Rocket Internet mit hohem Verlust: Durchhalteparolen

15. April 2016, 08:01
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Börsegang von "HelloFresh" zieht sich – 2015 viel Geld verbrannt

Durchhalteparolen bei der Berliner Startup-Schmiede Rocket Internet: "2016 wird anders", sagte Firmenchef Oliver Samwer am Donnerstag. Für 2015 gab das Unternehmen einen hohen Verlust bekannt. Nun werde der Fehlbetrag sinken. Samwer versicherte, bis Ende kommenden Jahres würden mindestens drei seiner Beteiligungen die Gewinnschwelle erreichen.

Denn bisher wachsen die größten Startups von Rocket – wie der Kochbox-Anbieter HelloFresh, Essenslieferdienst Delivery Hero und die Möbelhändler Westwing und Home24 – zwar stark, sie häufen aber überwiegend immer höhere Verluste an. So kam HelloFresh 2015 auf ein Umsatzplus von 335 Prozent, dabei weitete der Börsenanwärter seinen Fehlbetrag allerdings auch um mehr als 670 Prozent aus.

Die "Rocket"-Aktie fiel bis zum Nachmittag um mehr als 10 Prozent. Investoren sind seit längerem verunsichert, ob Rocket letztlich mit seinem Geschäftsmodell – dem Gründen und Verkaufen von Startups – Geld verdienen kann. Bisher verbrennen die Berliner Unternehmen dabei vor allem ihr Kapital.

Milliardenverlust

So häuften die größten Beteiligungen im vergangenen Jahr einen Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von einer Milliarde Euro an. Den Wert des Firmenportfolios schätzt Finanzchef Peter Kimpel weiterhin auf rund 6 Mrd. Euro. Angesichts mehrerer Kapitalmaßnahmen verfügte Rocket Ende 2015 trotzdem über Bargeld in Höhe von 1,8 Mrd. Euro.

Im vergangenen September hatte Samwer unter anderem vorgegeben, in den nächsten 18 Monaten mindestens eine seiner Beteiligungen an die Börse zu bringen und somit frisches Kapital einzusammeln. Dieses Ziel schwächte der Firmenchef nun ab. Es könne in Abhängigkeit von den Finanzmärkten auch länger dauern.

Unterdessen versucht Samwer mehr Ordnung in das weltweite Startup-Netz zu bekommen. So trennte sich Rocket im Februar in einigen Märkten von seinen Essenslieferdiensten, sicherte seinem E-Commerce-Geschäft in Afrika im März eine umfangreiche Finanzierungsrunde, an der sich unter anderem Goldman Sachs beteiligte, und entließ in einigen Beteiligungen Mitarbeiter.

Beteiligungen abgestoßen

Erst am Dienstag veräußerte die Firma für 137 Mio. Dollar einen Großteil ihres Anteils am südostasiatischen Onlinehändler Lazada an Alibaba, was an der Börse gefeiert wurde. Den Betrag will Rocket ins weitere Wachstum stecken, genau wie die Mittel aus dem Wachstumskapitalfonds, die nunmehr bei 655 Mio. Euro liegen. Weitere Kapitalmaßnahmen sollen damit verhindert werden.

Rocket zufolge zeigen der Onlinehändler Namshi aus dem Nahen Osten und Westwing bisher die größten Fortschritte auf dem Weg zur Gewinnschwelle. Ingesamt habe sich bei den größten Beteiligungen die – allerdings immer noch negative – Ebitda-Marge im Schnitt um sechs Prozentpunkte auf 29,7 Prozent verbessert. Der Umsatz stieg im vergangenen Jahr um rund 69 Prozent auf 2,4 Mrd. Euro.

Samwer wollte heute nicht sagen, wann der im vergangenen Jahr abgesagte Börsengang des Lebensmittel-Versenders HelloFresh nachgeholt werden könnte. Der Umsatz der Firma, die im Abo Pakete mit Lebensmitteln zu vorgegebenen Rezepten verschickt, sprang im vergangenen Jahr von knapp 70 auf 305 Millionen Euro hoch. Zugleich wuchs aber auch der bereinigte operative Verlust von 12,2 auf 86,2 Millionen Euro. Rocket Internet strebte für HelloFresh beim Börsengang eine Bewertung von 2,6 Mrd. Euro an, die jedoch schwer zu erreichen war.

Rocket selbst machte unter dem Strich einen Verlust von knapp 198 Mio. Euro. Der Umsatz von Rocket Internet blieb praktisch unverändert bei gut 128 Millionen Euro – bei der Dachgesellschaft werden aber nur die Beteiligungen an zahlreichen Internet-Firmen verwaltet. Die Umsätze der Start-ups fließen in diesen Wert nicht ein. (APA, 15.4.2016)

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