Unsere Wände dürfen Risse und Schrunden zeigen

18. April 2016, 05:30
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Der Vorarlberger Künstler Edgar Leissing hat schon in allen Teilen seines Bregenzer Stadthauses gewohnt

Der Vorarlberger Künstler Edgar Leissing lebt seit seiner Geburt in einem alten Bregenzer Stadthaus. Er erzählt, wie sich das Haus und seine Bewohner im Lauf der Jahrzehnte verändert haben.

"In diesem alten Stadthaus, es wird um die 130 Jahre alt sein, wohne ich immer schon. Ich bin hier geboren. Mit dem Haus sind sehr viele und sehr emotionale Erinnerungen verbunden. Beispielsweise an Philip Hablitzl. Als kleines Kind bin ich hinten in seinem Leiterwagen gesessen, wenn er Botengänge für das nahe Krankenhaus gemacht hat. Er war der Besitzer des Hauses, ein sehr dünner, buckliger alter Mann, der niemanden hatte. Meine Großmutter hat für ihn gekocht, gewaschen und ihn gepflegt, er hat ihr dann das Haus vererbt.

foto: christian grass
Die Balken in seiner Dachwohnung hat Edgar Leissing selbst abgeschliffen. An die schweißtreibende Arbeit im Hitzesommer 2003 erinnert er sich, als wäre es gestern gewesen.

Hier haben immer viele Menschen gelebt und immer mehrere Generationen. Teile des Hauses wurden vermietet, Teile der Wohnungen untervermietet. Oft an Studenten, das war mir am liebsten, mit denen konnte ich stundenlang Platten hören. Wir hatten auch Festspielgäste im Sommer, dann musste die ganze Familie in ein Hinterzimmer, und im Elternschlafzimmer wohnten meistens nette Piefkes. Es gab auch Dauermieter: Über Jahre haben in den beiden kleinen Wohnungen unter dem Dach zwei alte Frauen gewohnt, sie teilten sich Waschbecken und Plumpsklo am Gang. Wenn eine der beiden durch den Flur aufs Klo ging, hat sie die Wohnung schlüsselrasselnd abgesperrt. Wovor sie Angst hatten, weiß ich nicht.

Im Lauf der Jahre habe ich in allen Teilen des Hauses gewohnt: Als Jugendlicher hatte ich ein Zimmer mit eigenem Eingang im Erdgeschoß. Die Abmachung mit meiner Mutter war: Ich kann tun und lassen, was ich will, aber sie räumt nicht auf. Ich hatte vollkommene Gestaltungsfreiheit. Als ich dann mit meiner Frau aus Wien zurückkam und meine Schwester auszog, beschlossen wir, die Dachwohnungen zusammenzulegen und sukzessive auszubauen.

Im schweißtreibenden Sommer 2003 dann die Großbaustelle. Ich war für die Hilfsarbeiten zuständig. Die drei Monate Umbau habe ich in Erinnerung, als wäre es gestern gewesen. Entstanden ist eine 90-m²-Wohnung mit Terrasse. Bei der Renovierung war uns wichtig, die Atmosphäre des alten Hauses zu erhalten. Wir wollten keine glatten, gedämmten Gipskartonwände, unsere Wände dürfen Risse und Schrunden und die alten Balken zeigen.

Beim Umbau der Küche haben wir eine angenehme Überraschung erlebt, unter dem Holzboden kamen sehr schöne Steingutkacheln zum Vorschein. Wir mischen gerne Stile, wie man an der Küche sieht. Ein alter Holzkasten und Chromstahl, das verträgt sich gut. Oder die unterschiedlichen Stühle um den Esstisch: Vier gleiche Stühle, das kann nicht gehen. Ich sammle schon seit Jahren Klassiker – Jacobsen, Eames und andere. Einer der bequemsten Stühle kommt aber aus einem Friseurladen. Er ist höhenverstellbar, hat eine Nackenstütze.

Für die Gestaltung ist Angela zuständig, sie sucht Lampen beim Trödler aus, kauft ein bequemes Sofa, kombiniert Farben und Materialien. Und jährlich wechselt sie ihr Lieblingsbild im Wohnzimmer, holt in meinem Atelier ein neues. Sonst habe ich außer Porträts von Großeltern und Söhnen keine eigenen Sachen in der Wohnung. Dafür sehr viele Werke befreundeter Künstler im Stiegenhaus. Das macht den Aufgang sehr lebendig.

Die Tradition des Vermietens setzen wir auf unsere Art fort. Etwa viermal pro Jahr bieten wir unsere Wohnung über Airbnb an, dafür können wir uns ein paar Tage in London oder Tel Aviv leisten. Ob wir bis an unser Lebensende hier wohnen werden, weiß ich nicht. Alternsgerecht ist unsere Wohnung ja nicht. Wir denken noch nach." (18.4.2016)

Edgar (Esche) Leissing kam 1960 in Bregenz auf die Welt. Dorthin zog es ihn und seine Frau Angela nach dem Studium in München und Wien (Grafikdesign und Druckgrafik) auch wieder zurück. Sie wollten ihre beiden Söhne nicht in der Großstadt aufwachsen lassen. Edgar Leissing gründete 1984 eine eigene Kupferdruckwerkstatt mit Galerie und 1993 ein Atelier für Gestaltung. Seit einigen Jahren hat er die Werbegrafik zugunsten der künstlerischen Arbeit in den Hintergrund geschoben. Leissings vielfältiges Werk umfasst Zeichnung, Collage, Fotografie und Malerei.

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Edgar Leissing

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