Die Ungleichheit zwischen Kindern in Industriestaaten wächst

14. April 2016, 12:04
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Auch in reichen Ländern sind ärmere Kinder kränker, unzufriedener und können schlechter lesen als Mittelschichtskinder

Paris/Wien – Die Ungleichheit zwischen Kindern ist in vielen Industrieländern gewachsen. Bei Gesundheit, Lesekompetenz und Lebenszufriedenheit bleiben Kinder vom unteren Rand der Gesellschaft in den meisten Ländern weiter hinter dem Durchschnitt zurück, wie eine am Donnerstag veröffentlichte Studie des UN-Kinderhilfswerks Unicef zeigt.

Österreich landet unter 41 Staaten der EU und der OECD an fünfter Stelle. Bei der Kindergesundheit liegt Österreich sogar auf dem ersten Platz, hier sind Unterschiede deutlich weniger ausgeprägt als in anderen Industriestaaten.

Dänemark vorne

Unicef untersuchte, wie gut sich die EU-Länder und OECD-Staaten um das Wohlbefinden der am stärksten benachteiligten Kinder kümmern. Dabei geht es um Unterschiede bei Einkommen, Bildung, Gesundheit und persönlicher Lebenszufriedenheit zwischen den ärmsten Kindern und jenen in der Mitte der Gesellschaft.

Am besten schneidet demnach Dänemark ab mit der geringsten Ungleichheit zwischen Kindern, gefolgt von Finnland, Norwegen und der Schweiz, die sich den zweiten Platz teilen. Ganz am Ende landen Israel und die Türkei. Bei einigen Ländern fehlten Indikatoren für die Untersuchung.

Große Unterschiede sichtbar

Benachteiligte Kinder bleiben in den reichen Industriestaaten oft deutlich hinter ihren Altersgenossen zurück. Es gebe nur wenige Fortschritte beim Schließen der Kluft zwischen den untersten zehn Prozent der Kinder und denen aus der Mitte der Gesellschaft, heißt es in dem am Donnerstag veröffentlichten Unicef-Bericht. So habe sich die Lücke beim verfügbaren Haushaltseinkommen von 2008 bis 2013 in mehr als der Hälfte der Industriestaaten noch weiter vergrößert. Auch bei Bildung, Gesundheit und Lebenszufriedenheit sind die Unterschiede weiterhin deutlich.

"Ungleichheiten überlappen und verstärken sich gegenseitig", warnt das UN-Kinderhilfswerk. Und: "Soziale und wirtschaftliche Nachteile zu Beginn des Lebens erhöhen das Risiko niedrigen Einkommens, niedrigerer Gesundheitsstandards und geringerer Fähigkeiten im Erwachsenenleben."

Die Studie dreht die Diskussion um Ungleichheit gewissermaßen um. Anstatt zu fragen, wie weit die obersten zehn Prozent dem Rest voraus sind, schaut sie für jedes Kriterium, wie weit die Kinder mit den jeweils schlechtesten Werten hinter der gesellschaftlichen Mitte zurückliegen.

Einkommen der Armen wächst langsamer

"Einige Länder haben es geschafft, in einigen Bereichen große Fortschritte zu erzielen", sagte der Sozialwissenschafter Stefan Kühner von der Universität York, einer der Autoren des Berichts, der Deutschen Presse-Agentur. "Im Allgemeinen sind die Veränderungen aber ein bisschen enttäuschend."

Beispiel Einkommen: In den meisten Industrieländern sind die Einkommen der ärmsten Familien langsamer gewachsen als in der Mitte der Gesellschaft. In 19 Ländern verfügen der Studie zufolge die zehn Prozent der ärmsten Kinder über weniger als die Hälfte des Einkommens ihrer Altersgenossen in der Mitte. In Ländern wie Griechenland, Italien, Israel, Japan oder Mexiko ist die Kluft sogar noch größer. "Das ist nach der Finanzkrise in vielen Staaten schlechter geworden", so Kühner.

Lesekompetenz als Ausdruck

Beispiel Lesekompetenz: Deutschland gehört zugleich zu jenen Ländern, in denen die Kluft bei der Lesekompetenz, beim Rechnen und in Naturwissenschaften zwischen den untersten zehn Prozent und dem Durchschnitt am stärksten verringert wurde. In Finnland und Schweden, die bis vor kurzem noch als Beispiele für hohe Bildungsstandards und Bildungsgerechtigkeit galten, sind Unicef zufolge die Ungleichheiten hingegen gewachsen.

In den OECD-Ländern liegen die am meisten benachteiligten Kinder beim Leseverständnis drei Schuljahre hinter dem Durchschnitt zurück. In Bulgarien, Chile, Mexiko und Rumänien haben rund ein Viertel der 15-Jährigen mangelnde Fähigkeiten und Kompetenzen bei der Lösung grundlegender Aufgaben.

Geringe Lebenszufriedenheit

Benachteiligte Kinder haben auch häufiger gesundheitliche Probleme. In 25 Ländern klagt mehr als eines von fünf Kindern täglich über eine oder mehrere Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bauchweh, Rückenschmerzen oder Schlafprobleme. In der Türkei sagt dies sogar mehr als die Hälfte der Kinder.

Auch die Unterschiede in der persönlichen Lebenszufriedenheit wuchsen. In den reichen Ländern bewerten die meisten Mädchen und Buben ihre Lebenszufriedenheit auf einer Skala mit acht von zehn möglichen Punkten. In den meisten Industrieländern schätzt aber mehr als eines von 20 Kindern seine Lebenszufriedenheit auf maximal vier von zehn Punkten.

Der Bericht fordert Regierungen auf, mehr für das Wohlbefinden aller Kinder zu tun, und dazu unter anderem das Einkommen der ärmsten Kinder mit Sozialtransfers zu sichern. Außerdem sollten Bildungschancen für benachteiligte Kinder verbessert werden – dies müsse nicht zwangsläufig zu einem allgemein sinkenden Bildungsniveau führen, heißt es unter Verweis auf Erfahrungen in Dänemark, Estland und Polen. Dort sei es gelungen, die Kluft zu verringern und gleichzeitig das allgemeine Leistungsniveau anzuheben. (APA, red, 14.4.2016)

  • Abgehängt: Benachteiligte Kinder bleiben in den reichen Industriestaaten oft deutlich hinter ihren Altersgenossen zurück.
    foto: apa

    Abgehängt: Benachteiligte Kinder bleiben in den reichen Industriestaaten oft deutlich hinter ihren Altersgenossen zurück.

  • Die Zahlen im Detail.
    foto: apa

    Die Zahlen im Detail.

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