Alejandra Pizarnik: Die langen Schatten der Flucht

20. April 2016, 11:49
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Neunte Pariser Depesche: Alejandra Pizarnik, die bedeutendste jüdische Dichterin spanischer Sprache in der Moderne, und der Nobelpreisträger Octavio Paz

Je suis en route, auf dem Boulevard Raspail, der in nord-südlicher Richtung durch drei Arrondissements führt, von Saint-Germain bis hinauf nach Denfert-Rochereau. Vor mir ein Jugendstilbau, gerade einer Generalsanierung unterzogen. Was wird bleiben vom Hotel Lutetia, in dem einst Josephine Baker, Henri Matisse und Pablo Picasso abgestiegen sind? Der Name des Hotels verweist auf die ursprüngliche Bezeichnung für Paris – und auf mehr.

In den 1930ern tagte hier der Lutetia-Kreis, deutsche Oppositionelle und Heimatvertriebene, unter ihnen Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und Ernst Toller. Bald aber wehte die Hakenkreuzfahne vom Dach, residierten Hitlers Spionageschergen in den Räumlichkeiten, die nach Kriegsende KZ-Überlebenden und Displaced Persons Obdach boten. Jahre sollten vergehen, ehe die Rede wieder auf den Glanz früher Tage kommen konnte, im Art-déco-Ambiente der Hotelbar, die auch Octavio Paz kannte. Längst zu Weltruhm gelangt und mit dem Nobelpreis für Literatur bedacht, nahm er oft im Hotel Lutetia Quartier. Doch Paz wusste um das Trauma der Okkupation und unmittelbaren Nachkriegszeit ebenso.

Reibung und Orientierung

Bereits 1945 trifft er das erste Mal in Paris ein. In den knapp sechs Jahren seines Aufenthalts schreibt er am Labyrinth der Einsamkeit und gilt hernach als eine der wichtigsten Stimmen Lateinamerikas. An ihr reiben sich in der Folge Autorinnen und Autoren, finden aber auch Orientierung. Eine davon Alejandra Pizarnik, zu deren viertem Lyrikband Paz 1962 ein Vorwort beisteuert.

Geboren wird Alejandra Pizarnik 1936 in Buenos Aires. Dorthin sind ihre Eltern, ukrainische Aschkenasim, unter Mithilfe eines Verwandten aus einem Pariser Vorort zwei Jahre zuvor geflohen. Früh zeigt sich Pizarniks Interesse an Literatur, jedoch auch ihr Hadern, nicht zuletzt an ihrer Sprache. Den osteuropäischen Akzent wird sie bis ans Lebensende nicht los, nicht das Stottern. Suizidgedanken werden zur Obsession, Alkohol, Drogen, das Überschreiten sexueller Schranken. Ihr Vorbild der Poète maudit, Rimbaud. Sie will es ihm gleichtun, in allen Belangen, das kann nur missglücken. Denn dass er als Neunzehnjähriger von der Dichtung ablässt, nur zu verständlich, "aber ich bin Dichterin", ruft sie sich desperat zu. Und veröffentlicht ihren ersten Band in jenem Alter, als der Franzose sich vom Schreiben abwendet. Pubertäres Getue? Eine Selbstinszenierung, gewiss, aber eine, die in tiefer Verzweiflung wurzelt.

Ihrem Erstling, sie verwirft ihn selbstredend, folgen weitere Lyrikbände, die sie zur bedeutendsten jüdischen Dichterin spanischer Sprache in der Moderne machen. Ab 1954 führt sie ferner ein Tagebuch, darin ihr Ringen um Sprache, ihr Wille zur Form, Prosa möchte sie schreiben, einen Roman, ihr permanentes Scheitern an diesem Vorhaben.

Das Tagebuch ist Teil ihres literarischen Schaffens, zu lesen wie ein Lebensroman, in dem Licht und Schatten sich fragmentieren und doch zum Ganzen fügen. Im Juli 1955 notiert sie: "Ich habe von meinen Vorfahren den Hang zur Flucht geerbt (...). Von jedem Zipfel Erde oder Meer haben sie sich etwas erschlichen und mich so geformt, wodurch sie mich zur ewigen Suche nach einem Herkunftsort verurteilt haben." Zu Silvester, vier Jahre später, sonnig: "Ich werde nach Paris fahren. Ich werde mich retten."

Im März 1960 geht sie an Bord eines Schiffes nach Frankreich. Sie wohnt zunächst bei jenen Verwandten, die ihren Eltern bei der Flucht geholfen haben, andere Familienmitglieder gibt es in Europa nicht mehr, sie sind deportiert und ermordet worden. Dann zieht Pizarnik ins Quartier Latin, sie verfasst Kritiken und Essays, wird Mitarbeiterin der Literaturzeitschrift Les Lettres Nouvelles, steht in regem Austausch mit Simone de Beauvoir, Marguerite Duras, Cortázar, Calvino und Paz. Doch die Schatten holen sie auch in Paris ein, in ihrem Tagebuch der Eintrag: "Der Wahnsinn. Er ist im Vormarsch." Sie kann nicht anders, "muss alles im Rausch erleben". Und: "Jedenfalls ist der Horizont immer mein Selbstmord."

Nach vier Jahren kehrt sie nach Buenos Aires zurück, "die Wörter hätten mich retten können, aber ich bin zu lebendig", schreibt sie und fragt, "wann hören wir auf zu fliehen? Wann? Wo? Wie? Für wen?" Im September 1972 nimmt sich Alejandra Pizarnik im Alter von 36 Jahren das Leben. In Paris wohnte sie zuletzt in der Rue Saint-Sulpice, zehn Gehminuten vom Hotel Lutetia entfernt. Oft spazierte sie den Boulevard Raspail hinauf bis Denfert-Rochereau und von dort weiter in den nahen Parc Montsouris. Je suis en route. (Christoph W. Bauer, Album, 16.4.2016)

  • "Die Wörter hätten mich retten können, aber ich bin zu lebendig", schreibt Pizarnik, die sich mit 36 Jahren das Leben nahm.
    foto: sara facio

    "Die Wörter hätten mich retten können, aber ich bin zu lebendig", schreibt Pizarnik, die sich mit 36 Jahren das Leben nahm.


  • Alejandra Pizarnik, "In einem  Anfang war die  Liebe Gewalt. Tagebücher". Deutsch: Klaus Laabes.  € 41,10 / 510 Seiten. Ammann,  Zürich 2007
    cover: ammann

    Alejandra Pizarnik, "In einem Anfang war die Liebe Gewalt. Tagebücher". Deutsch: Klaus Laabes. € 41,10 / 510 Seiten. Ammann, Zürich 2007

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