Wie Geld Mediziner beeinflusst

Blog22. April 2016, 15:54
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Pharmakonzerne unterwandern praktizierende Ärzte im großen Stil – zum Schaden von Patienten und Gesundheitssystem

Skandalöse Praktiken existieren in der Pharmabranche genauso wie in anderen Wirtschaftsbereichen. So hielt etwa Tamiflu-Hersteller Roche jahrelang negative Studienergebnisse zurück. Sie zeigten, dass das angeblich gut wirksame Mittel die Dauer einer Grippe um nicht einmal einen Tag verkürzen kann. Inzwischen hatten Regierungen auf der ganzen Welt Milliarden ausgegeben, um riesige Vorräte davon für eine Schweinegrippe-Pandemie anzulegen.

Die Pharmafirma Glaxo Smith Kline musste 2012 in den USA eine Rekordstrafe von drei Milliarden Dollar zahlen. Das Unternehmen hatte unter anderem verschwiegen, dass sein Antidepressivum Paroxetin bei Jugendlichen nicht hilft und sogar das Suizid-Risiko erhöht.

Unterwanderte Ärzteschaft

Doch der Filz reicht weit tiefer – bis hinein in die Spitäler und Arztpraxen. Mit seinem kürzlich erschienenen Buch "Die Pharma-Falle" sorgte der österreichische Neurologe und Oberarzt Fahmy Aboulenein diesbezüglich für Aufsehen.

Anhand persönlicher Erlebnisse erzählt er, wie Pharmafirmen Ärzte und Ärztinnen umwerben, damit diese ihre Produkte möglichst häufig verschreiben. Die meisten von Abouleneins Anekdoten decken sich gut mit den Verhältnissen in der Pharmaindustrie, wie ich sie kenne. So erhalten Krankenhäuser, Praxen und Apotheken regelmäßig Besuch von Pharmareferenten, um über ihre Medikamente zu informieren. Tatsächlich betreiben sie jedoch nichts anderes als Werbung.

Fortbildung mit Schlagseite

In Österreich müssen Mediziner – wie in den meisten anderen Ländern – regelmäßig Weiterbildungen besuchen. Der Arbeitgeber bezahlt dafür jedoch nichts. Hier springt die Pharmaindustrie ein. Einem Bericht des Wiener Ludwig-Boltzmann-Instituts (LBI) für Health Technology Assessment zufolge sponsert die Pharmaindustrie bis zu zwei Drittel der ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen in Österreich. Dem LBI zufolge findet Industrie-Sponsoring am häufigsten in medizinischen Feldern statt, in denen besonders hochpreisige Arzneimittel eingesetzt werden. Hier lässt sich durch mehr Verschreibungen offenbar der Umsatz am besten steigern.

Dass so keine objektive Weiterbildung für Ärzte möglich ist, liegt auf der Hand. In vielen anderen Berufsfeldern zahlen Berufstätige Weiterbildungen aus der eigenen Tasche oder bekommen sie vom Arbeitgeber finanziert. Eine Lösung wäre auch, einen unabhängigen Fortbildungsfonds einzurichten, in den die Pharmaindustrie einzahlen kann.

Gekaufte Experten

In meinen Gesprächen mit Ärzten höre ich immer wieder, dass viele von der Pharmawerbung genug haben. Sie sind auch der Praxis überdrüssig, dass die Industrie die Ärzteschaft über ihre eigenen Kollegen zu beeinflussen versucht. Diese Kollegen sind angesehene Experten in ihrem Fach und werden daher von der Industrie als Meinungsbildner umworben und als "Berater" bezahlt.

Bei Fortbildungen und Vorträgen bescheinigen sie dann einem bestimmten Medikament die beste Wirksamkeit und Sicherheit. Für ein entsprechendes Honorar sind etliche sogar bereit, ihren Namen unter wissenschaftliche Arbeiten zu setzen, die in Wahrheit ein Ghostwriter der Industrie verfasst hat. Im Jahr 2008 traf dies auf etwa acht Prozent der publizierten Forschungsergebnisse zu.

Dass diese Praxis der Unterwanderung äußerst lukrativ ist, zeigen interne Dokumente der Pharmaindustrie, die im Zuge von Klagen in den USA publik wurden. Für jeden Euro, den ein Pharmaunternehmen in einen ärztlichen Meinungsbildner investiert, lukriert es am Ende rund dreieinhalb Euro an Gewinn, weil Ärzte etwa teurere Medikamente verschreiben, obwohl günstigere Arzneimittel ebenso wirksam wären.

Das interne Pharmadokument zeigt, wie exakt die Marketingstrategen kalkulieren und wie naiv die Ärzteschaft dem gegenübersteht. Insgesamt gibt die Pharmabranche etwa doppelt so viel für Werbung und Sponsoring aus, wie sie in tatsächliche Forschung investiert.

Der Gesetzgeber verbietet allerdings Werbemaßnahmen oder finanzielle Unterstützung bei Kongressen nicht. Ärzte scheinen dieser Praxis positiv gegenüberzustehen. In Deutschland etwa hat sich der Verein "Mein Essen zahle ich selbst" (MEZIS) gebildet – mit für Deutschland bescheidenen 600 Mitgliedern. In Österreich ist das Interesse an einer kritischen Haltung verschwinden wollend, laut Initiator Dr. Franz Piribauer hat MEZIS Österreich traurige acht Mitglieder.

Gravierende Änderungen nötig

Meiner Meinung nach geht es darum, eine andere Denkkultur zu etablieren. Anfüttern der Ärzteschaft darf kein Kavaliersdelikt sein. In den USA sind Pharmafirmen seit 2010 verpflichtet, Zahlungen an Ärzte offenzulegen. Seit 2014 kann jeder in einer Online-Datenbank nachlesen, wie viel Geld sein Arzt von welchem Pharmaunternehmen erhalten hat.

Österreich hinkt hier deutlich nach. Seit 2015 muss die Industrie hierzulande Sponsoringausgaben für ärztliche Fortbildung offenlegen. Veröffentlicht werden muss jedoch nur die Gesamtsumme. Wie viel welcher Arzt konkret von welcher Firma erhält, bleibt weiter im Dunkeln.

Manche Forderungen gehen noch viel weiter. Eine US-amerikanische Experteninitiative verlangt, Sponsoring in der ärztlichen Fortbildung weitestgehend zu verbieten. Geschenke und Einladungen zum Essen sollen untersagt sein. (Gerald Gartlehner, 15.4.2016)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vizedirektor des Research Triangle Institute – University of North Carolina, Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

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  • In seinem Buch "Die Pharma-Falle" beschreibt der Wiener Neurologe Fahmy Aboulenein die verfilzten Strukturen zwischen Pharmaindustrie und Ärzteschaft.
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  • Fahmy AbouleneinDie Pharma-FalleEdition a, 2016224 Seiten, 21,90 Euro
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    Fahmy Aboulenein
    Die Pharma-Falle

    Edition a, 2016
    224 Seiten, 21,90 Euro

  • EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.
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