Chicago: Rassismus von Polizisten systematisch

14. April 2016, 16:47
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Eine unabhängige Expertenkommission kommt zu dem Schluss, dass das fehlende Vertrauen der Bevölkerung in die Polizeibehörde gerechtfertigt ist

Chicago/Wien – Es waren 16 Schüsse, die den "Code des Schweigens" der Polizeieinheit von Chicago brechen sollten. Mit 16 Schüssen wurde am 20. Oktober 2014 der 17-jährige Laquan M. von einem Polizisten auf offener Straße erschossen. Das Opfer war schwarz, der Polizist, der ein Jahr später wegen Mordes verurteilt wurde, ist weiß. Der Fall war nur einer von vielen Vorfällen, die durch strukturellen Rassismus in der drittgrößten Polizeibehörde der USA möglich gemacht worden waren.

Eine Untersuchungskommission, die von Bürgermeister Rahm Emanuel nach der Verurteilung des Beamten eingesetzt worden war, veröffentlichte am Mittwoch ihren Endbericht: "Die eigenen Daten der Polizei beweisen den weitverbreiteten Glauben, dass die Polizei keinen Respekt vor der Unantastbarkeit des Lebens hat, wenn es um Schwarze geht."

Statistik beweist

Belegt wird die Conclusio der unabhängigen Kommission, die aus Sozialarbeitern, Anwälten und Behördenmitarbeitern verschiedener Ethnien zusammengesetzt ist, durch die Statistik. In Chicago leben jeweils zu etwa einem Drittel weiße, schwarze und hispanische Bürger. Jedoch waren 74 Prozent der von Polizisten erschossenen Menschen zwischen 2008 und 2015 schwarzer Hautfarbe.

72 Prozent der tausenden Fahrzeugkontrollen während des Sommers 2014 wurden an schwarzen Bürgern durchgeführt. "Das Misstrauen der Bevölkerung gegen die Polizei von Chicago ist gerechtfertigt", schlussfolgert die Kommission in ihrem Bericht. Immer wieder hätten die Mitglieder des Gremiums von Afroamerikanern erzählt bekommen, dass einige Polizisten Rassisten sind.

Gegen Gewerkschaften

Ein weiterer Kritikpunkt in dem Bericht sind die Verträge der Stadt mit Polizeigewerkschaften. Vor allem gewisse Klauseln sollten überarbeitet werden, die es laut Bericht "den Beamten einfach machen, in offiziellen Berichten zu lügen" oder anonyme Bürgerbeschwerden zu ignorieren. Diese Verträge würden den "Code des Schweigens" unter den Polizisten zur offiziellen Vorgehensweise machen.

Mehr als 100 Reformvorschläge haben die Experten vorgebracht, unter anderem auch die Ausweitung des städtischen Programms, das die Beamten mit Kameras an ihren Uniformen ausstattet. Außerdem sollte die bisherige unabhängige Prüfungskommission der Polizei, die "schwer defekt" sei, vollkommen ausgetauscht werden.

Neuer Chef

Einen ersten Schritt zur Reform setzte Bürgermeister Emanuel am Mittwoch selbst: Er gelobte Eddie Johnson als neuen Polizeichef von Chicago an. Der Afroamerikaner hat bereits 27 Jahre Erfahrung im Polizeidienst und wuchs in einem sozialen Wohnprojekt auf. Mit der Auswahl Johnsons umging Emanuel eine Bestimmung, der zufolge der Polizeichef aus der Reihe von Kandidaten eines Polizeigremiums gewählt wird. Johnson wurde jedoch einstimmig vom Stadtrat angenommen.

Der Polizeichef fand sogleich starke Worte im Gespräch mit Journalisten: "Es gibt Rassismus in den USA. Es gibt Rassismus in Chicago. Also leuchtet es ein, dass es auch Rassismus in unserer Behörde gibt. Mein Ziel ist es, diesen Rassismus auszulöschen."

Die Veröffentlichung des Berichts geschieht während einer Zeit, in der mehr Verbrechen in Chicago passieren. So ist die Mordrate in den ersten Monaten 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 84 Prozent gestiegen. (bbl, 14.4.2016)

  • Diese Woche kam es wieder zu Demos gegen Polizeigewalt.
    foto: apa/afp/getty images/scott olson

    Diese Woche kam es wieder zu Demos gegen Polizeigewalt.

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