Telekom-Prozess: Geld im Papiersackerl "Riesenfehler"

14. April 2016, 21:00
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Die Angeklagten im Telekom-Prozess rechtfertigten die Kursmanipulationen mit der Abwehr von Kursangriffen. Erfolgsprämien zahlte man trotz Ungereimtheiten

Wien – Endgültige Klarheit über die Abläufe bei der Überweisung von insgesamt 9,8 Millionen Euro an den vierköpfigen Vorstand der Telekom Austria (TA) und 95 Führungskräfte soll Franz Nigl bringen. Der frühere TA-Personalchef, der später zur ÖBB wechselte und nun bei der Post werkt, wird am 12. Mai als letzter Zeuge im neuerlichen Prozess rund um die TA-Kursmanipulationen befragt.

Nigls Aussage kann insofern maßgeblich sein, als es nicht nur der Staatsanwaltschaft darum geht, zu klären, ob die Überweisung der Erfolgsprämien aus dem seit dem Jahr 2000 laufenden Erfolgsprämienmodell automatisch erfolgte, oder eigens angeordnet werden musste.

Der Oberste Gerichtshof (OGH) hatte bemängelt, dass das Erstgericht nicht geprüft hatte, ob die Auszahlung der Erfolgsprämien an den Vorstand mithilfe betrügerischer Handlungen erwirkt worden war, und ob der Vorstand seinerseits bei der Prämienzahlung an die TA-Führungskräfte wissentlich Befugnisse missbrauchte (Untreue). Die Causa Kursmanipulationen im Februar 2004 wird am Wiener Straflandesgericht nicht neu verhandelt, diesbezüglich wurden die Urteile wegen Untreue gegen zwei ehemalige TA-Vorstandsdirektoren, einen Prokuristen und den dienstbaren Broker nicht aufgehoben.

Lange Verfahrensdauer

Allerdings könnte sich das Strafmaß ändern. Lange Verfahrensdauer gilt gemeinhin als Milderungsgrund. Ex-Festnetz-Vorstand Rudolf Fischer hatte im Frühjahr 2013 drei Jahre Haft ausgefasst, Ex-Finanzchef Stefano Colombo 3,5 Jahre und Banker Johann Wanovits fünf, während der teilgeständige Prokurist drei Jahre bekam, davon eines unbedingt.

Geheuer war der mysteriöse Kurssprung in den letzten Sekunden des letzten für das Employee-Stock-Option-Programm (Esop) maßgeblichen Börsenhandelstages auch dem damaligen TA-Aufsichtsratspräsidenten und ÖIAG-Chef Peter Michaelis nicht. Weil die Finanzmarktaufsicht FMA prüfte, blockierte er nicht nur die Auszahlung an den Vorstand, sondern gab auch der TA-Führung zu verstehen, dass Prämien der Führungskräfte zurückzuhalten waren, schilderte er bei seiner Zeugenaussage am Donnerstag.

Kein rauchender Colt

Als die FMA keinen rauchenden Colt fand – Beweise für Kursbildung in rechtswidriger Weise wären ein solcher gewesen, ersetzte er den Auszahlungsstopp durch einen Vorbehalt im Fall allfälliger Malversationen. Kursangriffe, auf deren Abwehr sich die Angeklagten im Prozess wortreich beriefen, seien nicht klar ersichtlich gewesen, gab Michaelis zu Protokoll. Der TA-Generaldirektor habe den Kurssprung beispielsweise auch auf Änderungen im Morgan Stanley Caital Index (MSCI) zurückgeführt.

Dass die FMA die über die Deutsche Bank agierenden "Angreifer" nicht ausforschte, wurmt insbesondere Broker Wanovits. Er wurde zwar vom Vorwurf der Kursmanipulation exkulpiert (war damals noch nicht strafbar), handelte sich mit der von der TA-Führung und dem Kronzeugen angezettelten Aktienorder aber existenzielle Probleme ein. Sein Institut Euroinvest überschritt die Großveranlagungsgrenze (25 Prozent des Eigenkapitals) und wurde dafür von der FMA bestraft. Mögliche Kursgewinne konnte er nicht realisieren, weil er die auf Pump und eigenes Risiko gekauften TA-Papiere nach zwei Tagen wieder verkaufen musste.

Wollte Telekom im Boot haben

Womit eine mögliche Erklärung vorliegt, warum Wanovits die TA im Boot haben wollte und (mündlich) eine Million Euro Honorar vereinbart hatte. Die stotterte die TA in Form von Barzahlungen in Papiersackerl (690.000 Euro) und Honoraren für Scheinaufträge ab. "Ein Riesenfehler", wie Wanovits beteuerte. "Die Causa hat mein Leben zerstört."

Ursprünglich habe er mit der TA eine Geschäftsbeziehung aufbauen, Finanzdienstleistungen für die Telekom erbringen wollen, wurde Wanovits nicht müde, zu betonen. Das sei nach der FMA-Untersuchung aber nicht mehr erwünscht gewesen. Eingeladen, ins Sackerl zu greifen und sich zu bedienen, wie behauptet, habe er weder den Kronzeugen noch den Prokuristen. "Das schwöre ich bei meinem Augenlicht." (Luise Ungerboeck, 14.4.2016)

  • Müssen sich für Kurspflege und Scheingeschäfte verantworten: Die früheren Telekom-Vorstandsdirektoren Stefano Colombo und Rudolf Fischer (rechts).
    foto: apa / helmut fohringer

    Müssen sich für Kurspflege und Scheingeschäfte verantworten: Die früheren Telekom-Vorstandsdirektoren Stefano Colombo und Rudolf Fischer (rechts).

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