Warum die Wirtschaft kaum vom billigen Öl profitiert

14. April 2016, 11:55
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2015 sank der Ölpreis um die Hälfte, entgegen der Lehrmeinung wirkt sich das kaum auf die Konjunktur aus

Washington – Die Weltwirtschaft hält für Ökonomen derzeit viele Rätsel bereit. Zu den kniffligsten zählt aber sicher die Sache mit dem billigen Öl. Der Ölpreis ist seit Mitte 2014 kollabiert, allein im vergangenen Jahr sank der Preis für ein Fass Rohöl der Sorte Brent um 50 Prozent. Laut Lehrbüchern ist in so einem Fall klar, was geschieht: Der niedrigere Preis sorgt dafür, dass die Konjunktur in den ölimportierenden Ländern spürbar anzieht. Denn die Bürger sparen ja bei jeder Tankfüllung Geld, ihnen bleibt also mehr übrig, um Fernseher, Kühlschränke und neue Computer zu kaufen. Industrieunternehmen profitieren ebenfalls, weil ihre Energieausgaben sinken.

Doch aktuell scheint sich nichts von alledem auszuwirken. Der Internationale Währungsfonds hat diese Woche seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft nach unten revidiert. Die Eurozone wächst mit mageren 1,6 Prozent, kommt also kaum vom Fleck. In Japan droht im kommenden Jahr sogar wieder eine Rezession. Grund für die Korrektur der Prognosen war ausgerechnet, dass die Konjunktur Ende 2015, als die Ölpreise im totalen Sturzflug waren, abgeflaut ist. Was aber ist der Grund dafür, warum können die gesunkenen Energiepreise die Konjunktur nicht beleben?

Ölproduktion steigt

Dieser Frage gehen die IWF-Experten rund um ihren Chefökonomen Maurice Obstfeld in zwei neuen Analysen nach. Obstfeld und seine Kollegen halten zunächst einmal fest, dass der größte Teil des Preisverfalls im vergangenen Jahr darauf zurückzuführen ist, dass die Ölproduktion zugelegt hat, das Angebot also gestiegen ist. Der niedrige Preis ist also nicht eine Folge davon, dass Unternehmen weniger Öl nachfragen, was ein klares Anzeichen für eine Krise ist.

In einer Modellberechnung kommt der IWF aber zu dem Schluss, dass die Weltwirtschaft auch vom angebotsseitigen Preisverfall nicht profitiert. Zwar gab es leicht positive Konjunkturimpulse für Industrieländer. Doch die niedrigen Energiepreise belasten die Budgets von Ölexporteuren wie Saudi-Arabien, Russland und Nigeria. Diese Länder mussten also ihre Ausgaben kürzen, was die globale Nachfrage dämpft. Hinzu kommt, dass Unternehmen in Industrieländern nicht nur Nettoprofiteure waren. Laut IWF sind die Investitionen in den Öl- und Gassektor 2015 im Vergleich zu 2014 um 215 Milliarden Dollar (188 Milliarden Euro) zurückgegangen. Dieser Rückgang hat viele US-Energieunternehmen hart getroffen, die in den vergangenen Jahren in neue Fördertechnologien, Stichwort Fracking, investiert haben.

Trotzdem bleibt für Obstfeld das Rätsel. Denn historische Erfahrungen mit fallenden Ölpreisen legen nahe, dass die Konjunktur in den Industrieländern stärker anziehen und die negativen Effekte mehr als kompensieren hätte müssen.

Nullzinspolitik als Grund

Dass das nicht geschehen ist, dürfte laut IWF an der Niedrigzinspolitik der Notenbanken liegen. Zur Erklärung: Ein sinkender Ölpreis führt dazu, dass die Inflation und – was vielleicht noch wichtiger ist – die Inflationserwartungen in ölimportierenden Länden zurückgehen. Genau das ist laut IWF in Europa geschehen. Inflation bedeutet Geldentwertung, wovon Kreditnehmer profitieren. Sinkt die Inflation, heißt das daher automatisch, wenn alles andere gleich bleibt, dass die realen Zinssätze steigen. Für Schuldner wird es also teurer, einen Kredit aufzunehmen. Das kann dazu führen, dass Unternehmen und Häuslbauer lieber die Finger von Darlehen lassen und Investitionen aufschieben.

In der Vergangenheit konnten Zentralbanken, wenn Ölpreise und damit die Inflation fielen, darauf reagieren und die Leitzinsen senken. Damit steuerten sie gegen, weil sie Kredite wieder verbilligen konnten. Doch die Zinssätze sind in Industrieländern aktuell bei null, in vielen Fällen sogar darunter. Die Notenbanken können also nicht aushelfen. Der steigende Realzinssatz durch das billige Öl "erstickt" daher laut den IWF-Ökonomen einen möglichen Anstieg von Produktion und Beschäftigung, den man eigentlich erwartet hat. (András Szigetvari aus Washington, 14.4.2016)

  • Der Ölpreis ist seit Mitte 2014 kollabiert.
    foto: reuters/essam al-sudani

    Der Ölpreis ist seit Mitte 2014 kollabiert.

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