Verkehrte Zinsenwelt macht Deutschland Angst

14. April 2016, 07:00
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Die Geldpolitik der EZB setzt vor allem den deutschen Bankensektor unter Druck. Die Nervosität in Berlin steigt

Wenn von Krisen in der Eurozone die Rede ist, denken die meisten Menschen an Griechenland, Italien, Spanien und vielleicht an Portugal. Klar, auch in Nordeuropa gibt es wenig Wachstum. Aber im Süden, da sind die wirtschaftlichen Probleme zu Hause. Eine am Mittwoch vorgestellte Analyse des Internationalen Währungsfonds (IWF) wirft ein neues Licht auf die Schwierigkeiten in Europa.

Demnach sind es aktuell die deutschen Banken, die in einem Schlamassel stecken: Den Kreditinstituten und Sparkassen in der Bundesrepublik bricht gerade ihre bewährte Geschäftsbasis weg. Schuld daran, und das macht die ganze Sache zu einem Thema mit politischer Sprengkraft, ist ausgerechnet ein Italiener: der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi.

Finanzwelt funktioniert anders

Um zu verstehen, warum sich der IWF plötzlich um das deutsche Finanzsystem sorgt und was Draghi damit zu tun hat, muss man einen Kopfstand machen. Die Finanzwelt funktioniert seit einigen Monaten anders als gewohnt, sie steht Kopf.

Wer sein Geld bei einer Bank anlegt, erhält dafür Zinsen, wer einen Kredit aufnimmt, muss Zinsen zahlen: Das war eine Faustregel im Wirtschaftsleben. Heute ist das anders. Als Reaktion auf die nicht enden wollende Krise haben Zentralbanken in Europa und in Japan in den vergangenen Monaten begonnen, mit Negativzinsen zu experimentieren. Sechs Notenbanken, darunter die EZB, haben sie in der einen oder anderen Form bereits eingeführt.

Strafzinsen für Banken

In der Eurozone gilt, dass Kreditinstitute einen Strafzins zahlen müssen, weil sie zu viel erspartes Geld vorrätig halten. Auf 700 Milliarden Euro beläuft sich die Überschussliquidität in der Eurozone aktuell. Dieses Geld liegt auf Konten der Banken bei der EZB. Es fließt nicht an Unternehmen und Häuslbauer. Das liegt daran, dass zu wenig Darlehen vergeben werden. Mit dem Strafzins will die EZB Banken dazu bringen, mehr Kredite zu vergeben.

Da die deutschen Haushalte und Unternehmen die eifrigsten Sparer sind, ist die überschüssige Liquidität der deutschen Banken am höchsten. Auf sie entfallen 270 Milliarden Euro, also beinahe 40 Prozent des Gesamtvolumens. Die deutschen Sparkassen und Banken zahlen also den Löwenanteil des Strafzinses.

Deutsche Banken im Würgegriff

Sie können diese Verluste nicht an ihre Kunden weitergeben. Wenn die Zinsen aufs Sparbuch negativ werden, würden die meisten kleinen Sparer ihr Geld abziehen und unter die Matratze legen. Die deutschen Banken stecken also in einem Würgegriff fest. Darunter leiden auch Banken in Frankreich, Österreich und den Niederlanden, die ebenfalls Überschussländer sind.

Doch laut IWF treffen die rückläufigen Einnahmen aus dem Zinsgeschäft Institute in Deutschland härter als in den meisten anderen Ländern. Deutsche Sparkassen und Volksbanken haben lange ein sehr traditionelles Geschäftsmodell verfolgt, ihre Bilanzen sind stark von den Zinseinnahmen abhängig. Sinkt die Gewinnspanne hier nur um 0,1 Prozent, lässt das die Vorsteuerprofite der deutschen Institute laut IWF im Schnitt um 30 Prozent einbrechen. In Frankreich und Spanien sind es 20 Prozent. Jede achte Bank in der industrialisierten Welt wird ihr Geschäftsmodell in den kommenden Jahren umstellen müssen oder nicht überleben können, sagt der IWF. Ein im Vergleich zur Wirtschaftskraft des Landes hoher Anteil davon dürfte auf Deutschland entfallen.

Draghi als Helfer der AfD

Diese Berechnungen sorgen im deutschen Finanzministerium zunehmend für Unruhe. In den vergangenen Tagen hat Finanzminister Wolfgang Schäuble eine Offensive gegen Draghi gestartet: Die Niedrigzinspolitik sei inzwischen Teil des Problems und nicht der Lösung, beklagt Schäuble. Man müsse beginnen, an einem Ausstieg zu arbeiten. Und er legt nach: Dass die EZB die Sparer verärgert, erkläre 50 Prozent des Erfolgs der Alternative für Deutschland (AfD). Schäuble will das Thema bei der Frühjahrstagung des IWF am Freitag und Samstag in Washington ansprechen. Das sorgt zunehmend für Unruhe. Denn der Erfolg der EZB-Maßnahmen hängt davon ab, dass das wichtigste Euroland nicht querschießt.

Im Währungsfonds an der Pennsylvania Avenue versucht man daher, Draghi beizuspringen. "Die Vorteile der EZB-Strategie überwiegen die Nachteile", sagt José Viñals, der die Bankenabteilung beim Fonds leitet.

Südeuropa profitiert von EZB-Strategie

Die EZB-Strategie hilft direkt zwar vor allem Südeuropa. Dort hat die aggressive Politik ja bereits dazu geführt, dass Unternehmen wieder billiger an Kredite kommen. Die Banken in Spanien, Italien und Portugal haben im Zuge der Krise viel Vertrauen eingebüßt. Sie brauchen die EZB, um ihre täglichen Geschäfte zu refinanzieren. Doch diese Stabilisierung des Südens kommt der ganzen Eurozone zugute, sagt Viñals. Unter der Hand heißt es auch, die deutsche Regierung betreibe ein reines Ablenkungsmanöver. "Die AfD interessieren die Flüchtlinge, nicht Draghi", sagt ein IWF-Diplomat. (András Szigetvari aus Washington, 14.4.2016)

  • Die Finanzwelt funktioniert nach eigenen Gesetzmäßigkeiten. Weltweit haben sechs Notenbanken bereits Negativzinsen in der einen oder anderen Form eingeführt. Neben der EZB betreibt auch die Bank of Japan eine Politik des billigen Geldes.
    foto: imago/peters

    Die Finanzwelt funktioniert nach eigenen Gesetzmäßigkeiten. Weltweit haben sechs Notenbanken bereits Negativzinsen in der einen oder anderen Form eingeführt. Neben der EZB betreibt auch die Bank of Japan eine Politik des billigen Geldes.

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