen nur von einer oder zwei Personen bewohnt werden.

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foto: angelo roventa / darko todorovic

Bisher hat Roventa sein elastisches Wohnsystem dreimal in die Praxis umgesetzt. Ein Modell hat direkt nach seiner Ausstellung im Mak einen Abnehmer gefunden und kann seither als Teil eines Designapartments ab 500 Euro pro Nacht in Oberlech gebucht werden. (siehe Bild)

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foto: stiplovsek

Ein zweites Modell ist Teil eines Projektes im Bregenzerwald, bei dem leerstehende Gebäude wiederbelebt werden und jungen Menschen aus der Region eine Startwohnung geboten wird. (siehe dieses und nächstes Bild)

Exemplar Nummer drei steht seit zwei Jahren in einer Wohnung der Vorarlberger gemeinnützigen Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft (Vogewosi) in Dornbirn. "Der Mieter fühlt sich in seiner flexiblen Wohnung sehr wohl", sagt der Geschäftsführer der Vogewosi, Hans-Peter Lorenz. Für Eigentümer und Vermieter bietet das "Elastic Living"-Konzept den großen Vorteil, dass auf der Fläche, die früher für eine Wohnung benötigt wurde, nun sogar drei Wohnungen entstehen können.

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foto: stiplovsek

Bei der Vogewosi wolle man dennoch abwarten, ob das Wohnmodell sich langfristig bewährt. "Beim Erstbezug hat es etwas länger gedauert, bis sich ein Interessent gefunden hat", sagt Lorenz, "deshalb wollen wir erst abwarten, ob noch Interesse besteht, wenn der aktuelle Mieter wieder auszieht." Laut Roventa halte die Zahl der Aufträge sich leider in Grenzen. "Es ist schwer, ein neues Produkt auf den Markt zu bringen. Man muss das Wohnmodell gesehen haben, um begeistert zu sein."

Die Kosten für ein komplettes "Elastic Living"-System variieren je nach Ausführung und Größe der Wohnung. "Man muss mit 45.000 Euro rechnen", sagt Roventa, dabei sei schon alles inklusive – Haushaltsgeräte, Anschlüsse und Einbaumöbel. (Bernadette Redl, 16.4.2016)

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